Logbuch
VATER STAAT.
Was man von Vater und Mutter zu halten habe, das hängt sehr stark davon ab, wie man seine eigene Kindheit erlebt hat. In diesem Satz liegt nicht allzu viel Weisheit. Und doch geht er mir durch den Kopf, als ich den Artikel 1 des Grundgesetzes mal wieder lese. Das ist nämlich von keinem gütigen Vater die Rede, schon eher von mütterlichen Tugenden.
Unsere Verfassung (und das ist das Grundgesetz, die Verfassung des Gemeinwesens) spricht eingangs ganz ausdrücklich von „staatlicher Gewalt“; nicht von der Harmonie einer heiligen Familie. Der Staat ist hier ein Gewalttätiger, wenn nicht gar ein Gewalttäter, dem Verpflichtungen auferlegt werden. Das Grundgesetz zügelt die Rechte des Staates, nicht die der Bürger. Das entspricht der Erfahrung, die die Eltern dieses Grundgesetzes mit dem Vorgängerstaat hatten.
Der hatte einen Weltkrieg vom Zaune gebrochen, der ganze Völker dahinraffte. Mein Herr Vater hat es immer so empfunden, einer Generation angehört zu haben, die diesen Irrsinn nur zufällig überlebt hatte. Ich bin Kind eines historischen Zufalls; das verpflichtet, dem Säbelrasseln nicht mit Hurra zu begegnen.
So legt die Verfassung die staatliche Gewalt an die Fessel, dass sie in erster Linie die Menschenwürde zu achten und zu pflegen habe. Meine, die von meinen Leuten, dann die der Nachbarn, schließlich die von Fremden.
Der Staat tritt den Menschen gewaltsam entgegen, wenn er sie „zieht“ oder in den Knast steckt, eigentlich schon, wenn er jeden Monat die Hälfte vom Verdienst abhaben will. Daher erschien er den Alten als Ungeheuer („Leviathan“). Dieses Erlebnis ist manchen meiner stets behüteten Zeitgenossen erstmals untergekommen, als die staatliche Gewalt eine Seuche zu bekämpfen hatte. Auch mich hat man infiziert, mit allem möglichen Zeugs geimpft und dabei mit Hausarrest belegt und ich war empört, bin darüber aber nicht hysterisch geworden. Das ist bei anderen offensichtlich anders.
Nie hatte ich aber das Gefühl, dass in erster Linie Papa Staat für meine Daseinsfürsorge zuständig sei; ich komme aus einer Kultur, die da eigenes Bemühen, Schweiß und Arbeit, in der Pflicht sah. Und wo die nicht reichen, Solidarsysteme, zu denen man sich frühzeitig entschließen sollte. Noch immer zahle ich in die gesetzliche Krankenkasse mehr ein, als ich von ihr in Anspruch nehme; und ich hoffe, dass das fürderhin auch ein schlechtes Geschäft bleibt.
Soviel also an ernsthaften Überlegungen zum amerikanischen Vatertag, an dem ich im Netz kluge Worte von Ex-Präsident Obama lese; ich glaube, der hat seine Vaterpflichten, wie so viele von uns, der Mutter seiner Kinder überlassen müssen. Schöner Satz für eine Verfassung: Der Staat sollte nicht Vater sein, sondern Mutter.
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AUGEN VOR OHREN.
Was wir über die Welt lernen, wird uns immer mehr in Clips gezeigt, sehr kurzen Filmszenen, die als dokumentarisch gelten wollen. Dabei greift der inszenatorische Code des Episodischen, weil zu mehr als einem Augenblick niemand mehr Zeit hat. Das verführerische Potential ist enorm. Der Augenblick im Wortsinn ist ein großer Manipulator.
Früher war es der „sound bite“, ein besonders typischer Spruch, der die Interpretation einer komplexen Sache auf den Punkt bringen sollte. Heute ist es der kurze Film, dem eine verräterische Geste zu entnehmen ist. Wir trauen unseren Augen mehr als den Ohren. Das Internet füttert beide. Meist mit vergifteter Kost, könnte man vermuten; man weiß es aber nicht.
Immer wieder Szenen, in denen der greise amerikanische Präsident schlicht hilflos wirkt. Ohnehin bewegt er sich staksig, einem Roboter gleich. Dann wirkt er auf offener Bühne schlicht orientierungslos. Man sieht den französischen Präsidenten ihm zur Hilfe eilen, dann Frau Meloni aus Mussolinis Heimat, jetzt mit Barack Obama jemand, der gerade tänzerische Begabung im Amt hatte. Man erinnert sich, dass sein Konkurrent ihn „Sleepy Joe“ nannte und ahnt, was dazu noch kommen wird.
Man kann die Episode leicht zur Evidenz machen, indem die Propaganda sie symbolisch stellt. Verräterische Körpersprache. Das böseste Symbol nennt sich Metonymie, wenn der Betrachter die Gewissheit hat, dass hier das demonstrierte Teil für das Ganze steht. Ist der Weltenherrscher nicht mehr bei Verstand? Diese gemeine Frage will man uns mit den Filmchen ins Herz pflanzen.
Nun, ich weiß es nicht. Das Alter ist nicht gnädig mit uns, mit niemanden von uns, und ich werde darüber nicht lästern. Schon gar nicht zu Gunsten des vermeintlichen Vitalismus wirklich verhängnisvoller Helden. Aber man wird schon fragen dürfen, wie gut beraten die amerikanischen Demokraten mit diesem Kandidaten waren. Könnte das nicht sein Sohn machen? Pun intended.
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NEUES AUS DEM STALHOF.
Immer schon habe ich ordentlichen Bibliotheken misstraut. Bei mir sind die Leseleichen über die Jahre zu einem solchen Berg angewachsen, dass ich sie einfach nur hintereinander in die Regale räume, den Stauraum anfüllend. Geordnete Privatbibliotheken haben etwas sehr Spießiges.
Jetzt fällt mir ein Buch in die Hand, dass ich während des Studiums gekauft haben muss (oder, was wahrscheinlicher ist, geklaut). Es behandelt den „Anmutigen Ort“ (ein Goethe-Wort) in der mittelhochdeutschen Dichtung. Alter Schwede, der „locus amoenus“. Das war kein geographisches Touristenziel, sondern eine träumerische Vorstellung von vollkommener Idylle. Natürlich durfte Sex dabei nicht fehlen, aber eben nicht so platt. Hohe und niedere Minne.
Wir üben uns mal in Mittelhochdeutsch:
„walt, scate, blûmen ûnde gras, scône ouwen, edilir brunnen und grûner clê.“ Wald also, Schatten, eine Blumenwiese, schöne Auen, ein edler Brunnen und grüner Klee. Es fällt auf, dass dieses Paradies aus der Perspektive eines Schäfers gepriesen wird, der Nahrung für seine Herde sucht und ein schattiges Plätzchen für sich. Die Schafzucht begleitet uns vom Alten Testament („Ich bin der Herr, Dein Hirte…“) bis zu den Sexspielen verklemmter Hofdamen im vorrevolutionären Versailles.
Es geht aber der Schäferlyrik weder um Lammbraten noch Gartenbau, sondern, man ahnt es schon, um Liebeskummer. Ich zitiere: „swer mit herzeleide/wære bevangen/kæme er dar in gegangen/er müeste ir dâ vergezzen.“ Na, klappt? Wer mit Herzensleid befangen wäre und dorthin ginge, der würde es dort vergessen. Geht doch. Ein Mittel gegen Liebeskummer, der anmutige Lokus.
Ich stelle den Schinken zurück ins Regal und stoße auf einen prächtig illustrierten Band zur Geschichte eines Handelsnetzwerkes von Brügge bis Novgorod. Die Hanse. Darin das Bild des Kaufmanns Georg Gisze zu Danzig, das Hans Holbein der Jüngere auf dem dortigen Stalhof von ihm und seiner Profession gemalt hat. Dazu morgen mehr.
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DIE DOMINANTE HAND.
Ich glaube, dass der Herrgott mit Linkshänder etwas besonderes vorhat, was er uns aber selbstverständlich nicht verrät. Sie sind insgeheim gesegnet. Ein Sonderfall sind übertrainierte Pianisten, aber dazu kommen wir erst am Schluss dieses Eintrags.
In England habe ich bei einem Kurs zur Dinneretikette gelernt, dass man die messerführende Hand dominant nennt und die gabelbewährte „nondominant“; eigentlich müsste sie subdominant heißen. Die Gabel wird übrigens immer mit den Zinken nach unten geführt; es sei keine Schaufel, sagte der Benimm-Experte. Das gälte auch bei „peas“. Bei einer nicht zu verzeihenden Abwesenheit von Hummerbesteck dürfe die Kuchengabel an dem Schalentier zur Anwendung kommen, nachdem die Scheren barhändig gebrochen wurden. Ich habe im Borchardt auch schon Schweizermesser im Einsatz gesehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die subdominante Hand hat lediglich Haltefunktion, während die dominante Kraftakte vollbringt oder Kunstfertigkeiten. Das Schreiben gilt als eine solche Kulturtechnik, die vorwiegend rechts vollführt wird; was angesichts des Tinteverwischens des vermeintlich tölpelnden Linkshänders verständlich ist, wenn nicht gar vererbt dominante Kulturtechnik. Die Handschrift selbst hat eine so individuelle Ausprägung, dass sie nicht nur Identifikation zulässt, sondern sogar als Charakterspiegel gilt. Ich erinnere mich eines Paukers, der seinen Schülern die Sauklaue (Zitat) austreiben wollte. Bei der Menschwerdung des Affen spielt das Manuskript („mit der Hand geschrieben“) eine große Rolle.
Früher lernten künftige Sekretärinnen das 10-Finger-Blind-Tippen; begnadet, wer das am PC noch kann und wie eine Maschine in das Gerät klappert. Heute sehe ich Kids auf dem iPhone blitzschnell mit beiden Daumen simultan schreiben; eine Fertigkeit, die ich biologisch gar nicht habe. Ohnehin ein Mysterium, weil ich als notorischer Rechtshänder meine Glossen mit dem linken Zeigefinger ins Smartphone tippe. Ich vermute, ich bin ein umadressierter Linkshänder. Meiner Frau Mama waren rigorose Dinge zuzutrauen, wenn sie sie als Fürsorge verstand.
Die Hände sollen unterschiedliche Gehirnhälften adressieren, lese ich. Die zu ganz unterschiedlichen Dingen gut seien. Jetzt frage ich mich, ob ich auf unterschiedliche Hirne zurückgreife, je nachdem ob ich mit links oder mit rechts schreibe. Wenn ich das zu Ende denke, könnte ich als klinisch Schizophrener in der Klapse landen. Also, Mozart war Linkshänder. Und Freimaurer. Und spinnert. Das könnte man auch mal zu Ende denken.
Jetzt zu den beidhändig virtuosen Klavierspielern. Der Bruder des Philosophen Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Pianist, hat seine zeitgenössischen Komponisten aufgefordert, mehr Stücke für einarmige Pianisten zu komponieren. Er hatte den anderen im Krieg verloren. Da stellen sich die Fragen der Etikette dann ganz anders.