Logbuch
EINFACH GUT.
Man fragt nach dem Besten oder nach dem Anständigsten. Nehmen wir das Elsass. Schon immer wurden die restlichen Weine kleiner Lagen verschnitten, assembliert, wie der Eingeborene sagt. Wenn das die besseren Reste waren, dann hieß der Zwicker (die Cuvée) halt EDELZWICKER. Danach fragt man, wenn im Elsass, wo denn zur Zeit der EDELZWICKER gerade gut ist. „When in Rome, do as the Romans do!“ Dann nimmt man 12 Flaschen in den Kofferraum. Das ist die anständige Lösung. Na, gut, drei Kisten, 18. Oder man weiß vom Besten. Das ist der Riesling Clos Ste. Hune von Trimbach aus Hunawihr. Es gibt keinen besseren Wein. Punkt. Da nimmt man zum Abendessen ein Fläschchen; kostet so viel wie die 18 zusammen. Oder mehr. Aber der Clos Ste. Hune ist der beste, in allen Jahrgängen. Ich habe das schon erprobt, als ich es mir eindeutig noch nicht leisten konnte. Eine Charakterfrage: einmal im Jahr, zu Kaisers Geburtstag. Ansonsten tut es auch der Edelzwicker. In den Supermarktregalen bei uns ist er selten geworden. Da tummeln sich heute preiswerte Tropfen aus Australien oder Neuseeland, die in den sauschweren Glasflaschen um die Welt geflogen sind. Welch ein Irrsinn.
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NARRATIVE.
Karfreitag ist, so höre ich, gestrichen, Ostern untersagt. Corona und Christus, das geht halt nicht. Anlass genug von Weihnachten zu reden. Dass das neugeborene Jesuskind der verheißene Messias sei, will das Neue Testament auch durch drei Heiden belegen, die einem Stern gefolgt seien, der die Ankunft des Königs der Juden bezeuge. So übersetzt Luther. Mit der Legendenbildung geht es noch nicht im Matthäus-Evangelium, sondern erst im 6. und dann im 12. Jahrhundert nach Christi Geburt so richtig los. Die HEILIGEN DREI KÖNIGE waren dann nämlich angeblich der Grund, den Kölner Dom zu bauen, genauer gesagt, ihre Reliquien. Die hatte der kriegswütige Friedrich Barbarossa zuvor bei der Zerstörung Mailands entwendet, zu seiner Kriegsbeute gemacht und dem neuen Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, zum Geschenk. BAUDOLINO erzählt, dass er die gut erhaltenen Leichname der Sternendeuter aus dem Morgenland aus der Mailänder Krypta klaubte, wie frisch verstorben seien ihre Antlitze gewesen, zwei von weißer Haut und einer ebenholzfarben. Da im Neuen Testament nur Matthäus die Magiere überhaupt erwähnt habe und dann noch Anzahl (drei oder zwölf ?) wie die Namen vergessen, habe er sie kurzerhand Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Damit nicht genug: Er habe die Leichen zudem umziehen müssen, weil ihre Kleidung nicht authentisch gewesen sei; er beschwert sich über orientalisch anmutende Pumphosen der Herren und alberne Kopfbedeckungen. Man habe mit viel Mühe im brennenden Mailand bischöfliche Kleidung für die drei zusammensuchen müssen. Wenn der neue Erzbischof von Köln sie zu seiner Weihe mit in die Stadt am Rhein nähme, dürften sie nicht aussehen wie irgendwelche dahergelaufenen Magiere, selbst wenn der Schrein ja nicht offen stünde. Die Debatte um das AUTHENTISCHE ist bis heute nicht abgerissen. Man stößt sich nun an Balthasar; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wesentlich erscheint mir, dass das AUTHENTISCHE eine Frage der Erwartungshaltung ist. Als authentisch gilt, was die Erwartung von dem Wesen einer Sache besonders gut erfüllt. Diese Vorurteile, Ressentiments, legen fest, was als echt gilt und was als gefälscht. Das Authentische ist eine Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Ohne geeignete Inszenierung ist das Authentische halt weniger authentisch. Oder, wie BAUDOLINO sagt: „Nicht die Reliquie macht den Glauben, sondern der Glauben die Reliquie.“
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DAS RAD DER GESCHICHTE zurückdrehen. Geht? Mit der Wiedereinführung der Heimarbeit, in unsäglichem Jargon Home Office (engl.: Innenministerium) genannt, ist es wie mit der mediterranen Abschaffung des Acht-Stunden-Tages; das wird auf ewig bleiben. Bei den Mediterranen gibt es wegen der Hitze am Mittag eine kleine Pause. Ein Päuschen, so von 11.30 bis 16.30 h. Morgens zwei Stunden Arbeit, abends drei, dazwischen eben die Siesta. So lässt sich leben. Das schafft niemand mehr ab. So wird es mit den neun oder zehn Stunden der Heimarbeit auch gehen; die schafft auch niemand mehr ab. Warum sollte ein Arbeitgeber zum Vierfachen des Gehalts einer Sekretärin, sagen wir für 200.000€ im Jahr, einen Büroarbeitsplatz in der City unterhalten, wenn er die Mitarbeiterin für 40.000€ Jahresgehalt zuhause in der Vorstadt arbeiten lassen kann? Und die Heimarbeiterin noch happy ist, dass sie gleichzeitig Kinderhüten, Einkaufen und Putzen kann? Das wird bleiben. Ich höre gerade, dass die Britische Fluggesellschaft BA nicht mehr in die vorübergehend geleerten Büros in Heathrow (sündhaft teuer, weil so zentral) zurück will, mit der Verwaltung. Und Banken nicht an die Themse. Bürotürme werden verwaisen. Marmorpaläste leer stehen. Mutti tippt am Couchtisch, Vati hat Telco im Keller, die Kids Video-Games im Schlafzimmer. Hmmm. Hier stimmt doch was nicht. Ganz im Grundsätzlichen.
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KASSE MACHEN.
Der Lebensmittelmogul ALDI macht keine Fehler. Das mal als Lehrsatz vorweg. Neuerdings kassiert die freundliche junge Dame in der blauen Kittelschürze zwei Kunden gleichzeitig ab; die Kasse schert sich auf, direkt hinter der flotten Kassiererin teilt sich der Tresen, um stets zwei langweilige Kunden gleichzeitig einpacken und zahlen zu lassen. Genial, die Arbeitskosten sind halbiert. Und die Arbeitsdichte verdoppelt. So geht Rationalisierung. Mit dem Pfennig fuchsen.
Der Schrauberladen OBI hat inzwischen auch automatische Kassen, wo der Kunde sich selbst abkassiert; bei IKEA geht es nur noch so. Man macht es sich auf der App selbst. Der einzige Mensch, der sich dann noch telefonisch krankschreiben lassen könnte oder einen Anspruch auf Teilzeit durchsetzen, ist der Kunde selbst. Das müsste den „Wirtschaftsrat der CDU“ doch begeistern. Man kämpft dort gegen die Pervertierung des Sozialen Netzes in eine Hängematte für die Faulen. Alte Nummer. Klassenkampf von oben.
Aber gemach. Ich bin da gegen billige Polemik. Der Kunde ist nämlich wirklich ein Problem beim Abkassieren. Die unglaublichsten Umstandskrämer lungern an der Kasse herum und kramen Hartgeld aus kleinen Portemonnaies. Der Kupfergeld-Plebs! Pfennigfuchser. Als wäre man auf dem Wochenmarkt bei Bauer Paul. Das Bezahlen mit Apple Pay würde hier nicht wesentlich helfen, da man dann Omas in ihren Handtaschen nach ihren Handys kramen sähe. Das gleiche Elend. Die kalifornischen Oligarchen haben schon recht: Chip hinter‘s Ohr und ab dafür!
Mir als Kunden behagt die zunehmende Sklavenhaltung bei ALDI nicht. Gestern erzählt die Nachbarin, dass der REWE jetzt termingenau nach Hause liefere; so greift die AMAZON-Logik langsam um sich. Auch die schweren Wasserkästen bringt er. Der Chef eines großen Versicherers in Hannover berichtete neulich, dass er seine gesamte Rechenkapazität jetzt bei AMAZON in der Cloud habe; kühnes Votum in diesen Zeiten, sich künftig in den USA zu wissen, auch wenn man deutsche Anleger legt. Das kann KI noch nicht so gut wie der Fuß in der Tür.
Wo enden wir mit unserem Lamento? Bei Tante Emma als Jeff Bezos. Das wundert mich nicht. Retail is detail. Wer den Pfennig nicht ehrt. Bezos hat einen Stundenlohn von 12 Millionen Dollar; im Monat sind es knapp 10 Milliarden Dollar. Vor Steuer, falls er welche zahlt. Ob er sich telefonisch krankschreiben lässt oder wg. Work-Life-Balance auf Teilzeit besteht, ist allerdings nicht bekannt. Es könnte sein, dass er da denkt wie der Wirtschaftsrat.