Logbuch

DER BUNTSTIFT.

Mein Berufsleben wurde in frühen Jahren von einem Chef geprägt, der wusste, was er wollte. Ich wurde bei ihm zum Gehilfen der Plausibilisierung. Das ist ein literarisches Gewerbe, in dem man einem komplexen Sachverhalt eine glatte Geschichte zugrunde legt, deren Ton und Verlauf den Menschen so vertraut ist, dass sie sie im Stillen mitsummen.

Dieser CEO, nennen wir ihn Charly, war sich des Widerstands bedeutender Stakeholder bewusst, dazu gehört sein Aufsichtsratsvorsitzender, den er wohl aus tiefster Seele verachtete, jedenfalls sah sich Charly nicht zu Gehorsam genötigt. Oft ließ er sich bei dessen Versuchen zu Telefonaten schlicht verleugnen. Ich erinnere mich noch gut über dessen Fassungslosigkeit. Bei Rotary brach es aus ihm raus: „Der Kerl redet nicht mit mir!“

Anekdote: Der Mann hieß Bund und sein Redenschreiber wurde mit dem Spitznamen „der Bundstift“ veralbert, was diesem aber gefiel. Vielleicht ist die Episode sogar von ihm selbst erfunden; man weiß das bei PR-Leuten nie. Jedenfalls schrieb es irgendwann ein Journalist; damit war es in der Welt, also wahr. Der Stift vom Bund, ein Bundstift.

Von Charly stammt der Satz, dass es nützlicher sei, eine falsche Strategie konsequent durchzusetzen, als eine richtige zu vertrödeln. Genauer gesagt stammt die Haltung von ihm und der Satz von mir. Die Geschichte endete, wie sie im wirklichen Leben enden muss, man setzte ihm den Stuhl vor die Tür. Ich machte mich vom Acker, um nicht an der unvermeidlichen Witwenverbrennung teilnehmen zu müssen.

Heute, da ich große Tanker in seichten Wässern träge treiben sehe, denke ich oft an Charly und das Wort des weisen Cato: „Dem Ignoranten ist kein Wind der richtige, da es keinen Hafen gibt, der da anzusegeln ist.“ Könnte von mir sein. In meinem besten Schullatein: „Ignoranti quem portum petat, nullus suus ventus est.“

Jetzt könnte ich mich noch dazu verleiten lassen, auszusprechen, von welchen Tankern die Rede ist. Mache ich aber nicht. Man kann ja mitsummen.

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KÄFIGKÄMPFER.

Der amerikanische Präsident feiert seinen 80. Geburtstag durch Gladiatorenkämpfe vor dem Weißen Haus, bei denen jede körperliche Gewalt willkommen; es zerschmettern sich in einem Käfig martialische Kämpfer mit ultimativer Brutalität. Welch ein Vergnügen. Die Zivilisation ist über den Kulturbruch entsetzt. Doch gemach.

Die spätrömische Dekadenz der Neuen Rechten ist so traditionslos nicht. Die Brutalität ohne Regeln ist eine olympische Disziplin der edlen Griechen. Die Pankration („jedwede Gewalt“) war eine Kampfsportart, die die Heroen den Göttern entlehnt hatten, ein Boxen, Ringen und Malträtieren jeder Art, Ausnahme nur Augen und Geschlechtsteil, das bis heute auf Vasen kunstvoll dokumentiert. Man verließ den Kampfplatz als Sieger oder Krüppel oder beides oder gar nicht mehr. Das also möchte der amerikanische Traum für sich als symbolisch gesetzt wissen.

Es ist ein sehr aktueller Kulturkampf, den die Männlich-Martialischen da entfalten; eine kulturelle Konterrevolution. Im Vorprogramm wird die Gattin des Amtsvorgängers, Michelle Obama, Mutter von zwei Töchtern, als biologischer Mann denunziert. Die Meute grölt vor Vergnügen. Die Soziokultur Nordamerikas zerbricht in zwei disjunkte Lager. Reconquista, Rückeroberung; das ist das Selbstverständnis. Politik als reaktionäre Rache. Es entsteht kulturelle Dichotomie.

Tatsächlich ist der historische Bezug enger zu ziehen als die Entlehnungen aus der Antike ahnen lassen. Wir schauen auf das Italien Mussolinis. Denn es sind die Funktionalisierungen der antiken Tugenden im Faschismus, die hier wirken. Ein Männlichkeitskult, der sich durch die Opposition zu Effemination definiert. Alles Weibliche galt als Verweichlichung, eine üble Form der Dekadenz; jedewede Homosexualität als Frevel. In diesem Geist findet die Rückeroberung statt. Gegen das andere Amerika unter der woken Kultur des weichlichen Joe Biden und des nunmehr ja schwulen Obama als Gegenbild der wieder stolzen Jungs. Wir wollen wieder sterben wie Männer.

Pankration also. Was für banale Banausen, die da johlend vor den Käfigen hocken. Geschichte wiederholt sich. Jedenfalls, wenn man nicht aufpasst. Anderes Thema. Ich erinnere eine bayerische Dorfkirche, die dem Heiligen Pankratius gewidmet war, dem Alles-Bezwinger. Aber da war wohl der christliche Glaube gemeint, nicht der Faustkampf.

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ANGESTRENGT.

Wer sich erklären muss, hat schon verloren. Wir haben keine Wähler mehr, die langweiligen Politikern lauschen, die sich Erklärungen zusammenhaspeln, die niemanden interessieren. Politik ist nicht mehr Shakespeare. Politik ist Homer; man glaube mir (heute ein Logbuch aus Delphi).

Man kann etwas Gemeinsames beobachten bei Keir Stamer, dem englischen Premierminister, und Donald Trump, dem amerikanischen Präsidenten, das ihnen beiden nicht nützen wird. Die Herrschaften wirken genervt, bemüht, angestrengt. Da haben die Wähler ein Gespür, dass es nicht mehr lange gut geht.

Der Souverän ist eigentlich, wenn souverän, stets gut gelaunt, vielleicht mit einer leicht ironischen Note, die Dinge gehen ihm von der Hand, was einer zarten Geistesabwesenheit Vorschub leistet, die verziehen wird, da man weiß, dass er eigentlich Höherem verpflichtet. Ein homerischer Held!

Der tiefste Moment in der politischen Karriere des Olaf Scholz war der endlos bemühte Vortrag vom Blatt dazu, warum er Christian Lindner entlassen will; ein Versuch der Entschuldigung für Versagen. Verlierer mag der Wähler nicht, jedenfalls nicht an der Spitze der Politik.

Wir wollen auf dem Olymp Götter sehen, keine friemelnden Bastler der Macht, denen bei jedem Auftritt die Angst ins Gesicht geschrieben ist, wieder ausgelacht zu werden. Man möchte nicht fürchten müssen, dass der Feldherr, statt voranzuschreiten, über die eigenen Füße fällt. Trottel taugen nichts in der Ilias.

Wenn Führung akzeptiert wird, dann nicht von einem Zauderer, der zögert, hadert, hinkt. Das heutige Publikum mag keine endlosen Dramen komplizierter Verwicklungen, an deren Ende alle Welt in endlosem Zuwarten versinkt. Der Wähler ist anders. Walter Littmann hat mal gesagt, er kommt zum zweiten Akt, hört nicht zu und geht früher, so dass man schon froh sein muss, wenn er überhaupt mitgekriegt hat, wer der Schuft ist und wer der Held.

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DES SCHUSTERS LEISTEN.

Viele Fragen der Geschichte sind offen, also noch immer Fragen. Dazu gehören Ereignisse während des Ersten Weltkriegs, namentlich ein Völkermord 1915/16. Wie ich jetzt darauf komme? Nun, das liegt an meinem Schuhmacher. Ich trage sogenannte Budapester von Dinkelacker; diese Dinger aus Pferdeleder halten ewig, wenn regelmäßig fachmännisch restauriert. Mein Schuhmacher, den ich kieztypisch für einen Türken und Muslim halte, hat aber, wie ich zufällig sehe, ein Kruzifix in seinem Laden hängen. Ich bin offen mit meinen Berliner Nachbarn und spreche ihn darauf an.

Der Mann ist Armenier und Christ. Er nennt mir Noah als einen seiner Urväter. Und ehrt das Kreuz. Man habe im Ersten Weltkrieg ein oder zwei Millionen seiner Landsleute und Glaubensbrüder abgeschlachtet. Anlass genug im türkischen Café an der Ecke im Internet zu stöbern. Die aktuelle Regierung des Osmanischen Reichs legt Wert darauf, dass diese Ereignisse zwischen Vierzehn und Achtzehn kein Völkermord ihrerseits gewesen seien. Solche historische Semantik zur nachträglichen politischen Entlastung interessiert mich nicht.

Spannend ist die damalige zeitgenössische Reaktion in meinem Vaterland. Die frühen Faschisten, auch der junge Herr Hitler, sind angesichts der Massentötungen im Vorderen Orient begeistert. Das Abschlachten erscheint den frühen Hitlerjungs 1916 folgende als fabelhaftes Beispiel dafür, wie man ein Volk säubern könne. Da ist sie, die Innere Soziologie des Faschismus, eine Dreirassengesellschaft. Zu denken wie eine Zwiebel. Oben wenige politische Reinrassige, die einen Führerstaat verdient haben, respektive dieser sie. In der Mitte die trägen Massen, die heute dem und morgen jenem folgen. Unten der Outcast, Fremde, Kriminelle, Kranke; sie gilt es zu tilgen. Hitler denkt so. Und wir wissen, dass er später auch so handelte. Mit breiter Zustimmung aus der Mitte der Masse.

Was bringt diese Leitvorstellung der Säuberung in die Köpfe? Schon das Wort. Die Vorstellung also, Fremdes tilgen zu müssen, um das Elend aus der eigenen Welt zu bringen. Ich bin sehr für empirische Sozialwissenschaften, man soll also schon ganz genau hinsehen; aber dieser Wahn von anderen Menschen als Schmutz, der scheint mir archaisch. Wäre ich religiös, was ich entschieden nicht bin, würde ich finden, dass es das Böse gibt in der Welt. Eben in diesem Willen zur Säuberung. Hände weg von meinem Freund, dem Schuster.