Logbuch

HÖRENSAGEN.

„So habe ich es gehört. Und in Teilen glaube ich es auch.“ Daraus spricht Zweifel. Jede Quelle sei suspekt, hat mir eine kluge Historikerin mal gesagt; eine Berufseinstellung jener, die eine Unzahl von Geschichtsklitterungen skeptisch gemacht hat. Der Spruch mit dem Hörensagen stammt von einer Figur im „Hamlet“; Horatio heißt der Skeptiker dort. Ich habe vergessen, was genau er auf dem Spukschloss in Dänemark treibt. Aber sein Motto klingt mir in den Ohren. Insbesondere wenn ich auf die ganz Gewissen treffe. Was wir wissen, haben wir selten aus erster Hand. Lob des Zweifels.

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APHORISMUS.

Die ganze Wahrheit in einem Satz; und der noch brillant formuliert. Wer oft so einen guten Spruch drauf hat, der gilt als geistreich. Aber das Elend ist nah. Wenn einer immer nur lauert, wie er was witziges sagen könnte, wird er anstrengend. Routine tötet. Man kennt das von den hauptberuflichen Komikern: ihre Kunst ist die der KLEINEN FORM. In der Pointe liegt die Kraft. Es gibt keine abendfüllenden Filme mit „stand-up-s“, die erträglichen wären. Ich habe keinen Woody Allen Film wirklich genossen; immer schaler Nachgeschmack, manches peinlich (das Autobiographische oberpeinlich). Weil die KLEINE FORM eben nur eine kurze Zeit geht. Esprit zu zeigen, Witz zu haben, das sind Blitze an einem dunklen Himmel, nicht dauergrelle Neonreklamen. Ein Bonmot, das ist ein seltenes Glück, das daraus lebt, überraschend zu sein. Wirklich spritzige Sottisen sind wie Sternschnuppen. Zu seiner inhaltlichen Wirkkraft bringt es der Aphorismus, weil er radikal verkürzt oder dramatisch überzieht, beides eine intellektuelle Leitung. Der große Karl Kraus hat einem Aphorismus bescheinigt, die halbe Wahrheit zu treffen oder anderthalb. Gut gesagt. REDUKTION VON KOMPLEXITÄT, hat der Soziologe aus Bielefeld es genannt. MUT ZUM PARADOX, ergänze ich. Hier nun liegt die Tragik der notorisch Originellen auf Twitter und sonst wo: Sie suchen Geistesblitze zu produzieren wie die Nudelfabrik Pasta. Jeden Tag drei. Anfänglich würdigt man noch das Bemühen, dann steigt Langeweile auf, schließlich Mitleid über das Scheitern. „Heute sinkt für Sie: das Niveau!“

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FAIR PLAY.

Das Leben sei kein Debattierclub, sagen jene, die nie in einem waren. Es ist die Unfähigkeit zu spielen, die das Zusammenleben so anstrengend macht. Die Idee war doch eigentlich , man spielt miteinander, um sich zu vergnügen; dabei hält man sich an die Regeln. Weil es ein SPIEL ist. Am Ende liegt man sich vielleicht nicht in den Armen, aber man geht ausgeglichen auseinander. So laufen die GESPRÄCHE hier nicht. In den SOCIAL MEDIA geht es nicht sozial, eher asozial zu. Es darf geholzt werden. Man schlägt unter die Gürtellinie. Es scheinen Masochisten anzutreten und nach ihresgleichen zu suchen: Bitte belehre mich! Bitte beschäme mich! Der hechelnde Atem der Gesinnungsträger und ewigen Rechthaber allenthalben. Die Meute lungert, ob es nicht einen Scheiterhaufen zu errichten gilt. Ich empfinde diese Atmosphäre des Richtens als anstrengend, insbesondere wenn es um Belangloses geht. Unangenehm wird es, wenn Tabuverletzungen gerächt werden sollen. Regelrechte Aufrufe zur Gewalt soll es geben, berichten die Opfer dessen, was man hier „shitstorm“ nennt. Man ist sich im Zustand der Abregung einig, dass Hass zu weit geht; aber schon dieses polemische Herumlungern ist unangenehm. Und es mag sein, dass manche Aufregung zu Recht erfolgt. Aber wären nicht die seltenen Fälle des fairen Umgangs zu loben? Der Nachsicht?

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KORKENGELD.

Wenn man wissen will, was wirklich los ist, hört man London. Der Satz gilt jetzt in meiner Familie in der dritten Generation. Darüber ist zu reden und über „corkage fee“; beginnen wir aber mit der BBC.

Ich sitze im Auto und fahre selbst, kann also nicht im Internet daddeln. Ich höre, dass die Amerikaner und die Israelis Angriffe auf den Iran fliegen. Die Royal Air Force soll auch dabei sein; das interessiert mich. Dazu erfahre ich im Deutschlandfunk aber nichts, rein gar nichts. Sie dudeln eine Konserve runter, die mich von der Einführung einer Zuckersteuer überzeugen soll. Nach wie vor nimmt man hier einen Erziehungsauftrag wahr, diesmal zugunsten der Gesundheit ärmerer Bevölkerungsschichten. Die sprichwörtlich dummen dicken Armen sollen durch gezielte Inflation geheilt werden. Paracelsus staunt.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat viele unseriöse Feinde, aber eben auch kluge Gegner. Er ist von einem Erziehungsauftrag beseelt, der aus dem grünroten Milieu kommt und gänzlich frei von Liberalität ist. Pönale als Privileg. Selbst der BBC ist hier ein Fehler mit Signalkraft passiert; man montierte verdeckt ein Trump-Zitat zusammen, um ihn so bis zur Kenntlichkeit zu verfälschen. Kein Tippfehler. Das ist eine Brechtsche Figur und nicht ohne innere Paradoxie.

Die Journalisten haben es nicht leicht in einer Zeit, in der die Mächtigen so dreist lügen; ja, sich dessen nicht schämen, sondern ihre Propaganda offen feixen lassen. Ich lese gerade von zwei amerikanischen Bürgern, die die Fremdenpolizei exekutiert hat, als sie versuchten sich zu Zeugen von Straßenkämpfen aufzuspielen. Man kann sagen, dass die amerikanische Rechte den notorischen Rechtsbruch akklamiert. In einem Land, in dem die verschmähten Migranten angeblich die Hunde und Katzen der Bürger verzehren, also eine Bedrohung sind.

Regimewechsel also im Iran. Den Mullahs wird niemand nachtrauern, sagt mir eine Freundin, die unter deren Terror ihre persische Heimat verloren hat. Möge sie ihr Mutterland wiedergewinnen. Jetzt zur Erziehung durch Inflation. Die Getränkepreise in Gaststätten sind in den letzten sechs Jahren um 40 Prozent gestiegen. Sagt die BBC. Der deutsche Gast versteht nicht, dass diese Inflation ein Griff in seine Tasche ist. Man wird schlank um sein Geld betrogen. So, als saufe da jemand mit; im Zweifel der Staat.

Eine Flasche französischen Weins kommt mit 8€ über die Grenze und erbringt ausgeschenkt das Zehnfache. Das machen wir künftig auch mit Limo! Euer Ernst? Ich bringe mir meine Getränke künftig mit und zahle Korkengeld. Während ich darüber sinniere, bringt der Deutschlandfunk die ersten Meldungen von der Front. Nach einem Tag. Zuckersteuer war wichtiger.