Logbuch
MALTA. JALTA. MERZ.
Reden wir über Bilderkunde. Historische Ikonographie. Ich sehe in den Nachrichten die politischen Köpfe Europas zusammen mit dem Präsidenten der Ukraine. England hat eingeladen, der französische Präsident ist gekommen und der deutsche Kanzler. Die politische Logik der Bilder besteht in der Lücke. Es fehlt mit Ankündigung und voller Absicht der amerikanische Präsident. Und sein holländischer Pudel von der NATO. Das ist, wie man so sagt, der Elefant im Raum. Und es gibt drei unsichtbare Gespenster. Der Reihe nach.
Das historische Malta-Foto war bestückt mit Roosevelt, Churchill und Stalin. Es wurde mit den Dreien als Siegermächten damals die Nachkriegsordnung beschlossen, nachdem der von Deutschland angezettelte Weltkrieg gründlich verloren war. Jetzt in London gab es nichts zu beschließen. Die Russen haben ihren Krieg noch nicht gewonnen und die Ukraine ihren noch nicht verloren. Kern der Situation ist, dass die Schutzmacht keine Böcke mehr hat. Scheckbuch beiseite gelegt; es werden künftig Wechsel geritten. Wer das für ausgeschlossen hielt, liegt falsch.
Noch ein Irrtum. Denn historisch war es nicht das englische Malta, die Insel der Kreuzritter, sondern Jalta, das Seebad auf der Krim; dahin hatten die Russen eingeladen. Auf ihr Territorium. Keine Elefanten im Raum. Auf dem Foto aus London fehlen zudem Madame LePen, Frau Alice Weidel und Nigel Farage; sie sitzen aber dem französischen Präsidenten, dem deutschen Bundeskanzler wie dem englischen Premierminister im Nacken. Alle drei Gespenster wissen sich der inneren Zuneigung der ehemaligen Schutzmacht gewiss. Der Hegemon ist nämlich neuerdings nachdrücklich rechts gestimmt.
Zum Schluss eine innenpolitische Anmerkung zu Friedrich Merz. Ich teile seine parteipolitische Ambition eher nicht, aber LAND VOR PARTEI. Ich finde, er macht seinen Job so schlecht nicht. Nicht nur in Malta. Überhaupt. Das Land ist gut regiert. Dass er Merz noch mal lobt, darüber staunt mein Vers.
Logbuch
LESEZEICHEN.
Das gemeine Eselsohr zeigt, wo der eifrige Leser das Buch gestern zur Seite gelegt hat; vornehmer allerdings ein gewirktes rotes Bändchen vom Buchrücken bis zur bewussten Seite oder das Lesezeichen. Das mag ein eingelegter Zettel sein oder regelrechte Klebefähnchen, in Vollendung ein individuelles Register. So schmückt sich der Privatgelehrte. Daran erkennt man ihn, wo schlau ist.
An einem meiner Schreibtische hängt ein Porträt von Rudi Dutschke, dem Helden der Studentenproteste, die sich als Außerparlamentarische Opposition (APO) verstanden; im bewusst schäbigen Wintermantel klemmt ein Buch unter seinem Arm, das durch eine Unzahl von Lesezeichen verziert ist. Natürlich der Erste Band des KAPITALs von Karl Marx (MEW 24), was sonst. Viele Generationen von Philosophen haben sich daran abgearbeitet. Symbol der intensiven Lektüre („Lire Le Capital!“) ist das Geschwader der Lesezeichen; im Text selbst Anstreichungen und Notate. Zerlesen musste es sein, das Hauptwerk, wenn sein Besitzer Autorität erstrebte. Meines sah aus, wie intensivst genutzt.
Ich kannte das schon von den christlichen Pfadfindern, die eine so zugerichtete Bibel in ihrem Affen mitschleppten. Dann habe ich es wieder gesehen bei den aus Russland zugewanderten Baptisten, die in Wolfsburg auch ideologisch Fuß fassen wollten. Und nun verleitet mich die Lektüre eines Buches von Stephan Lamby, mir auf YouTube Filmchen über die unsäglichen Evangelikalen in den USA anzusehen: Bibeln mit Lesezeichen zuhauf. Mich erschreckt wieder, wie schon bei den Pfadfindern, die rigorose Laienexegese; das ist die dilettantische Lektüre dummer Leser mit irren Rückschlüssen; übrigens in der Annahme, der Herr werde es schon richten. Selig sind die geistig Armen. Und in diesem Punkt sei der Vergleich vom Marxschen Kapital zu Luthers Hausbibel erlaubt. Bezüglich der Leser und ihrer Zeichen. Es hilft ja eigentlich nicht wirklich, wenn man doof ist. Oder faul.
Ich lese parallel eine Geschichte der Frankfurter Schule eines naiv erzählenden Engländers („Hotel Abgrund“); auch dort die Mühen mit den alten Schinken als Tagesgeschäft. Mir war das früher zu viel Mühe mit den Eselsohren und dem Fähnchen. Ich hatte mir in einem Antiquariat für kleines Geld eine völlig zerlesene Ausgabe des Standardwerkes besorgt und nutzte diese zum Ausgehen. Die Kommilitoninnen waren beeindruckt. Auf Nachfrage behauptet, die Schwarte stamme aus der elterlichen Hausbibliothek. Nur Schufte sind bescheiden.
Logbuch
TOD DURCH BLITZSCHLAG.
Nichts ist elender als zu warmer Wein. Denn ein falsch gelagerter Tropfen verdirbt leicht die Freude am Abendmahl. Dabei ist es nicht schwer. Der Sekt vorweg hat 6 Grad Celsius zu haben, der Weißwein 8, eine Rose vielleicht 12 und der Rote 16, allerhöchstens 18 (ich trinke ihn aber auch lieber kalt, wie der Franzose den Pinot Noir). Diese seine Temperatur hat der Wein seit Monaten, weil so gelagert, und nicht erst durch Schockfrosten oder albere Wasser-Eis-Bäder in Sektkübeln. Klar? Grundsatz.
Nun zu Ede Schleiser und Georg Wilhelm Richmann. Ede war auf der Penne in Essen-Kettwig mein Physiklehrer; ein Original, wie man so sagt. Er hatte in einer Freistunde ein veritables Experiment aufgebaut mit allerlei Glasröhren und Thermometern, um uns Flegeln an den Verstand zu bringen, was eine Mischtemperatur ist; es endet in einem Wutanfall, weil die verdammten Thermometer nicht zeigten, was Ede wollte; wir hatten echt Spaß.
Das Richmannsche Gesetz besagt, dass die Mischtemperatur das gewichtete arithmetische Mittel der Ausgangstemperaturen ist, was kein Schwein versteht. Fünf Liter Leitungswasser mit sechs Eiswürfeln in einem Sektkübel werden aus einer pisswarmen Sürge in einer Glasflasche keinen spritzigen Wein machen, auch wenn die Pulle darin Stunden dümpelt. Klar? Neuerdings stülpen sie eine Manschette aus der Tiefkühltruhe über‘s dicke Glas der zu warmen Flasche; darf ich erwähnen, dass der Werkstoff ein hervorragender Isolator ist? Alles Krampf. Banausen und Barbaren.
Kein gut gekühlter Wein wird bei einem einstündigen Essen am Tisch warm, wenn er gescheit gelagert war. Auch nicht, wenn dekantiert. Der Erfinder des Mischgesetzes Richmann war im 18. Jahrhundert ein deutscher Physiker aus dem Baltischen, genauer gesagt ein in Halle und Jena studierter Este, der seine Experimentierfreude mit dem Leben bezahlte. Er hatte nach seinen kalorimetrischen Berechnungen die Spannung eines Blitzes mit einem Voltmeter messen wollen. Nun, sie war zu hoch. Richmann verglühte. Das drohe ich meinem Wirt, dem fabelhaften Fabrizio, an, falls der Wein noch mal zu warm. Es könnte ihn der Blitz treffen.
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TERRA NOVA.
Die Psychiatrie kennt das Phänomen der Fixierung: Man hängt auf einem Thema fest, in einer kranken Faszination, weiß wohl um den irren Zwang, folgt ihm aber. So geht es mir mit meiner Hassliebe zum amerikanischen Traum, jener ambivalenten Americanophilie, dem Usus, alles und jedes aus den USA wichtig zu nehmen, insbesondere jede Niederung der Neuen Rechten. Ich will nicht mehr jeden Tag mit dem primitiven Potentaten beginnen müssen. Vergessen wir den! Ignorieren wir sie.
Reden wir über Mark Carney, den Premierminister Canadas. Reden wir über das wunderbare Land unter dem Ahornblatt. Und klären wir, warum der Mounty immer seinen Mann kriegt; oft veralbert als „He always gets his can“ (Bierdose) statt „man“; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich beginne mein Loblied damit, dass dieses Land blendend sowohl englisch als auch französisch spricht.
Meine schönste Journalistenreise habe ich nach Quebec veranstaltet, Montreal ist eine faszinierende Stadt. Einer der Mitreisenden, der fabelhafte Journalist Jürgen Wintermann (damals für die WELT) erinnerte sich noch letzte Woche an eine Barszene, in der ich den stark angeheitertem CEO meines eigenen Ladens ins Bett schickte. Zur Verärgerung des Pressecorps, weil er gerade ins Plaudern kam.
Canada ist riesig. Und multikulturell; ich sehe indisch gekleidete Herrschaften im Parlament. Es ist auf die Westminster-Variante von Demokratie gestimmt, weiß das aber mit einer klugen Einwanderungspolitik zu verbinden. Man will die Klugen und Fleißigen aus aller Herren Länder. Natürlich funktioniert Multikulti, wenn man es gestaltet; man muss anlocken, wer aufbauen will. Dann ist egal, ob er Turban trägt oder Tirolerhut. Oder Kopftuch.
Jetzt zu der wirklich legendären DAVOS-Rede von Mark Carney. Die Macht der Kleinen beginnt mit Ehrlichkeit. Yes, Sir! Oui, Monsieur. Die Mittelmächte müssen sich gegen die tumben Titanen verbünden; jedenfalls untereinander. Ich befürworte die Aufnahme von Canada, eh schon im Commonwealth, in die Europäische Union. Wir sollten auch Grönland dazu nehmen und Norwegen rein zwingen. Australien und Neuseeland. Ich gebe auch noch Formosa, Madagaskar und Südafrika zu bedenken. Wir beginnen damit, dass wir den Regierungssitz dieser Welt der Willigen nach Vancouver verlegen. Mein Ernst. The Mounty always gets his man.