Logbuch

AUSLASTUNG.

Ein Airline-Vorstand hat mir mal erzählt, dass er seine Controller gefragt habe, was er Schlimmes anstellen müsste, damit der Laden pleiteginge. „Jeden dritten Sitz leer!“ war die Antwort. Der berühmte Mittelsitz! Gerade Spitzen-Restaurants rechnen ihre Rentabilität danach, wie oft sie am Abend einen Tisch verkaufen. Gar nicht wegen „no show“ ist ganz schlecht. Und die Austern in die Tonne. Jetzt lese ich von einer fabelhaften Hotelkette, die eine gute Qualität zu günstigen Preisen bot, dass sie 80 Prozent Auslastung brauchte, aber eben nicht mehr hat. Da wird die Umsatzsteuersenkung helfen, wenn der Umsatz fehlt. Der Wumms der Bundesregierung wird wohl, traurig, aber wahr, als Plopp in die Wirtschaftsgeschichte eingehen.

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Die starken Stützen, die der junge Baum einst bekam, Pfähle mit Eisenhämmern in den Boden gerammt und sorgsam verschnürt, lassen sich jetzt, nach drei oder vier Jahren, mühelos umknicken, da sie in dem feuchten Erdreich an ihrem Fuße schlicht verfault sind. Kein Verlust, da der lebende Baum mit starken Wurzeln das tote Holz nicht mehr braucht. Solches hört ich gern von meinem Garten.

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Seuchen haben schon immer den Aberglauben der Dummen und den der Irren beflügelt. Bis hin zu Pogromen. Dass man heute wissen kann, wo Pest & Cholera herkommen, hindert die Massenpsychotiker nicht daran, ihrem Wahn zu frönen. Im Übrigen ist das neue Wissen so überbordend nicht; man sieht es daran, dass die Gegenwehr sich seit vier oder fünf Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hat. Jedenfalls solange ein Impfstoff fehlt. Die 40 Tage der Quarantäne haben die venezianischen Dogen durchgesetzt. Sie wollten Seide und Pfeffer aus fernen Ländern, aber nicht die begleitenden Viren. Also auf Reede mit dem Chinafahrer.

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VON FREMDEN UND FREUNDEN.

Mir imponieren tüchtige Leute. Das meint keine Potentaten, Kriegsherren oder Wunderheiler. Es meint einfache Leute, die es durch Fleiß zu etwas bringen. Wenn ich ehrlich bin, so verachte ich im Gegenzug die vorsätzlich Faulen. Ich habe insofern eine wirklich sozialdemokratische Seele.

Dazu eine Geschichte. Den größten und schönsten Weihnachtsbaum in meinem Kiez hatte Cem, der türkische Frisör, Meister seines Fachs, kein Neon-Barbier. Man verstehe das als Symbol. Cem ist Sohn eines Migranten, der mit einer Dönerbude am Baumarkt in Brandenburg acht Kinder großgezogen hat; aus allen ist etwas geworden. Migration kann gelingen. Allerdings muss man morgens seinen Arsch aus dem Bett kriegen. Bürgergeld war das ganz falsche Signal.

Ich höre gern die Lebensgeschichten tüchtiger Meister, jener aus der klassischen Handwerkerrolle. Und ich interessiere mich für Migrationskulturen, die, wenn erfolgreich, immer aus Anpassung an die neue Heimat bestehen und zugleich Sehnsucht nach der verlorenen. Aber auch der Sentimentale ist politisch wach. Cem erzählt mit sehr kritischem Ton von einem seiner Brüder, der das autoritäre Regime in der Türkei bewundere, aber froh sei, hier in Freiheit zu leben. Es braucht Freiheitsliebe, auch bei der Religionsfreiheit.

Man wird von Migranten keine Assimilation verlangen, weil sie das als Abwertung ihrer Herkunft lesen, aber erwarten, dass sie die neue Heimat respektieren. In meinem Kiez ist, was das angeht, mancher Türke der bessere Deutsche, scherze ich, während mir die Haare geschnitten werden. Zweite Geschichte. Auf dem Dorf gilt schon der nächste Kirchturm als Fremde. Mir sagt mein Nachbar Helmut, er sei nicht von hier. Er stammt aus dem Weiler auf dem nächsten Berg; man kann hinspucken.

Völlig fremd ist mir die Deutschtümelei der politischen Rechten; ein soziales Gift reaktionärer Menschenverachter. Geradezu  komisch finde ich einen AfD-Idioten in meiner Stammkneipe, der gegen Ausländer pöbelt und einen Hugenotten-Namen trägt. Den Dorfdeppen ziert keine Migration, schon klar. Wir alle sind Fremde, fast überall. Und, so wir wollen, fast immer Freunde.