Logbuch

Ist das FOTO GESTELLT?

Mit unverkennbarer Ironie erreicht mich diese Frage als Spott zu einem der notorischen Porträtfotos, die sich auf Facebook finden. Es zeigt den Mann in einer Pose. Dazu wird gespöttelt: „Wie gestellt...“
Das ist wirklich interessant. Die spitze Bemerkung unterstellt ja, dass hier gar nichts AUTHENTISCH ist, sondern INSZENIERT. Und zwar mit der eindeutigen Wertung, das das Inszenierte bloß etwas Künstliches ist, das das Echte nur nachäfft. Ein Täuschungsversuch also. Nichts natürliches. Kitsch statt Kunst. Kein Fenster in die Welt, nur ein Schaufenster, schlecht dekoriert. Ich glaube, man nannte bei Fotos das authentisch Authentische früher „Schnappschuss“, also ein Dokument spontanen Ursprungs, aber mit einer gewissen Aussagekraft. Etwa sollte es bei einem Porträt den wirklichen Charakter der Person offenbaren. Toller Schnappschuss... Pressefotos sind die Königsdisziplin dieser Dokumentation des situativ gewonnenen Authentischen. Wenn sie gestellt sind, gelten sie als Fälschung. Es gibt leichte (Nachbearbeitung) und schwere (fake) Fälschungen. Was für eine Debatte! Darüber kann sich die PR zu Tode amüsieren. Das Authentische ist immer nur eine vorurteilsgerechte Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Was Brecht Verfremdungseffekt nannte, ist das Gegenteil, eine Inszenierung, die sich als solche zu erkennen gibt. Bis zur Kenntlichkeit entstellt, heißt es dazu bei Brecht. Der Reihe nach. Just for the record. Natürlich sind die Facebook-Porträts von professionellen Fotografen und selbstverständlich sind sie gestellt. Es sind immer Zitate von gängigen Gesten, meist solche der Eitelkeit. Das sollte eigentlich so krachend offensichtlich sein, dass es ironisch wirkt, sprich distanzierend. Vanity fair. Wie aber, das ist die wirklich spannende Frage, kann man im Zeitalter der Selfies so etwas fragen, ob das gestellt ist? Man kann. Es gibt also nicht-gestellte Selfies? Ja klar, sagt der Zeitgeist, womit er beweist, dass er ein Depp ist, der Zeitgeist.

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SCHNAPS AUS DER KELLE.

Woher kam der Montanbrauch, nach der Schicht einen halben Liter Korn aus dem Fass per Kelle je Mann auszuschenken? Die englische Marine gab traditionell ein Rumdeputat aus. Das Matrosenrecht auf 8 Pint Bier täglich wurde gewandelt in 1 Halfpint Rum; die Rumration hörte auf den Spitznamen „tot“. Under Ages kriegten Grog. Unter den Augen eines strengen Offiziers standen die Matrosen mit ihrem Becher zur Ausgabe an, immer mittags. Die Becher wurden niemals gespült, weil man da abergläubig war. Die Fassstärke soll da gelegen haben, wo heute noch der österreichische Stroh-Rum liegt; kaum vorstellbar.

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Das Virus erreicht die Throne. Da hilft keine Propaganda. By the way: Ganze 54 Kommilitoninnen und Kommilitonen haben sich für mein Seminar im Wintersemester angemeldet; eigentlich eine gute Nachricht. Aber wir werden uns nur über Zoom virtuell sehen und hören können. Thema: PR gegen die Pandemie? Mit Fragezeichen. Ach so, ja, ich rede nicht von STUDIERENDEN (w/m/d), weil es, gerade in diesen Zeiten, ernsthaft Mitkämpfer sind, das meint nämlich das Kom (zusammen) militare (kämpfen). No gender gaga.

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KASSE MACHEN.

Der Lebensmittelmogul ALDI macht keine Fehler. Das mal als Lehrsatz vorweg. Neuerdings kassiert die freundliche junge Dame in der blauen Kittelschürze zwei Kunden gleichzeitig ab; die Kasse schert sich auf, direkt hinter der flotten Kassiererin teilt sich der Tresen, um stets zwei langweilige Kunden gleichzeitig einpacken und zahlen zu lassen. Genial, die Arbeitskosten sind halbiert. Und die Arbeitsdichte verdoppelt. So geht Rationalisierung. Mit dem Pfennig fuchsen.

Der Schrauberladen OBI hat inzwischen auch automatische Kassen, wo der Kunde sich selbst abkassiert; bei IKEA geht es nur noch so. Man macht es sich auf der App selbst. Der einzige Mensch, der sich dann noch telefonisch krankschreiben lassen könnte oder einen Anspruch auf Teilzeit durchsetzen, ist der Kunde selbst. Das müsste den „Wirtschaftsrat der CDU“ doch begeistern. Man kämpft dort gegen die Pervertierung des Sozialen Netzes in eine Hängematte für die Faulen. Alte Nummer. Klassenkampf von oben.

Aber gemach. Ich bin da gegen billige Polemik. Der Kunde ist nämlich wirklich ein Problem beim Abkassieren. Die unglaublichsten Umstandskrämer lungern an der Kasse herum und kramen Hartgeld aus kleinen Portemonnaies. Der Kupfergeld-Plebs! Pfennigfuchser. Als wäre man auf dem Wochenmarkt bei Bauer Paul. Das Bezahlen mit Apple Pay würde hier nicht wesentlich helfen, da man dann Omas in ihren Handtaschen nach ihren Handys kramen sähe. Das gleiche Elend. Die kalifornischen Oligarchen haben schon recht: Chip hinter‘s Ohr und ab dafür!

Mir als Kunden behagt die zunehmende Sklavenhaltung bei ALDI nicht. Gestern erzählt die Nachbarin, dass der REWE jetzt termingenau nach Hause liefere; so greift die AMAZON-Logik langsam um sich. Auch die schweren Wasserkästen bringt er. Der Chef eines großen Versicherers in Hannover berichtete neulich, dass er seine gesamte Rechenkapazität jetzt bei AMAZON in der Cloud habe; kühnes Votum in diesen Zeiten, sich künftig in den USA zu wissen, auch wenn man deutsche Anleger legt. Das kann KI noch nicht so gut wie der Fuß in der Tür.

Wo enden wir mit unserem Lamento? Bei Tante Emma als Jeff Bezos. Das wundert mich nicht. Retail is detail. Wer den Pfennig nicht ehrt. Bezos hat einen Stundenlohn von 12 Millionen Dollar; im Monat sind es knapp 10 Milliarden Dollar. Vor Steuer, falls er welche zahlt. Ob er sich telefonisch krankschreiben lässt oder wg. Work-Life-Balance auf Teilzeit besteht, ist allerdings nicht bekannt. Es könnte sein, dass er da denkt wie der Wirtschaftsrat.