Logbuch

RUFMORD.

Immer wieder staune ich, im mittleren akademischen Betrieb der USA auf Altgriechisches zu treffen. Wie aus dem Nichts lese ich Zitate der hellenistischen Antike. Und verstehe sie erstmal nicht, da es bei mir zwar mit einiger Mühe zu einem großen Latinum gereicht hat, aber eben nicht zu Altgriechisch. Das behindert die Attitüde des Europäers, der gern auf die Amis herabblicken möchte.

So lese ich sogar im profanen politischen Alltag in altgriechischer Schreibung „molon labe“, was bedeutet „komm und nimm“, ein frecher Imperativ. Er geht zurück auf die Mythen um die Tapferkeit der Spartaner. Deren Anführer Leonidas soll ein Angebot der weit überlegenen Perser, die Waffen niederzulegen, mit der Erwiderung zurückgewiesen haben, man könne ja kommen und sie sich holen. Mannhafter Trotz, die Leitkultur Spartas.

Übrigens zog in Sparta die Oberklasse selbst ins Feld und schickte nicht ihre Sklaven; das nur nebenbei. Es gibt dieses Syndrom der historischen ÜBERKOMPENSATION in der neuen Welt, die sich eine Geschichte zusammensucht, die sie nicht hat. Ehrlich gesagt, es waren exilierte Frömmler, Verbrecher und Huren, die damals die Kolonien der englischen Gentlemen zu bevölkern hatten. Ich verstehe schon, dass die Evangelikalen das vergessen machen möchten. Aber das ist, wie der Dichter dieses epochalen Erbes, Rudyard Kipling sagte, eine andere Geschichte.

Molon labe, das lese ich auch auf einem T-Shirt jenes Pöbels, der auf Geheiß der Neuen Rechten das Capitol stürmte, unzweifelhaft Horden eines beschränkten Horizonts. Mein amerikanischer Freund erzählt mir, dass dies das Motto jener Waffenlobby sei, die auf der privaten Bewaffnung auch mit Sturmwaffen bestehe. Joe Six Pack mit dem Maschinengewehr wähnt sich als tapferer Spartaner, dem man die Waffen nehmen will. „Komm und hol sie Dir!“

Das uneingeschränkte Gewaltmonopol gilt in Amerika nicht in jenen Regionen, in denen die Zentralregierung noch immer Feind ist, aus historischen Gründen oder sozialen, zumal rassistischen. Ja, es gibt eine geographische Gliederung und eine soziale. Man höre der Ballade vom „Hurricane“, die Bob Dylan vorgetragen hat.  Die Geschichte des Getto-Boxers Rubin Carter, lange vor „black lives matter“.

Eigentlich kann das Leonidas, dem edlen Spartaner, nicht recht sein, welch rechtes Gesindel sich heute auf ihn beruft. Man sollte auch bei kultureller Aneignung rufen dürfen: „Du willst meinen guten Ruf? Nun, komm und hol ihn Dir!“

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KOPFKINO.

Gestern hier davon berichtet, dass das Kloster Eberbach Drehort für die Verfilmung von Eco's IM NAMEN DER ROSE war; ein Déjà-vu. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus 1979. Ich reiste wahllos durch Wales und stieß in Snowdonia auf ein Örtchen im italienischen Stil. Mitten im tiefsten Wales ein Portofino, wie man es von der Rivera kennt.

Und dann dieser aufsteigende Verdacht: Hier warst Du schon mal. Es lohnt hier nicht die lange Geschichte von "Portmeirion" (so heißt das Kaff) zu wiederholen, meine Erinnerung kam wie im obigen Fall aus seiner Verwendung als Drehort. In den 70er Jahren wurde eine alte Krimiserie wiederholt mit dem Titel "Number Six - The Prisoner", ein skurriles Konzept in der Tradition des "Geheimauftrags für John Drake". Die war dort gedreht. Die Kulisse war noch in meinem Kopf.

Wir werden von Bildern beherrscht. Das Drama unseres Lebens findet vor Kulissen statt, die wir uns fiktional angeeignet haben.
Eine metaphorische Struktur steuert unsere Wahrnehmung der Realität. Das wiederum erinnert mich an ein Erlebnis aus dem Herbst 1988, als ich in der Hodlerstrasse in Bern zufällig in ein Kunstmuseum stolpere und bei einem Vortrag störe. Ein Professor, übrigens, wie ich beim Empfang lerne, in Begleitung seiner Tochter, trägt vor, dass "alles am radikalen Konstruktivismus Unsinn sei, was nicht Kant sei, und das gelte auch für alles, was an ihm fabelhaft sei".

So kriege ich das Berner Kunstmuseum nicht aus meinem Kopf; weiß aber nicht mehr, was dort gedreht worden ist. Morbus Alzheimer.

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ANATHEMA.

Tief aus meinem Unterbewusstsein meldet sich die Gewissheit, dass ich den seltsamen Ort kenne, den ich vermeintlich gerade zum ersten Mal sehe. Die Franzosen nennen es Déjà-vu. Ich bin in den Gemäuern des Kloster Eberbach im Rheingau, einem Zisterzienserkloster aus dem frühen 12. Jahrhundert. Es geht um Wein.

Dann die Aufklärung. Das Gemäuer war Drehort für „Im Namen der Rose“; hier ist der wunderbare Sean Connery als William von Baskerville gewandelt. Das hatte ich im Hinterkopf. Der Sujet-Roman von Umberto Eco ist nicht wegen seiner Handlung von Gewicht, sondern als Stimmungsbild, also wegen der „settings“. Welche Strapazen damals ein Gelehrter auf sich nehmen musste, um in fernen Bibliotheken okkulter Klöster verschollene Bücher zu suchen.

Da geht es heute anders. Auf einem YouTube-Schnipsel mit einem alten WDR-Feature über Oerlinghausen höre ich zufällig eine Professorin sagen, es sei gerade eine „Kursbuch“ zum Thema LÜGE von zwei Luhmann-Schülern erschienen. Der Soziologe Luhmann aus Oerlinghausen war eine wirkliche Größe und das Thema interessiert mich. Was tun? Wie William von Baskerville auf einem Esel über die Alpen reiten? In Bielefeld Zettelkästen filzen?

Ich frage bei Amazon in naiven Worten nach einem Kursbuch zum Thema LÜGEN von Luhmann-Schülern. Das Universum aus Hundefutter, Badesalz und Jogginghosen denkt keine zwei Sekunden nach und zeigt mir das Cover von Kursbuch 189. Unter „jetzt bestellen“ kann ich eines von zwei noch verfügbaren Exemplaren für 6 € geliefert bekommen, frei Haus. Den Zahlungstransfer übernimmt PayPal. Morgen ist das Luder in der Post.

Die halbe Renaissance hat sich mit der Frage rumgeplagt, ob der antike Aristoteles nicht doch noch ein weiteres Mega-Werk verfasst hat, das verloren gegangen sei. Oder gar von der mittelalterlichen Inquisition auf Geheiß der katholischen Kirche aus dem Verkehr gezogen. Das gab es ja, Giftschränke in den Bibliotheken, die verbotenes Wissen verbergen sollten. Generationen von Gelehrten haben sich den Kopf zerbrochen.

Ich werde gleich einfach über Google bei Amazon fragen. Es könnte sein, dass die Philosophiegeschichte eine Wende nähme. Vorher aber lese ich Kursbuch 189, werte das aus und schreibe ein Essay über die „Erkenntnis als Konstruktion“, vielleicht unter Pseudonym. Das muss aber unter uns, sprich geheim bleiben, eh klar.

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DAS FIKTIONALE.

Was nicht faktisch ist, den Tatsachen entsprechend, das muss man fiktiv nennen, erdichtet also, bloße Spinnerei. Vielleicht sogar in böser Absicht und übler Art Gefälschtes, im Amerikanischen „fake“ genannt. Zwischen diesen beiden Inseln unseres Urteilsvermögens liegt aber der Ozean des Fiktionalen, ein Weltmeer des Erdichteten. Kleine Märchen und große Mythen. Da mischt sich das Faktische mit dem Fiktiven zum Fiktionalen. Wesen aller Religionen. Davon will ich berichten und Königsberger Klopsen.

Zunächst zu einem gerade wiederentdeckten Stück Trivialliteratur, einem 1965 in den USA erschienen üblen Roman über einen fiktiven US-Präsidenten, der sie nicht mehr alle hatte. Das Ding führt eine „Nacht in Camp David“ im Titel. Ich lese im Netz: „Der darin erfundene (!) Präsident Mark Hollenbach bestellt den jungen Senator Jim McVeagh nachts zu sich nach Camp David in Maryland. Er eröffnet ihm, dass er der nächste Vizepräsident sein soll, weil er dem amtierenden nicht mehr traue. Zwei Treffen in Maryland finden im Dunkeln statt, weil sich Hollenbach stets beobachtet fühlt. Er möchte, dass das FBI fortan jedes Telefongespräch überwacht und will, notfalls mit militärischer Gewalt, eine Union mit Kanada und den skandinavischen Staaten errichten. Die Bevölkerung Skandinaviens sei diszipliniert und charaktervoll, er selbst stammt von nach Deutschland ausgewanderten schwedischen Vorfahren ab und McVeaghs Gattin sei ja Schwedin. Auch mittels Wirtschaftsmacht und Zöllen will Hollenbach fortan Druck ausüben.“ Und so weiter. Und so fort.

Erste Frage: Kanada? Na gut, aber Schweden? Wie kommen die Wikinger zu diesem guten Image? Was formte diese blonden Piraten zu so edlen Menschen? Es könnte am Verzehr von „Köttbullar“ liegen. Wenn ich eines Tages mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette schreibe, wird sich ein ganzes Kapitel nur den schwedischen Hackfleischbällchen widmen. Und natürlich dem flachen Bratbruder der Frikadellen, dem sprichwörtlichen Hamburger, der mit einem Analogkäse-Überzug als „Cheeseburger“ zum Hauptgericht dessen gehört, den ein irischer Dichter (!) gerade im New York Book Report einen „orange overlord“ nennt. Das ist bestimmt Fiktion und eine, wie Kipling sagt, andere Geschichte.

Schweden als Leitkultur? Der blonde Hüne aus dem Skandinavischen ist zu seinen Zeiten überall im Transatlantischen rumgekommen, weil er küstennahe Piraterie betrieb. Also das, was die Hanse der Hamburger später kultivierte. Eine urbane Hochform dieser Zivilisation war weit im Osten das Preußische zu Königsberg. Die Stadt der größten Gelehrsamkeit mit dem epochalen Immanuel Kant. Schon zu seinen Zeiten eine blühende Enklave im Russischen, heute Kaliningrad. Meine Kulturgeschichte der Boulette wird den Königsberger Klops zum Edelsten erklären, was die gemeinsame europäische Geschichte hervorgebracht hat. Übrigens gehört an die Mehlschwitze mit Kapern immer auch eine Sardelle.

Heute mal nur kulinarische Notate, man kann nicht immer über Politik reden.