Logbuch

GELASSENHEIT.

Befremdend ist diese STREITSUCHT in den Gesprächen, wenn es denn Gespräche sind, auf TWITTER und in der Politik. Niemand ist mehr MILDE gestimmt.

Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Die Menschen wollen eigentlich MODERATES, lerne ich. Beispiel: Wir wissen ja jetzt, dass viele Bücher keine Autoren haben, sondern zusammenkopiert sind. Da ist nicht mal gezielt plagiiert worden; das Verfahren ähnelt eher Müllsammeln. Man sollte es Recycling nennen, Müllverwertung. Das ist die Schande der Ghostwriter, die ihren Kunden eingeredet haben: Ich schreibe ein Buch für Dich. Und die Schande der Unis, die aus parteipolitischer Opportunität dafür Doktortitel vergaben.

Und die zweite Schande jener Professoren, die nun gegen den Enttarner dessen aus dem Hinterhalt hetzen. Ich denke gerade an einen Publizistik-Prof. und einen PR-Prof., die ich zufällig gesehen habe, wie sie sich als Heckenschützen gegen den Plagiatsjäger engagieren. Der Vorwurf der akademischen „sniper“: Der sei charakterlich minderwertig. Das sagen sie nicht offen, sie insinuieren es. Ich werde die beiden nicht benennen, aber das gefällt mir charakterlich nicht, wenn Charakter schon das Argument ist. Was immer man von dem Plagiatsjäger halten mag.

Das ganze KLIMA der EMPÖRUNG ist mir zu angestrengt. Dieser jakobinisch heiße Atem, der ist rigoros gegen andere, intolerant gegen Fehlverhalten, fundamentalistisch im Anspruch, inquisitorisch im Schüren von Verachtung und Rache. Es fehlt mir an GELASSENHEIT. Es fehlt mir an Nachsicht. Und der Zustimmung gegenüber jenen, die einen Fehler einräumen. Diese vordergründige Rechthaberei ist eine Form von Wahn, vielleicht sogar ein beginnender Wahnsinn.

Gestern sagt mir ein Freund, dass der Spott über die Dummen etwas UNDULDSAMES habe, wenn man doch wissen könne, dass die UNGEBILDETEN keine Gelegenheit zur Bildung hatten. Siehe der Anstreicher aus Sachsen und das deutsche Gedicht, das er fordert, aber nicht kann. Stimmt, aber dann sollen die nicht auch noch herrschen wollen, die Dummen. Da wird dann doch wieder das Jakobinische in mir wach, gegen das ich gerade argumentiere.

Man versteht, was Bertolt Brecht mit dem Wunsch nach mehr FREUNDLICHKEIT meinte. Das beginnt mit VERSTEHEN, dann dem HÖFLICHEN, bedeutet FRIEDEN und endet in Glücksfällen mit FREUNDSCHAFT. Sehr selten so was.

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GEDICHTE.

Seit der AfD-Grande, genannt „der Pinsel“, Anstreicher aus Sachsen, im TV-Interview kein DEUTSCHES Gedicht aufsagen konnte, steigt der Stress in der politischen Klasse. Was, wenn man jetzt auch gefragt würde. Und eine Zote ja nicht geht…

Da wäre ich auch in Not. Das Goethesche „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ ist sexuellen Inhalts, sprich unpassend. Was aber dann rezitieren?

Ich habe mal den Trivial-Philosophen Precht erlebt, wie er bei einer Tonprobe SCHILLERs GLOCKE vortragen konnte. Komplett. „Fest gemauert in der Erden / Steht die Form aus Lehm gebrannt.“ Das war sehr eindrucksvoll. Mein Gedächtnis reicht nicht mal für die einschlägigsten Geburtsdaten. Von Passwörtern ganz zu schweigen.

Soll ich das mit dem Birnbaum aus Brandenburg nehmen? Wo der skeptische Vater den Geiz des Sohnes durch eine Grabbeigabe überlistet? Oder das, wo ein Tyrannenmord mittels Dolches im Gewande geplant wird? Das mit der Tochter aus Elysium? Wo immer das liegt.

Dann war da ja noch die Rettung des Schiffbrüchigen, dessen Mutter berichtet werden soll, dass es der eigene Bruder namens UWE ist. Oder, wo sich die drei Feen verabreden, das könnte man nehmen. Vielleicht auch, dass ein Sommerabend, verglichen mit der Angebeteten, einfach nicht mithalten kann? Schon gar nicht diesen Sommer.

Oder, zum Thema POLITICAL CORRECTNESS, dass die Gedanken frei sind? Vielleicht mit ein wenig Geographischem, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt? Lieber diese andere Strophe, in der es um Einigkeit und Recht und Freiheit geht. Da kam der Dichter übrigens aus Wolfsburg; war aber historisch vor VW.

Überhaupt die Frage: Wählt man nach dem Dichter oder nach dem Gedicht aus? Und bei den Versen dann solche, die sich leicht behalten: „All meinen Feinden will ich verzeihn / Doch vorher schlage man ihnen / Die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ (Brecht) Wenn es was nettes sein soll, dächte ich an die beiden Segel oder den römischen Brunnen. Das ist es, der Brunnen in der Villa Borghese. Segel wie Brunnen sind zwar auch erotischen Inhalts, aber es bemerkt niemand. Dafür hat der Dichter sein Leben lang dran gefeilt. Das trage ich bei Lanz vor. Ich werde mir einen Zettel ins Portemonnaie legen und heimlich üben. Falls gefragt wird.

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DIE TRÄNEN DES EGON BAHR.

Als Willy Brandt vor der DDR-Spionage-Affäre in die Knie ging und der Fraktionsvorsitzende der SPD Herbert Wehner noch einen verlogenen Salut auf ihn, den Stürzenden, ausbrachte, verbarg der Brandt-Vertraute Egon Bahr seine Tränen nicht. Ein SPIN DOKTOR weinte; geht eigentlich nicht.

Es gibt, wie so oft, eine ganze Reihe von Wahrheiten. Wir schreiben das Jahr 1974 und der historische Rückenwind hinter dem ersten SPD-Kanzler flaut ab. Die FDP an seiner Seite, sie war Koalitionspartner, sehnt sich in Richtung CDU; Hans-Dietrich Genscher ist ein Mann, dem zu trauen, naiv wäre. Er lässt einen enttarnten DDR-Spion an der Seite des Kanzlers. Obwohl er Dienstherr des Verfassungsschutzes war und ihn hätte entfernen sollen.

Herbert Wehner, der Fraktionsvorsitzende der SPD, ein gelernter Sachse und geläuterter Kommunist, hat Beziehungen zum Chef des Bundeskriminalamtes, ein Herr Nollau, gelernter Sachse und Nazi in dunklen Zeiten. Ein seltsames Paar, beide wissen um den DDR-Spion, den sie gewähren lassen. Die Beamten des BKA interessieren sich stark für das Privatleben des Kanzlers, insofern der Spion davon wusste. Wehner und Nollau, diesen beiden zu trauen, wäre naiv. Wehner will Brandt ohnehin stürzen, jedenfalls glaubt er, ihn nicht halten zu können. Er hält ihn für angeschlagen.

Helmut Schmidt, der gern Kanzler werden will und nur Finanzminister ist, schaut dem Treiben zu. Er ahnt, dass die „Weibergeschichten“ von Brandt, der Kanzler zeigte sich gelegentlich promisk, zu einem Thema der Boulevardpresse werden könnten. Der enttarnte, aber in Brandts Nähe belassene DDR-Spion könnte hierzu plaudern. Das wiederum ist Schmidt als Grund für seine Nachfolge zu läppisch. Schmidt in machtpolitischen Fragen zu trauen, nun, das hatten wir schon. Man lese von Peter Zudeick „Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“, neu im Westend-Verlag.

Egon Bahr war Brandts SPIN DOKTOR schon seit ganz frühen Tagen, ein enger Berater und wohl auch Freund. Er weinte, weil sein Schützling stürzend gestürzt wurde. Beides, stürzend gestürzt. Brandt sagte zum Schluss, er sei nicht erpressbar. Das stimmte leider gleich mehrfach nicht.

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ADEL VERPFLICHTET ZU NIX.

Durch Geburt, also bloße Abstammung, etwas ganz Besonderes zu sein und daraus sehr weitgehend Ansprüche ableiten zu dürfen, ist eine Vorstellung, die in meinem Vaterland keine soziale Wirklichkeit mehr hat. Man muss schon sehr tief luftholen, um noch zu verstehen, was GOTTES GNADENTUM mal bedeutete. Die Französische Revolution hat damit in Europa aufgeräumt und zuletzt der österreichische Lump, dem sich Deutschland in die Arme geworfen hat, um einen weiteren Weltkrieg wie einen bisher unbekannten Völkermord zu veranstalten. Danach ist das Staatsoberhaupt auf deutschem Boden eine Beamtenseele in einem renovierungsbedürftigen Gästehaus neben dem Berliner Zoo. Recht so.

Die Briten haben ein Königshaus, wohl abstammend von denen aus Sachsen-Coburg und Gotha, für das sehr lange Elisabeth II gestanden hat und ihr königlicher Gemahl Philipp, irgendwelche Battenbergs; aber ich kenne mich nicht aus und werde dieser Tradition meiner britischen Nachbarn nicht mit Ironie begegnen; ein Fehler, den ich mal begangen habe und ganz sicher nicht wiederholen werde. God Save the King.

Dann gibt es da aber eine Obsession der englischen Boulevardpresse mit den Ausläufern der Königlichen Familie, die mich irritiert. Jüngst geht es der Yellow Press um das „House of York“, sprich die familiären Angelegenheiten des nicht inthronisierten Sohns der vorgenannten Elisabeth, einem Andrew, und seiner rothaarigen Gattin Sarah Ferguson, beide in den Klatschspalten als „Andy & Furgie“.

Es überrascht mich, welchen Aufwand an Schnorrerei man offensichtlich treiben muss, um ein internationales Lotterleben zu entfalten. Wie man Zwielichtigem um den Bart gehen muss, ja Verbrechern zu Dienste zu sein hat, um in die sündhaft teuren Hotelsuiten der gänzlich Verruchten zu kommen und die Privatflieger wirklich Reicher nutzen zu dürfen. Tragisch fast, weil man etwas zu verhökern sucht, das man nur vermeintlich besitzt und selbst dann keinen Wert hat, die Nähe zum Thron.
Einem Thron, der selbst nur noch ein leerer Mythos ist. Wie leer kann das sein, berechtigt weil von adliger Natur?

Randy Andy übte zeitweise ein für ihn erfundenes Amt aus; er war „UK special representative for international trade and investment“, womit seine Spesen wohl zu einem guten Teil auf das Finanzministerium gingen, sprich den Steuerzahler. Als solcher verkehrte er am säkularen Hof von Jeffrey Epstein. Vorgeschlagen hatte ihn für den Posten als Regierungsvertreter der britische Handelsminister Peter Mandelson. Man kannte und schätze sich. Zugeführt haben soll ihm Epsteins Gattin Ghislaine Maxwell, die Tochter des englischen Verlegers, die 17jährige Tochter eines Handwerkers, der die Klima-Anlage in Mar-a-Lago reparierte. So angeblich unwidersprochen der britische Historiker Andrew Loenie.

Es gibt Gerüchte, die von so Schäbigem künden, dass man nicht anders kann, als an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben. Selbst zu Ostern. Selbst, wenn Kompromat.