Logbuch
KULTURTECHNIKEN.
Lesen und schreiben zu können. Eine gute Handschrift. Mit der Tuschefeder schreiben. Mit Messer und Gabel essen. Walzer tanzen. Eine Krawatte binden. Einen Hummer zerlegen. Es gibt eine lange Liste von Dingen, die man können können sollte. Jetzt lerne ich: schneller Doppelklick, und zwar ohne die Maus zu bewegen.
Asiatisches mit Stäbchen. Spaghetti nur mit einer Gabel. Den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Schillers Glocke aufsagen. Einen Meister der Freimaurerei grüßen. Konversation mit älteren Damen. Überhaupt: ein Gespräch führen. Von Angesicht zu Angesicht. Das fällt manchem schon schwer. Aber eine Konferenz über ZOOM oder TEAMS. Und dann fragen sie Dich, über welchen Brauser Du gekommen bist. Doch nicht etwa über Feierfocks, der das Hättsett gar nicht unterstützt. Und am Ende, als alles danebengegangen war, da lerntest Du, dass Du den Doppelklick zu langsam machst. Oder dabei die Maus bewegst.
Die ganze Übung hat etwas von dem Bemühen regionalsprachlich geprägter Menschen, den Dialekt der Heimat zu verlernen und Hochdeutsch zu sprechen. So sehr sie sich mühen, die Schwaben oder die Oberfranken, sie werden nie klingen wie der Hannoveraner seit Kindertagen. So auch die Digitalkompetenz. Vielleicht wird man das Scheißding bedienen lernen, aber immer werden die Nörts es knirschen hören.
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PROPAGANDA.
Verführung ist ein feines Spiel. Man hüllt einen seidenen Schleier um etwas, um es zu verbergen und zugleich zu offenbaren. Der HOLZHAMMER gehört nicht zu den angezeigten Werkzeugen.
Der Propagandist gibt sich als solcher nur seinen Anhängern zu erkennen; da lüftet er den Schleier. Seinen Gegnern gönnt er nur die Unschuldsmine; da verhüllt er. Er ist raffiniert im Feindesland und plump vertraut vor seinen Confidenten. Er hat einen Januskopf. Mit der Zeit wird er schizophren.
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KRAWATTE.
Früher trug der Herr Krawatte, einen bunten Binder, kurz Schlips genannt. Heute hat er den obersten Knopf am weißen Hemd offen, das Ziertuch fehlt. Man ist „business smart.“ Und dünn wie eine Bohnenstange.
Die Zeiten von Schlips und Kragen sind vorbei. Man trägt keine Dreiteiler mehr, Anzüge mit Weste, sondern „slim“: das Sakko lässt sich so grade schließen, der Knopf droht abzureißen, während er die Jacke wie einen Schmetterling zusammenzieht. Das gilt als sportlich. Es herrscht ein GEBOT DER INFORMALITÄT. Es gehen ansonsten erwachsene Männer in Klamotten zur Arbeit, die ich nicht mal auf dem Weg in die Sauna tragen würde. Ich sehe Greise in Kapuzenpullovern, grässlich. Und in Turnschuhen, „sneaker“ (engl.) genannt.
Dass Frauen Hosenanzüge auch dann tragen, wenn sie die leicht disproportionierte Figur offenbaren, daran haben wir uns gewöhnt. Jederfraus gutes Recht. Dass Männer sich des Rocks bemächtigen, das ist noch den Schotten vorbehalten. Übrigens, ja, es stimmt: der Schotte trägt nichts drunter. Aber warum fragen Sie? Wir müssten dann darüber reden, was Schotte wie Bayer vor der Hose tragen. Und warum. Charivari, oder? Kipling hat sich dazu nicht geäußert, aber ich bin sicher, dass dies eine andere Geschichte ist. Hier kein Thema.
Der neue „dress code“ signalisiert VITALISMUS und einen Duktus des Legeren (frz.), eine Kleiderordnung der besonders Erfolgreichen, die keinen Bierbauch entwickeln, weil sie durch die Nase konsumieren. Ich erinnere noch gut, wie vor zwanzig Jahren der Supermanager, aus USA, Kalifornien kommend, seinem Jet entstieg und am GAT des Flughafens sich seine dort wartenden Vorstandskollegen die Binder vom Hals rissen, weil die Beobachtung die Runde machte: „Sans cravate!“(frz.) Der Boss kam ohne Krawatte, also stopften erwachsene Männer das eilends heruntergerissene Tüchlein verlegen in die Hosentasche. Man öffnete den obersten Kragenknopf.
Die KLEIDERORDNUNG des Lockeren hat nichts lockeres. Was uns da aus Silicon Valley als HABIT beschert wurde, das ist eine Uniform. Ich habe nicht den Eindruck, dass der gerade verstorbene Prinz Philip davon beeindruckt war; ich bin es auch nicht. Und selbstverständlich gehört ans Revers eine Blume.
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DAS DOPPELTE LOTTCHEN.
Noch in Brüssel nach Terminen in der Kommission, dem Parlament und bei unserer Botschaft wie der NATO sinniere ich im Grundsätzlichen: Was macht ihn aus, den EUROKRATEN? Versuch eines Sittengemäldes der Politischen Klasse, die die EUROPÄISCHE IDEE vertritt.
Am Auffälligsten der Doppelcharakter von einerseits einheitlicher Rolle als Rädchen oder Rad im Getriebe des Molochs. Die Europäische Idee hat institutionelle Gestalt angenommen in einer gewaltigen und vielfältigen Bürokratie, die sich gegenseitig codifiziert. Man ist, wenn von Rang, akademischer Ausbildung, simuliert diplomatische Karrieren und von gut bürgerlicher Erscheinung. Kafkas Türhüter sind gut gekleidete, anständig alimentierte Menschen mit Manieren, stets garniert mit dienstbaren Geistern, die als Pilotfische die Algen von den Flossen fressen. Damen und Herren mit Hofstaat.
Dann, im Zweiten und vielleicht im Wesentlichen, ist man ein Nationalcharakter, historisch französischer Provenienz, jetzt auch spanischer Couleur und immer mehr mit osteuropäischem Einschlag. Man spricht gutes Englisch, ist es aber nicht. Das europäische Lottchen ist unter der Oberfläche eine nationale Lotte. Dem entspricht, dass nur eine Institution hier wirklich das Sagen hat, nämlich der Rat, sprich die Chefs der Nationalstaaten. Unter dem Verdikt der Einstimmigkeit. Europa droht immer, nur ein Lippenbekenntnis zu sein.
So weit, so schwer; wäre der Doppelcharakter nicht noch mal angelegt. Politik als Beruf weiß, dass eine Angelegenheit einerseits eine Sachlogik hat und andererseits eine politische Heimat. Die Frage ist nicht nur, ob etwas logisch; entscheidend ist, welche Politischen Lager es wie mobilisiert. Und natürlich herrscht das Primat der Politik über die Erfordernisse der Sache. Das doppelte Lottchen gibt es doppelt. Eine politische Sache hat also vier Facetten, mindestens. Oben drauf kommt noch, wer mit wem kann. Und dass nicht alle Seelen lauter.
Das Genie der europäischen Idee ist schon daran zu erkennen, dass nicht jeder Donald sie versteht. Immanuel Kant hat den Frieden einen Sieg der Vernunft genannt. Adam Smith den Welthandel den Ursprung von Wohlstand. Europa fügt beides zusammen. Wie bringe ich das jetzt der doppelt schizophrenen Lotte an den Verstand?