Logbuch
Du musst Dein Leben ändern. Hölderlin, glaube ich. Die Umstände der Pandemie erzwingen eine andere Lebensführung, die unter manchen Umständen leichter zu vollbringen ist als unter anderen. Beispiel: Wer ohnehin entspannt auf dem Lande lebt, erträgt das Beherbergungsverbot der Landhotels in attraktiven Gegenden leichter als der kasernierte Bewohner des metropolen Mini-Apartments, dem jetzt der Urlaub verwehrt wird. Ernsthaft: hier stellt sich eine soziale Frage. Aber eben auch eine der Einstellung, des Habituellen. So glaubt eine Mehrheit meiner Studenten, sie kämen durch passives Mitschwimmen im Strom des Präsenzpublikums (sie sitzen im Hörsaal immer hinten, jedenfalls nie vorne) zurecht, was nicht mehr gelingen wird. Wer jetzt nicht adhoc seine Digitalisierungsdefizite aufholt, wird abgehängt. Agilität, so heißt das Modewort. Ich kannte es nicht mal, bis vor einem halben Jahr. AGIL, wtf?
Wir werden eine wachsende Gruppe der Veränderungsverlierer haben. Da ruft Cato, der Ältere: Vae victis! Gute Anekdote aus dem Alten Rom, wo der Sieger bei der Bemessung des Tributs sein Schwert noch auf die Waagschale warf, als der Besiegte die Gewichte bemängelte. Wehe den Besiegten.
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Was für den Schreibtisch gilt, gilt für die Welt. Alles strebt immer einer Unordnung zu, außer man räumt dagegen an wie blöd. Das ENTROPIE-Gesetz. Wenn Du nicht wie ein Irrer immerzu um Deinen Garten kämpfen willst, holt sich die Natur das zurück. Natur ist Chaos. Brutaler Kampf ums Licht, am Ende Urwald. Natur ist hässlich und böse. Gärtner haben keine von diesen krypto-religiösen Öko-Seelen, weil sie es besser wissen. Die Naturidylle des Gartens ist apollinisch, sprich eigentlich Architektur. ZWEITER HAUPTSATZ DER THERMODYNAMIK. Damit kann man gut testen, ob der unvermeidliche Ingenieur ein Depp ist oder nicht. Sagen Sie ihm: Erläutern Sie bitte den Zweiten Hauptsatz!
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Gestern passierte es mir, dass ich nach langer Autofahrt und dem Tankstop eine Tankstelle betrat und leider meine Altagsmaske im Auto vergessen hatte. Sofort freundliche Frage des Tankwarts, hinter Plexiglasscheibe und aus sicherer Entfernung, ob ich eine Maske tragen könnte, zurück ins Auto, Maske auf, um Entschuldigung gebeten, per Handy elektronisch gezahlt und raus. Erst im Auto Maske ab. Kein Getümmel mit unfreundlichen Reichsbahnern und anonymen Horden unwilliger Reisender wie in der Bahn oder sardinenhaftes Zwangskuscheln wie im vollbesetzten Flieger, Individualverkehr, einfache Regeln, an die man sich halten kann. Was also fordert uns die AHA-Regel ab, das nicht zu bewältigen wäre? Würde das die Pandemie vermeiden helfen? Wir sind alle am Ende in Gotteshand, zuvor aber doch wohl in unserer. Kein Grund zur Panik, empfinde ich, aber etwas Sorge und kluge Zurückhaltung. Scheint doch als Anstrengung zu bewältigen. Was man im Netz an Beispielen als hochansteckend sieht, erscheint eklatant unsinnig. Man möge vernünftig bleiben. Bei Verstand.
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ALPTRAUM AMPEL.
Das Institut INSA aus Erfurt sieht die sichere Wählerschaft der SPD bei 8 %, die der AfD bei 21. Das glaube ich nicht. Die Zahlen mögen stimmen; entscheidend ist aber immer, wonach überhaupt gefragt wurde und wie. Natürlich gibt es falsche Fragen, nicht nur fachlich falsch gestellte Fragen, sondern auch Suggestivfragen, die beide Gruppen täuschen, zunächst die Befragten selbst, dann die Leser solcher Manipulation. Die BILD liebt das Thüringer Institut nicht grundlos.
Lassen wir zunächst offen, ob ein Fünftel der Wähler gesichert rechtsradikal; ich habe Zweifel, ob man die geäußerte Selbstsicherheit von Bekennern zu einer Protestpartei und ihrer eigenen Protestwahl für eine gefestigte ideologische Disposition halten darf. Auf Dauer ist auch der Ossi für diese Bauernfänger der Reaktionäre zu schlau. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Verlässliches zur SPD. Sie wird es im Bund nicht auf eine eigene Mehrheit bringen, schon gar nicht im wiedervereinigten Deutschland. Ihr bisher höchstes Potential liegt im Bund bei 40%, präzise gesagt bei 38. Die aktuellen Werte von 13% plus x sind der eingangs gemeinte Sockel. Die Hälfte holt sie nicht ohne weiteres, ein gutes Drittel geht immer.
Die SPD wird also zum Regieren im Bund immer einen Koalitionspartner brauchen. Das Kalkül des Gerd Schröder war, den Grünen ihre fundamentalen Ambitionen ein Stück weit nachzusehen und so die Gunst von Joschka Fischer und Jürgen Trittin zu erringen. Rotgrün als Option.
Gelbgrün wäre mir persönlich lieber, allerdings wäre dann die FDP im Seriösen wiederzubegründen; ob das dem Jungliberalen Jürgen Kubicki oder dem vermeintlichen Verräter Volker Wissing gelingt, ist offen. Jedenfalls hat die SPD ein fundamentales Interesse an einer starken FDP als sozialliberalem Wesen. Das kann dauern.
Bleibt schwarzrot, da ein Bündnis mit den Blauen der SPD nicht möglich. Dazu gehört der Abgeordnete Otto Wels zu sehr zu ihrer DNA. Die SPD wird sich also nicht in einem Kampf gegen Rechts verzetteln sollen; das ist ohnehin die historische Agenda der Unionsparteien. Sie wird das Liberale und das Bürgerliche bei Gelben und Grünen stärken wollen und eine Ampel gründen. Diesmal mit führungsbegabtem Kanzler.
Mein Ernst? Mein Ernst. Satire? Nein, hatten wir gestern. Keine Ironie: Lasst uns doch den Alptraum Ampel noch mal anschauen. Vielleicht haben wir uns beim ersten Versuch nur verirrt.