Logbuch
RIKSCHA.
Rikscha also. Ende des 19. Jahrhunderts in Japan erfunden. Übrigens von einem Kolonialherren, der offensichtlich keine Lust hatte, zu laufen. Immer schon waren sie für mich das Symbol des Kolonialismus. Vorne zieht sich ein dünner Mann, ärmlich gekleidet, die Seele aus dem Leib. Hinten sitzt der dicke, fette Wohlstandsbürger und lässt sich durch die Gegend schaukeln. Moralisch verwerflich.
Jetzt aber ziehe ich die Rikscha selbst. Die soziale Frage ist damit gelöst. An die Stelle der Ausbeutung tritt die Selbstausbeutung. Und das alte Problem der körperlichen Arbeit, die die Gesundheit zerstört, auch. Wir alle müssen uns mehr bewegen; wenn schon nicht Sport treiben, so dann doch mindestens tausend Schritte am Tag laufen. Oder waren das zehntausend? Und bei Gepäck oder Kindersegen?
Lastenfahrräder also. Man muss gesehen haben, wie die überforderte Mutter damit drei Kinder ungeschickt durch das Gewühl bugsiert, um zu wissen, welche Opfer sie bringt. Im Hauseingang eines Mehrfamilienhauses versperrt eines dieser sperrigen Monstren fast den Weg, ein zweites ginge noch, aber keine drei oder vier. Aber die Autos versperren ja auch die ganze Stadt. Das ist wahr, ein Auto, das nicht fährt, ist noch ein größeres Hindernis als eines das rollt. Aber auch das ließe sich raumordnerisch ja lösen. Taxis, Busse und Bahnen. Verkehrswende.
Ich bin immer Bahn gefahren, als sie noch fuhr. Es war teuer, es war servicearm, es war unfreundlich, aber ich habe es getan. Die Bahn ist in schlechtem Zustand. Und das ändert niemand. Der Streckenausbau für Schienenfahrzeuge braucht ewig und wird deshalb verschoben. Wie diese Nation Flughäfen baut, das hat sie in der Hauptstadt schon bewiesen. Neuerdings: wie die staatseigene Bahn ihre Tarifkonflikte löst, das wissen wir jetzt auch. Kann ich bitte noch mal die Rikscha sehen?
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FAKE ODER FAKT.
Die Gegenüberstellung von Faktischem und Fiktivem springt zu kurz; sie ist vorkritisch. Es gibt etwas, dass die These vom Faktischen und deren Antithese vom Fiktiven im Hegelschen Sinne in einer Synthese aufhebt, im Fiktionalen.
Der Mensch ist ein geschichtenerzählendes Tier. Wir erzählen uns Geschichten, übrigens immer wieder und immer wieder ganz ähnliche, weil wir in Geschichten denken und nach Geschichten handeln. Das Kulturprinzip ist das der Verfassung von Mensch und Gesellschaft als narrativem Netzwerk. Ich rede von Homer, der Bibel, den Märchen der Brüder Grimm, der historischen Anekdote, dem Witz, Tik Tok.
Eine Sondergattung unter den Fabeln sind solche, die von sich behaupten, dass sie „neu“ sind und „zutreffend“; das sind die Geschichten, die Journalisten erzählen. Historisch betrachtet ist der Anspruch der Zeitung die „Neuesten Nachrichten“ zu bringen eher ein Marketingtrick; vieles wiederholt sich und nicht alles hat gestimmt.
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PROGNOSEN.
Olaf wirkte gestern müde; aber er ist nur vorsichtig! Wer eine Wahl gewonnen hat, das weiß man erst, wenn alle Stimmen gezählt sind. Nicht vorher. Die Ungeduldigen straft Adam Riese.
Prognosen sind, alter Witz, bekanntlich leicht, außer sie beschäftigen sich mit der Zukunft. Aber das ist mehr. Einen Wahlausgang vorherzusagen, ist gleich mehrfach schwierig. Alle demokratischen Systeme sind kompliziert, bewusst tricky. Hier greift die besondere Leidenschaft aller Verfassungsväter. Es gibt meist keine direkten Mehrheitsentscheidungen. Und der Wähler bleibt irgendwo unberechenbar. Er hat das Recht, Unsinn zu machen. Das nehmen eine ganze Reihe von Leuten regelmäßig in Anspruch.
Dass Donald Trump heutzutage in einem Golfhotel sitzt und allen Ernstes noch immer glaubt, ihm sei ein sicher geglaubter Wahlsieg gestohlen worden, hängt mit solchen Prognosen zusammen. Er war in der Wahlnacht, im ersten Teil der Wahlnacht, also, sagen wir, so um abends halb Elf am 3. November 2020 Washingtoner Zeit, sicher, dass er einen gewaltigen Sieg errungen hatte. Der ist ihm dann vorenthalten worden. Man sagt, er sei dumm. Aber so dumm war das nicht. Sein Umfeld bestärkte ihn.
Bei seinem ersten Wahlsieg 2016 hatte er 63 Millionen Stimmen. Die Demoskopen hatten ihm versichert, wenn er da diesmal noch 3 Mio drauflege, dann sei er wiedergewählt. Es zeichnete sich ab, dass er diesmal sogar 74 Mio Stimmen hatte. Ein ERDRUTSCH. In seinen Worten: „huge“ (riesig). Die Leute liebten ihn. Er hätte auf offener Straße jemand über den Haufen schiessen können, sie hätten ihn wiedergewählt. Da war er sicher. Mein Gott, nicht 3, sondern 9 Mio oben drauf.
Jetzt Adam Riese. Die Welt der Zahlen. Die USA haben bei 326 Mio Einwohnern 240 Mio Wahlberechtigte, wovon diesmal 160 Mio wählten. Und, er murmelt das immer wieder, nicht 63, nein sogar 74 Mio stimmten für ihn. „It‘s going to be huge!“ Diesen Sleepy Joe, paaah, klar abgeschlagen. Leider stimmten am Ende des Tages aber 81 Mio für seinen Konkurrenten Joe Biden, den ungeliebten alten Mann.
„When the counting is done“, das bezieht sich im Amerikanischen auf das Jüngste Gericht. Vorher noch auf das, was bei uns das „amtliche Endergebnis“ genannt wird. Nun wird Donald Trump von dem Journalisten Michael Wolff, der sich mit den letzten Tagen seiner Präsidentschaft beschäftigt, so beschrieben, dass er im Leben zurecht kommen müsse „without truly knowing his ass from a hole in the ground“, aber Prognosen sind eben gefährlich.
Sleepy Olaf weiß das. Zur Not leiht er sich beim Jüngsten Gericht die fehlenden Stimmen „links“ bei den Kommunisten von der Ex-SED. Der aufgeregte Armin könnte das nach Adam Riese auch „rechts“ bei der AfD; rechnerisch, politisch darf er aber nicht.
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AUTONOMES FAHREN.
Zu reden ist von zwei Ösis und einem Buren. Es geht um den „qualitativen Sprung“, mit dem ein Paradox in sein Gegenteil springt. Habe ich das auch weniger rätselhaft? Habe ich.
Der Wiener Sigmund Freud hat sich mit dem Versprecher beschäftigt, der seitdem Freudscher Versprecher heißt, und ihn als eine Fehlleistung beschrieben, die darauf zurückzuführen ist, dass zwei gegenläufige Absichten kollidieren, indem sich die heimliche von beiden dann doch ihre Bahn bricht. Man verrät sich. Darum ist der Freudsche Versprecher peinlich, wem er passiert.
Ein anderer Österreicher, der geniale Autobauer Ferdinand Piech, kannte nur einen Platz im Auto, den hinterm Steuer; Fondfahrer waren ihm suspekt. Er wollte die Karre fahren und zwar selbst (und nicht von ihr oder einem Chauffeur geschaukelt werden). Man nennt das im Automobilen „car guy“. Sie haben keinen Chauffeur, sie fahren, wie sie es wollen. So geschah es dann gelegentlich, dass ich im Fond hockte und mein Chef am Steuer. Metaphorisch: „Man zieht den Karren oder wird von ihm geschleift, man hockt aber nicht auf ihm.“ Mein damaliger Chef und ich waren also auch darin unterschiedliche Typen; darauf hätte er bestanden.
Jetzt hat Elon Musk, der Tesla-Eigner, sein halbautomatisches Auto, bei dem eine Menge Computer an Bord und zentrale Rechner in Kalifornien den Fahrer als Führer ersetzen sollen, bis die Schüssel vollautomatisiert ist, als „autonom“ ausgerufen. Das haben Klugscheißer wie ich kritisiert, weil autonom natürlich eigengesetzlich heißt; ein wenig vollmundig dafür, dass die Kiste einparken kann oder allein zum Aldi. Automatisiert ist nicht autonom. Gemach!
Was, wenn das ein Freudscher Versprecher war? Was, wenn wir tatsächlich auf eine Welt zusteuern, in der der Fahrer nicht mehr der Führer ist, sondern der Geführte? Das wäre ein qualitativer Sprung. Was, wenn Tesla Tyrannei? Mein freier Wille wäre eine Variable einer Plattform, die mich nicht nur beobachtet, sondern auch steuert. Mein alter Chef Piech hätte das nicht gemocht; er hatte, sorry to say, Freude am Fahren, nicht am gefahren worden sein.
Wir aber, die Idioten im Fond, lassen uns durch eine Welt schaukeln, die uns die Illusion der Entscheidungsfreiheit lässt, weil sie längst weiß, was wir wollen werden. Welcome to the metaverse! Wir sind digital gesteuerte Sklaven. Wir fahren nicht, wir werden gefahren. Ich glaube, ich sagte es schon, ich glaube nicht nur nicht an die Batterie; ich traue ihr nicht mal.