Logbuch
HEIMATLOS.
Karl Marx, der Bärtige aus Trier, war der Meinung, dass der PROLETARIER keine Heimat habe. Er wollte, dass sich die Arbeiter aller Länder vereinen. „Völker, hört die Signale…“ Man solle sich nicht im Kampf verfeindeter Nationen für die jeweiligen KAPITALISTEN abschlachten lassen. Sondern die SOZIALE FRAGE stellen. NATIONALISMUS hielt er für eine kleinbürgerliche Krankheit, wenn nicht eine üble Propaganda der Bourgeoise. So weit, so klug.
Und er hat gesagt: „Jede Kritik beginnt mit der Kritik der Religion.“ Sie sei, politisch betrachtet, „Opium für das Volk“. Er meinte damit jedwede Religion. Noch klüger. Und ich bin groß geworden mit dem Ressentiment gegen FLÜCHTLINGE aus dem Osten, die sich als Heimatvertriebene sahen; manch reaktionäre Töne aus deren Mund und manche Abstoßung durch die Ansässigen.
Also, was die HEIMAT angeht, da hatte er Unrecht, der Bärtige aus Trier. Heimatlos ist nur das Kapital; ihm ist es egal, in welchem Land es auf dem Konto liegt. Und wo es seine Steuern nicht zahlt. Man soll das Kapital dafür nicht schelten, höre ich. Man sagt mir, das Kapital sei ein scheues Reh. Das stimmt nicht so ganz. Dieses Reh ist nicht Bambi; es ist eine notorische Wanderhure. Damit will ich nichts gegen Huren oder Wanderer gesagt haben.
Menschen haben eine Heimat, an der ihr Herz hängt. So wie Kinder Eltern haben sollten, an denen ihr Herz ein wenig hängt. Jedenfalls bis sie dann erwachsen sind. Vielleicht entsteht für die Wanderer, sprich Migrantinnen und Migranten, eine neue Heimat; vielleicht auch eine neue Liebe, aber die alte bleibt. Alle Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, bleiben , was das angeht, sentimental; das muss man verstehen.
Deshalb sehe ich jeden GASTARBEITER, wenn man darunter mal alle Migrantinnen und Migranten fassen darf, mit Respekt. Übrigens muss man über seine Gefühle nicht seinen Verstand verlieren. Viele sind froh, dass sie ihre Heimat verlassen konnten und wenige wollen zurück. Ich selbst bin mit Emscherwasser getauft und die Familie kam historisch aus Ostpreußen, jetzt Russland. Da möchte ich heutzutage nicht tot über‘n Zaun hängen. Aber ich sehe die Sentimentalität der vermeintlich Heimatlosen mit Respekt.
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DIE QUAL DER WAHL.
Sehnsucht nach Autorität, nach Kompetenz, Können, dem Stoff, aus dem Kanzler sind. Deutschland gähnt. Die drei Kandidaten für die Regierungsspitze sind alle gleich unbeliebt. Alle drei langweilen. Am liebsten hätte der Wähler keinen von denen. Es bahnt sich eine Pflichtübung an. Ich kenne das von der Wahl der Elternvertreter in der Schule: es muss irgendwie sein, aber wirklich Bock hat keiner. Und die, die sich melden, sind peinlich. Wenn es ginge, könnte die ungeliebte Merkel bleiben. Egal…
Getretener Quark wird breit, aber nicht stark. Der SCHOLZOMAT grinst sich durch, manchmal bis an die Grenze zur Dümmlichkeit. Der ARME ARMIN übt sich jesuitisch im Ungefähren bis Vagen. Frau BÄR&BOCK will gefallen, aber schwindelt zu oft. Der fränkische MACHIAVELLI SÖDER schließlich riecht auch durch das TV nach billigem Rasierwasser. Was für eine Posse!
In einer Diskussion, die ich zu moderieren hatte, zeigt sich die sehr nette Kandidatin der Grünen für das Amt des örtlichen Oberbürgermeisters so entspannt, dass mir hinterher ein Journalist aus dem Publikum sagt: „Die will gar nicht!“ Das ist der Kern: Man weiß nicht, ob die überhaupt wollen. Die wollen nicht wirklich. Allesamt ein Ambitiönchen, aber keinen wirklichen Bock.
Es fehlt der politischen Klasse am Begattungswillen. Was für eine müde, unerregte Truppe. Die vorgenannte Grüne sagt, sie habe noch nie ein Auto besessen; sie sagt das in einer Stadt, in der VW der größte Arbeitgeber ist. Und will damit punkten. Ich glaube, die hat gar keinen Führerschein. Ich glaube, die haben ALLE keinen Führerschein. Die wollen mitfahren, aber nicht lenken. Ich bemerke, wie Verachtung in mir aufsteigt.
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NONCHALANCE.
Ein Gentleman trägt teure Schuhe, Pferdeleder, aber ungeputzt. Seine Krawatte,beste Seide, hat einen Fleck. Am Kaschmir-Sacco baumelt ein einzelner Knopf am seidenen Faden. Er nuschelt, wo er rezitieren sollte. Die Pointe der Anekdote vermasselt er, verlegen lächelnd. Nicht alles zugleich, aber bestimmt eins davon. Nur Aufsteiger sind makellos.
Ich sehe einem Nachwuchspolitiker zu, der alles richtig machen will und fast alles richtig macht. By the book, nach Lehrbuch. Nicht dumm, gut aussehend, dezent gekleidet, höflich, umsichtig. Alle rhetorischen Fallen vermeidend. Ein Smarter. Und doch fällt ein böses Wort: Ein Westentaschen-Kennedy. Warum kommt er nicht an?
Eigentlich perfekt. Und dann fehlt doch was. Zu glatt, der Mann, zu bemüht. Man bemerke das Streberhafte, höre ich. Frauen himmeln ihn nicht an, sie fremdeln. Es ist die Logik des Schönheitsflecks. „Ihre Schönheit war so perfekt“, heißt es bei den Antiken über eine Göttin mit einem Leberfleck auf der Wange, „dass sie nur um den Preis eines kleinen Fehlers überhaupt zu ertragen war.“ Perfektion tötet.
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DAS FIKTIONALE.
Was nicht faktisch ist, den Tatsachen entsprechend, das muss man fiktiv nennen, erdichtet also, bloße Spinnerei. Vielleicht sogar in böser Absicht und übler Art Gefälschtes, im Amerikanischen „fake“ genannt. Zwischen diesen beiden Inseln unseres Urteilsvermögens liegt aber der Ozean des Fiktionalen, ein Weltmeer des Erdichteten. Kleine Märchen und große Mythen. Da mischt sich das Faktische mit dem Fiktiven zum Fiktionalen. Wesen aller Religionen. Davon will ich berichten und Königsberger Klopsen.
Zunächst zu einem gerade wiederentdeckten Stück Trivialliteratur, einem 1965 in den USA erschienen üblen Roman über einen fiktiven US-Präsidenten, der sie nicht mehr alle hatte. Das Ding führt eine „Nacht in Camp David“ im Titel. Ich lese im Netz: „Der darin erfundene (!) Präsident Mark Hollenbach bestellt den jungen Senator Jim McVeagh nachts zu sich nach Camp David in Maryland. Er eröffnet ihm, dass er der nächste Vizepräsident sein soll, weil er dem amtierenden nicht mehr traue. Zwei Treffen in Maryland finden im Dunkeln statt, weil sich Hollenbach stets beobachtet fühlt. Er möchte, dass das FBI fortan jedes Telefongespräch überwacht und will, notfalls mit militärischer Gewalt, eine Union mit Kanada und den skandinavischen Staaten errichten. Die Bevölkerung Skandinaviens sei diszipliniert und charaktervoll, er selbst stammt von nach Deutschland ausgewanderten schwedischen Vorfahren ab und McVeaghs Gattin sei ja Schwedin. Auch mittels Wirtschaftsmacht und Zöllen will Hollenbach fortan Druck ausüben.“ Und so weiter. Und so fort.
Erste Frage: Kanada? Na gut, aber Schweden? Wie kommen die Wikinger zu diesem guten Image? Was formte diese blonden Piraten zu so edlen Menschen? Es könnte am Verzehr von „Köttbullar“ liegen. Wenn ich eines Tages mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette schreibe, wird sich ein ganzes Kapitel nur den schwedischen Hackfleischbällchen widmen. Und natürlich dem flachen Bratbruder der Frikadellen, dem sprichwörtlichen Hamburger, der mit einem Analogkäse-Überzug als „Cheeseburger“ zum Hauptgericht dessen gehört, den ein irischer Dichter (!) gerade im New York Book Report einen „orange overlord“ nennt. Das ist bestimmt Fiktion und eine, wie Kipling sagt, andere Geschichte.
Schweden als Leitkultur? Der blonde Hüne aus dem Skandinavischen ist zu seinen Zeiten überall im Transatlantischen rumgekommen, weil er küstennahe Piraterie betrieb. Also das, was die Hanse der Hamburger später kultivierte. Eine urbane Hochform dieser Zivilisation war weit im Osten das Preußische zu Königsberg. Die Stadt der größten Gelehrsamkeit mit dem epochalen Immanuel Kant. Schon zu seinen Zeiten eine blühende Enklave im Russischen, heute Kaliningrad. Meine Kulturgeschichte der Boulette wird den Königsberger Klops zum Edelsten erklären, was die gemeinsame europäische Geschichte hervorgebracht hat. Übrigens gehört an die Mehlschwitze mit Kapern immer auch eine Sardelle.
Heute mal nur kulinarische Notate, man kann nicht immer über Politik reden.