Logbuch
Alles weiß draußen. RAUREIF. Der Winter kommt. Mit dem ersten Frost werden die letzten Blätter vom gelben Ginkgo bald fallen. Mal schauen, ob die Natur sich an die ideologische Großwetterlage hält und es mild bleibt. Mir wäre nach knackigem Frost. Naturgemachter Winter mit kräftig Schnee. Meine Gärtnerin, die den dann frühmorgens wegschippen müsste, wird mich für bescheuert halten. EIS UND SCHNEE.
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Bald werden die Medien mit Jahresrückblicken überlaufen und uns routiniert langweilen. Ich frage mich schon jetzt: War 2020 ein furchtbares Jahr? ANNUS HORRIBILIS. Wenn man an die vielen Erkrankten und Toten denkt, die die Seuche zu verantworten hat, ja, natürlich. Wenn man an den sozialen Schaden der Lockdowns denkt, den kulturellen und den wirtschaftlichen, ja, ganz bestimmt. Aber auf die engen Freunde und die Familie zurückgeworfen zu sein, auf die Sorge um die Seinen und sein Kerngeschäft, das war nicht nur bedrückend, es war auch bereichernd. Und die ruhige Vernunft des Landlebens. COUNTRY LIVING: Apollinische Freuden, wie Häuser reparieren, den Garten pflegen. Altes erhalten, aufräumen. Man vermisst die dionysische Hysterie der Metropole nur ganz selten.
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Das Bundeskanzleramt erlaubt mir mittels Bundespresseamt und einer Agentur namens Florida in einem Filmchen, dass ich zur Bewältigung der Pandemie weiterhin auf der häuslichen Couch die FAULE SAU gebe. So stellt man sich das also vor. Voraussetzungslose Grunddummheit. Weiter kann man vom wirklichen Leben nicht entfernt sein. Wie viele SELBSTÄNDIGE kämpfen wir SELBST und STÄNDIG ums wirtschaftliche Überleben, wegen der Krise, trotz der Krise. Und die Herrschaften verarschen uns als freizeitorientierte Stubenhocker und Weltkriegsveteranen. Das kommt mich bitter an, to say the least.
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MONTANKULTUR.
Am Samstag mit Kutti & Uli Verköstigung eines Rieslings aus dem Elsässischen, ein Clos Ste. Hune von Trimbach; schon ein ganz großes Gewächs. Der Weinbau im hohen Rheingraben ernährte nicht seinen Mann, man legte in den nahen Vogesen im Bergbau auf Erze an. Nebenerwerbslandwirtschaft, es könnte allerdings auch andersherum sein, dass der Pütt die Nebensache war; aber solche Mischformen gab es immer und überall. In den Bergen gegenüber, dem Schwarzwald, fertigten die Bauern im Winter Kuckucksuhren. Dank an Mehmet vom Carl & Sophie für einen grandiosen Abend mit Freunden.
Wo ich geh und steh entdecke ich Montankultur. Im Westerwald hause ich im Buchfinkenland, was ein Spottname war für die bei Sonnenaufgang singend in die Erzgruben der Nachbarschaft ziehenden Bergleute. Zuhause Kuh und Schwein im Stall. Man ging im nahen Holzappel auf Erz, übrigens mit belgischem Know-how, da man bei den Welschen schon verhütten konnte. So wie der Ruhrbergbau nicht ohne die Iren ausgekommen wäre. Siehe Zeche Erin („Eire“/ Ire) in Castrop.
Der Carl von der vorgenannten Sophie war der legendäre „Bimmel-Bolle“, Betreiber einer Großmeierei, die über die Spree mit Milch versorgt wurde. Wegen fehlender Kühltechnik eilend über Pferd und Wagen ausgeliefert, wovon die Glocke am Kutschbock in den Kiezen kündete. So auch auf der von Hugenotten besiedelten Insel Moabit, begrenzt vom Spreebogen und Heimat des Montanmagnaten Borsig, der hier Lokomotiven baute. Zuwanderung aus Frankreich, dann, viel später, Polen, bevor die Türken kamen. „Anton, sächtä Cerwinsky für mich…“.
Jedenfalls sehe ich, wo ich gehe und stehe, Montankultur. Du kriegst den Jungen aus dem Pott; aber den Pott nicht aus dem Jungen.