Logbuch
NIEDERTRACHT.
Weil die Staatsanwaltschaft noch nicht weiß, ob sie einen Anfangsverdacht haben könnte, aber diese Entschlusslosigkeit öffentlich erkennen lässt, ist der Beschuldigte im Arsch, jedenfalls wenn er den falschen Anwalt zu seiner Verteidigung bemüht. Willkommen im BOSSI-EFFEKT.
Früher zählte der Strafverteidiger ROLF BOSSI zu jener Gattung der Promi-Anwälte, die sich in den Medien einen Namen machen wollten. Oder denen von den Medien ein Name gemacht wurde. Jedenfalls sprach man irgendwann vom BOSSI-EFFEKT. Danach sind dessen Mandanten vorzuverurteilen. Der Verdacht: wenn sie unschuldig wären, nähmen sie sich keinen Promi-Anwalt.
Das ist doppelt dumm. Es setzt nämlich erstens voraus, dass der Beschuldigende (der Rufmörder), reinen Herzens ist und seine Bezichtigungen aus Lauterkeit hervorbringt. Und zweitens, dass die Verdachtsberichterstattung fair ist und nicht dem Kalkül folgt, dass schon irgendetwas hängen bleibt. Meist herrscht aber genau diese doppelte Niedertracht.
Es kommt eine dritte Idiotie hinzu, die den Rechtsanwalt eines Beschuldigten mit dem Tatvorwurf assoziativ gleichsetzt. Der Verteidiger eines (rechtskräftig verurteilten) Verbrechers ist danach irgendwie dem Verbrechen zuzurechnen. Strafverteidiger kennen diese dritte Niedertracht, Presserechtsanwälte wohl auch. Promi-Anwälte müssen Mandanten gegen diese dreifache Dummheit immunisieren; das kann nicht ganz einfach sein.
Ob ich den aktuellen BOSSI der PROMIS mag, lasse ich offen. Aber man bezichtigt die Feuerwehr nicht der Brandstiftung. Obwohl, in Berlin schießt der Mob ja sogar auf die Retter. Kein Scherz. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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WAHLKRAMPF.
An den Fleischtrögen der Macht legt man offensichtlich zu. Jedenfalls manche. Unwesentliche Beobachtungen in Berlin, der am schlechtesten regierten Stadt der westlichen Hemisphäre.
Am Samstag gegen Mittag steht der örtliche Kandidat der hier stets regierenden SPD an der Straßenkreuzung und junge Menschen verteilen eine Zeitung und ein Stück Schokolade. Die Süßigkeit ist recht lustig verpackt und die Zeitung recht belanglos. Ich frage die junge Frau, wie der örtliche Kandidat denn heißt; sie nennt nach einigem Zögern einen Namen, der aber leider nicht stimmt. Ich schaue zum Mitglied des Abgeordnetenhauses Thomas I. rüber, er hat zugenommen und blickt auf seine Schuhspitzen.
An einem benachbarten Platz hat er ein Abgeordnetenbüro, an dem ich oft vorbeikomme. Es ist stets tief unbenutzt, Post stapelt sich hinter der Tür. Ein Berliner Landespolitiker halt. Die örtliche Bundestagsabgeordnete der SPD traf ich in der letzten Woche im Aufzug im KaDeWe. Das „Winkelement“ Eva H., neuerdings Wehrbeauftragte, war auf dem Weg in den sechsten Stock, die Fress-Etage. Sie wird auch nicht dünner. Gut in Form ist nur der ehemalige Regierende, der in weiblicher Begleitung seinen Volvo am Savignyplatz in zweiter Reihe stehend belädt. Ich grüße brav, er nickt freundlich; allerdings weiß ich um seine Sehschwäche. Für wen er mich wohl gehalten hat?
Was will uns das alles sagen? In Berlin wird gerade im zweiten Anlauf versucht, eine Wahl ordnungsgemäß abzuhalten. So banal ist das nicht. In einer Zeit, in der die Rechtspopulisten die Parlamente stürmen, wenn ihnen die Machtergreifung nicht legal gelingt, sollte man die Demokratie hochhalten. Mein Ernst. Auch wenn der Kanzler im Fernsehen in der Freizeitkleidung eines Ostrentners auftritt und die stets peinliche Parteivorsitzende in einem Schlafanzug. Der Parteivorsitzende (weiße Sneaker) der Sozen scheint auch wieder Gewicht aufzulegen.
Was mich nachdenklich stimmt? Diese Kinderschokolade, die sie mir da angeboten haben. Ich hab die ausgewickelt und gegessen. Zückerchen. Welche Wertschätzung kommt darin zum Ausdruck? Was will man mir, dem Wähler, damit sagen, dass man mir Leckerli gibt?
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SPAZIERSTOCK.
Wenn in einem Kaff gar nichts los ist und es am Arsch der Welt liegt, ziert den Ortseingang ein Schild mit dem Versprechen LUFTKURORT. Eine Hölle der Belanglosigkeit.
Ich sammle Spazierstöcke. Meist Souvenirs aus Urlauben, in denen ich aus lauter Langweile geschnitzt habe. Da nicht immer gerades Holz zur Verfügung stand, hat das Schweizermesse manche Skurrilität hervorgebracht. Der Spazierstock ist ein wenig Gehhilfe, ein wenig Waffe, vor allem aber ein Prunk- und Prahl-Instrument.
Wie das Spazieren überhaupt ein hintergründiges Ding. Der Adel begann mit dem Promenieren in seinen Gärten, so dass das eitle Bürgertum irgendwann zur Nachahmung anstand. Jeder Kurort schaffte Anlagen zum Flanieren. Stolze Städte wandelten Jagdgründe zu Stadtparks. In meiner Heimat hieß das Ausgangsgehege gar Volkspark. Der Witz liegt darin, dass man sich hier ergeht, ohne ein Ziel erreichen zu wollen.
Man erinnert das Goethe-Wort, nach dem der Spaziergänger „nichts zu suchen“ im Sinn hat. Insofern ähnelt das Spazieren dem Sport, eine Art sanfter Leibesertüchtigung. Man rennt aber nicht, sondern schlendert gemächlich. Und zwar an der „frischen Luft“, auch so eine Metapher der Volksgesundheit, den Kurärzten der Luftkurorte entsprungen. Wie die Gartenwirtschaft und das Ausflugslokal. Draußen nur Kännchen. Was der sprichwörtliche Verdauungsspaziergang sein soll, das ersparen wir uns hier.
Ebenso ausgespart ist hier der Exkurs zu den „Nordic Walkern“, den Fröschenpieksern, die mit zwei Alu-Krücken wedelnd um Aufmerksamkeit betteln. Immer in der Gruppe, meist mit schnatternden Handarbeitslehrerinnen und anderen Globuli-Monstern, die sich zum Glück auf Wanderwegen im Wald verlaufen.
Wie der sonntägliche Kirchgang dient der Spaziergang in öffentlichen Gärten nur vordergründig der eigenen Erbauung. Die sehr gezielte Kleidungswahl beweist, dass man gesehen werden will. Es ist eine Demonstration, sei es des kirchlichen Pharisäertums oder der informellen Naturverbundenheit, heutzutage „Outdoor“ genannt. Man will ambulierend etwas mitteilen, nämlich seinen profanen Glauben; spazierend zeigt der Spießer, wes Geistes Kind er ist. Dieses Lustwandeln demonstriert, was im piefigen Kleinbürgertum noch von der Lust übrig ist. Dionysos hat gesoffen und gehurt, aber er ist nicht mit steifem Kragen eine Promenade auf und abgelaufen, um dabei ein Stöckchen zu schwingen und die Nachbarn zu grüßen. Spazieren ist der Spaß der Spießer.
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MONTANKULTUR.
Am Samstag mit Kutti & Uli Verköstigung eines Rieslings aus dem Elsässischen, ein Clos Ste. Hune von Trimbach; schon ein ganz großes Gewächs. Der Weinbau im hohen Rheingraben ernährte nicht seinen Mann, man legte in den nahen Vogesen im Bergbau auf Erze an. Nebenerwerbslandwirtschaft, es könnte allerdings auch andersherum sein, dass der Pütt die Nebensache war; aber solche Mischformen gab es immer und überall. In den Bergen gegenüber, dem Schwarzwald, fertigten die Bauern im Winter Kuckucksuhren. Dank an Mehmet vom Carl & Sophie für einen grandiosen Abend mit Freunden.
Wo ich geh und steh entdecke ich Montankultur. Im Westerwald hause ich im Buchfinkenland, was ein Spottname war für die bei Sonnenaufgang singend in die Erzgruben der Nachbarschaft ziehenden Bergleute. Zuhause Kuh und Schwein im Stall. Man ging im nahen Holzappel auf Erz, übrigens mit belgischem Know-how, da man bei den Welschen schon verhütten konnte. So wie der Ruhrbergbau nicht ohne die Iren ausgekommen wäre. Siehe Zeche Erin („Eire“/ Ire) in Castrop.
Der Carl von der vorgenannten Sophie war der legendäre „Bimmel-Bolle“, Betreiber einer Großmeierei, die über die Spree mit Milch versorgt wurde. Wegen fehlender Kühltechnik eilend über Pferd und Wagen ausgeliefert, wovon die Glocke am Kutschbock in den Kiezen kündete. So auch auf der von Hugenotten besiedelten Insel Moabit, begrenzt vom Spreebogen und Heimat des Montanmagnaten Borsig, der hier Lokomotiven baute. Zuwanderung aus Frankreich, dann, viel später, Polen, bevor die Türken kamen. „Anton, sächtä Cerwinsky für mich…“.
Jedenfalls sehe ich, wo ich gehe und stehe, Montankultur. Du kriegst den Jungen aus dem Pott; aber den Pott nicht aus dem Jungen.