Logbuch
AMBIVALENTE DYSPHORIE.
Dass gestern, am 1. April, der Eintrag ins Logbuch ausfiel, versteht sich von selbst; da dichten ja auch die Laien. Heute zur inneren Agenda meiner Generation und ihrer Lehrer. Gerade gestorben sind Jürgen Habermas und Alexander Kluge, es legt der große Hans-Ulrich „Sepp“ Gumbrecht seine Autobiografie vor und die Journaille feiert ihre Greise zwischen Stefan Aust und Giovanni di Lorenzo.
Allen gemein ist die Attitüde der schlechten Laune. Dysphorie. Keiner davon tritt euphorisch, sprich gutgelaunt ab. Man könnte ja „Ich bereue nichts!“ singen und der Menschheit die endlosen Belanglosigkeiten der eigenen Vita ersparen. Oder „ecce homo!“ Wir alle sind nicht von dieser Welt, wäre eine der Karwoche angemessene Aussage. Nein, man hält die Uhren an und intoniert den völlig belanglosen Schlager „Was ich noch zu sagen hätte…“. Dabei gibt es ein Wechselbad von vorgetäuschter Demut und berstender Eitelkeit, beides im Modus einer professionellen Übellaunigkeit. Ambivalente Dysphorie, so heißt das bei dem großen Gumbrecht.
Aber ich will gar nicht meine Bochumer Professoren kleinsetzen; sehr viel haben auch die eher flüchtigen Studenten von ihnen gelernt. Bis heute halte ich die intellektuelle Zuwendung, die wir als Studenten an der Ruhr Universität von den damals jungen Intellektuellen französischer Prägung erfahren haben, für ein großes und unverdientes Geschenk. Seitdem summen wir alle, wenn sentimental: „Es ist fünf Uhr. Paris erwacht.“
Ich sehe mir den verfilmten Podcast mit Giovanni di Lorenzo an; der Mann ist ganz Pose, was er für Haltung hält. Kein Idiot, nein, ganz und gar nicht, aber diese sich als nachdenklich gerierende Quälerei im Ausdruck, die Wechselstimmungen und dann doch das Beseelte. Er sagt, er misstraue seiner Routine. Das Oxymoron als rhetorische Grundfigur. Zum großen Gumbrecht weiß ich noch nichts an eigenem Eindruck zu sagen, weil ich das Buch bisher nur aus den Schilderungen eines Freundes kenne.
Ich muss nicht alles tatsächlich gelesen haben, von dessen Lektüre ich berichte und zu dem ich eine Meinung bereithalte. Ich will mich ohnehin der Euphorie verpflichten, der vorsätzlich guten Stimmung wider besseres Wissen. So, jetzt Jacques Dutronc:
„Je suis le dauphin de la place Dauphine
Et la place Blanche a mauvaise mine
Les camions sont pleins de lait
Les balayeurs sont pleins de balais
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille
Les travestis vont se raser
Les strip-teaseuses sont rhabillées
Les traversins sont écrasés
Les amoureux sont fatigués
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille.“
Logbuch
WEHE DEN BESIEGTEN.
Es gibt Sätze, die so bitterböse sind, dass sie sich einbrennen in unser Denken, und zwar weil wahr. Dazu gehört: „Die Starken machen, was sie wollen; die Schwachen dulden, was sie müssen.“ Wem das gesagt, der ist nicht mehr zu jedwedem Frohsinn frei.
Es geht um Politik, um das, was man heute Realpolitik nennt, das Wesen der Macht. Politik ist nicht nur das neueste Geschäft mit dem Schicksal der Menschen, oft ein schmutziges genannt, sondern auch ein Fach, eine Wissenschaft, die man studieren kann. Dann liest man irgendwann in jungen Jahren einen alten Schinken, den ein gewisser Thucydides vor gut sieben Jahrhunderten geschrieben hat. Die griechische Antike beschäftigte der Peloponnesische Krieg; dabei besonders das Schicksal der kleinen, aber feinen Insel Milos.
Die Athener gingen ruppig mit den freien Geistern auf Milos um. Als diese ihre Neutralität zu wahren gedachten, so etwas wie eine Eidgenossenschaft, ließ die Großmacht die Männer hinrichten und nahmen Frauen wie Kinder in die Sklaverei. Darauf angesprochen, wussten sie zu ihrer Rechtfertigung vorzutragen: „Die Starken machen, was sie wollen; die Schwachen dulden, was sie müssen.“
Das Recht des Stärkeren. Übrigens gehörte zum Peloponnes auch das rabiate Sparta, dessen Bellizismus uns bis heute beschäftigt, da die Straßen Berlins für einen Marathon gesperrt. Aber das ist nun wirklich, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wir sind in der Karwoche und mit dem klaren Hinweis ECCE HOMO eigentlich zu einer Nachdenklichkeit angehalten, die über das Marathonlaufen hinausgeht.
Der Satz von dem Duldsamen der Schwachen ist nicht normativer Natur. Nur empirischer. Der Geschichtsschreiber formuliert ansonsten sein Entsetzen. Das sollte uns ergreifen, wenn wir ihn die Starken unserer Tage sagen hören. Sie schreiben ihn in die Sozialen. Vae victis, wehe den Verlierern! Sie tun es, weil sie es können. Aber das ist nicht das letzte Wort, wenn ich Karfreitag richtig verstanden habe.
Logbuch
KASSE MACHEN.
Die gesetzliche Krankenversicherung hat ein Einnahmenproblem, weil sie ein Ausgabenproblem hat. Sie ist inzwischen schweineteuer, aber eben nicht mehr supergut. Es müssen die institutionellen Kostenfresser auf Diät gesetzt werden und die Heilung Sichernden in modernen Stand. Das wird nicht gehen, wenn jeder Nutznießer des alten Systems seine Erbhöfe von der Reform ausgenommen wissen will.
Das Kasse machen mit dem Kasse machen, das muss aufhören. Hört Ihr das bei BIG PHARMA? Ich weiß, dass Ihr auf dem Ohr taub seid. Nützt nicht. Ich weiß, wo Ihr wohnt, respektive Euer Finanzamt. Soweit Ihr Steuern zahlt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Man wird Lobbyismus von Medizin trennen müssen; deren Ethik sagt: „Zumindest nicht schaden!“ Deshalb ist eine hohe Besteuerung von Tabak und Alkohol angezeigt und eine Zuckersteuer schlicht populistischer Grün-Schnack. Ja, man darf die vorsätzliche Gesundheitsschädigung mit Drogen und anderen Giften erschweren. Aber ansonsten entscheide ich selbst, was ich esse. Auch eine Gesundheitsdiktatur ist eine Diktatur.
Logbuch
DAS NARRA TIEF.
Es feiern die Frohnaturen. Heute ist Schwerdonnerstag, auch Weiberfastnacht genannt. Im Rheinland schneiden jecke Frauen mit Scheren den Männern die Schlipse ab, was als Akt der Emanzipation gilt; das ist Latein und heißt „Aus der Hand nehmen“, gemeint ist die Macht. Für einen Tag stürmen kostümierte Damen am Schmotzigen Donnerstag symbolisch die Rathäuser in Städten des Karnevals. Die sinnbildlich kastrierten und damit abgesetzten Herren erhalten als Belohnung keusche Küsse, Bützchen genannt. Man trinkt Killepitsch und Kleiner Feigling.
Die im Brauchtum ausgesetzte Moral der Möhnen hat Ausdruck im Liedgut gefunden: „...du darfst mich lieben für drei tolle Tage, du musst mich küssen, das ist deine Pflicht, du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Ich bin kein Karnevalist, aber ich verstehe, was Karneval ist. Der regelmäßige Anstieg der Geburtenrate spricht ja auch eine klare Sprache. Die Story ist klar. Und wie jede gute Geschichte hat sie eine lange Tradition, tiefe Sehnsüchte und einen ganz pragmatischen Charme. Der Karneval hat keine Probleme mit seinem Narrativ.
Wer Geschichten erzählen kann, dem wird gedankt, dass die Sache einen Anfang und ein Ende hat, einen Spannungsbogen und mindestens eine großartige Pointe. Man kommt zum Höhepunkt. Auch die Schwätzer nennen das heutzutage ein Narrativ; vom Lateinischen „narrare“, was erzählen können meint. Obacht! Man kennt es von dem elenden Witzeerzähler im Bekanntenkreis: Nicht jeder, der etwas sabbelt, ist deshalb ein guter Erzähler. Ganz im Gegenteil, vieles bleibt banal.
Ich erlebe gestern, wie ein Regionalpolitiker versucht die Identität seiner Region zu beschreiben und dabei mit einem Katalog von Attributen agiert, die abgeschmackte Hochwertvokabeln aus aller Welt paraphrasieren und nichts, aber auch gar nichts von einer tollen Geschichte haben. Gleichwohl nennt er den schalen Nachgeschmack hübscher Worthülsen ein neues Narrativ. Das ist bitter. Es soll zugleich ein altes Narrativ entkräftet werden, das aber, obwohl schon in den Jahren, eine Geschichte erzählt. Dagegen ist die neue Narration leider nicht tief. Kein Narrativ.
Lassen Sie mich die gute Geschichte mit einem tollen Kostüm vergleichen; es gibt sie, wenn auch selten, die tolle Verkleidung. Vieles aber, was die Weiber heute tragen, ist halt nur alberner Driss. Das gleiche gilt für die Büttenredner. Große Erzähler sehr selten. Es ist eine Göttergabe. Wenige haben sie und viele eben nicht. Wo wir gerade über „aus der Hand nehmen“ reden, ich sammle heute Scheren ein; mit mir nicht. Hier wird nicht gebützt. Ich bin keine rheinische Frohnatur.