Logbuch

ZERRÜTTET.

Die Ampel hätte alles gehabt, um zu einem Erfolg zu werden; sie hat es kontinuierlich zu einer Zerrüttung genutzt, die ihresgleichen sucht. Es ist wie bei schmutzigen Scheidungen im Privaten: Man will als Außenstehender irgendwann mit den Zerstrittenen insgesamt nichts mehr zu tun haben. Fassungslos stehe ich vor dem Bedeutungsverlust von SPD und FDP. Grüne Freunde reagieren wie eine vom Leben beleidigte Sekte. Und die originäre Kraft der Union gegen die Neue Rechte sehe ich nicht so recht.

Die SPD ist, da ich auf die Welt kam, mit einem Drittel der Wählerstimmen angetreten; sie hat das nie allein auf die Hälfte ausbauen könne, aber stolze 40 % waren es doch. Keine absolute Mehrheit, aber doch attraktiv für Gelbe und dann Grüne. Sie war eine veritable Volkspartei links der Mitte und in der Mitte; sie verstand sich so. Jetzt hinterlassen diese Figuren im Willy-Brandt-Haus ein Trümmerfeld von einem Sechstel, bittere 16 %. Restsozen, zu allen bereit, wenn es noch ein paar Posten bringt. Projekt Abendsonne im Altersheim.

Denn der magere Hund Merz braucht sie als Schwanz, mit dem er wackeln kann, die elenden Mehrheitsbeschaffer. Liebe Freunde, Frühlingserwachen sieht anders aus. Im Tauwetter sehe ich an den Bäumen in meinem Garten die ersten Knospen, aber Osterstimmung scheint mir in der Politik sehr fern. Abgeschmackte Figuren des zerrütteten Systems stehen auf der Bühne rum, aber es wird kein neues Stück gegeben. Sicher ist nur, dass es im Parlament drei starke Oppositionsgruppen geben wird, die Grünen, die Roten und die Blauen; untereinander nur in Missgunst verbunden, also gar nicht. Sprechen wir es aus: Der wirkliche Gewinner des inszenierten Kampfes gegen Rechts ist die AfD.

Die Regierungsbildung geschieht nun während des Karnevals, sagt der designierte Kanzler; das glaube ich auf‘s Wort. Sauerländische Fassenacht. Genauso sieht das auch aus. Abgeschmackter denn die Vorjahreskostüme Klingenbeil und Esken kann man nicht sein. Karikaturen ihrer selbst. Und natürlich ist die Union in der Merz-Falle: ein dürrer Verwaltungsjurist bastelt uninspiriert rum. Politik als Heimwerkerkunst.

Die eigentliche Aporie ist nicht gelöst. Wie umgehen mit der Neuen Rechten? Hier sind 20%, die 25 werden, wenn nicht 30. Bisher haben wir hier als Strategie der Union das Genie des kleinen Kindes bei Gewitter: die Augen zuhalten beim Blitz, die Ohren verschließen bei Donner. Es gibt geographisch wie sozial wie altersmäßig ganze Kontingente, die an die AfD strukturell verloren sind. Die Ossis, die armen Alten und die metropolen Jungen. Wer darüber nicht den Verstand verliert, hat keinen zu verlieren.

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FINGERFOOD.

Wie kann es Unklarheit darüber geben, wieviel Hände der Mensch so gemeinhin hat? Nicht auf sich, sondern an sich. Bei den Veranstaltern von Stehempfängen scheint es da aber kühne Erwartungen zu geben, jedenfalls wenn es an die Verköstigung geht. Man baut auf eine eigene Artistik der zu Fütternden. Die rechte Hand ist durch eine Sektflöte belegt oder das gemeine Weinglas. Bleibt die Linke für‘s Linkische.

Ein kleines Schüsselchen mit Kartoffelpü und einem Lauch, bedeckt von einem Bratenstück, dazu eine Kuchengabel. Das Fleisch nicht zu zerteilen, der Lauch zäh wie Galanterieware, während das zu weiche Pü über den Rand geht und die Krawatte ziert. Das Kunststück war nur möglich, weil die Nachbarin solange das Glas hielt. Dann halte ich ihres, während sie sich einsaut.

Einfacher die Languste im Bierteig an einem Bambusstab, in Honigsauce süßsauer. Während das Böff aus der ersten Übung ausgekühlt war, hatte der Tempuramantel die Fritösentemperatur wunderbar gehalten. Schweineheiss, Blase am Gaumen, Zunge verbrannt. Zum Pü auf dem Binder jetzt auch noch ein Tropfen Honig. Der Gast süßsauer.

Ich will Sandwiches, Stullen kleinerer Art, zu deutsch Schnittchen. Vielleicht noch Buletten. Vor mir aus nennt es Canapés, solange es Schnittchen sind. Kleine Butterbrote. Was zum Teufel ist daran schwer?

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KATERSTIMMUNG.

Einen Kater haben, ohne dass Party war: welch eine banale Frustration. Ich bin zum Gähnen zu müde. Das politische Personal der Mitte steht rum, gleich einer Versammlung von Trotteln, notorisch ohne Fortune. Ich mag diese abgeschmackte Mittelmäßigkeit nicht mehr sehen. Schaltet ihn ab, den Scholzomaten, bitte Stecker raus.

Die politische Landschaft gleicht einem erloschenen Vulkan: Die Ränder sind gestärkt, in der Mitte klafft ein Loch. Die Rechtsradikalen verdoppeln sich; auch die Linksradikalen überraschend stark (das Lafontainsche Abenteuer mit seiner privaten Kommunistin erstaunlich gut überlebt). Aber aus der Mitte des Vulkans keine Lava, nur der schlechte Atem einer schlappen Union, die sich von den Restsozen stützen lassen muss. Kein Feuer im Vulkan; es riecht aus dem Schlund eher nach Sickergrube.

Man könnte frohlocken, dass der grüngraiche Alptraum beendet und die Trauzeugen bald wieder Hartz-Vier-Aufstocker sind, aber so einfach ist das nicht. Erstens haben die Grünen, wenn man sie am Staatsterror hindert, einen programmatischen Punkt; zweitens sehe ich hinter Fritze Merz die Idealen Schwiegersöhne der Union noch immer hoffnungsfroh auf ihre grünen Bräute schauen. Noch hat es sich nicht ausgebärbockt.

Zwei Details, die mir persönlich beachtlich scheinen. Im Westerwald, meiner ländlichen Heimat, ist eine fleißige und sympathische Direktkandidatin der SPD dem Trend zum Opfer gefallen; schade. In meiner Metropole Berlin hat die AfD es in einem Wahlkreis zur stärksten Kraft geschafft; böse. Und ein Drittes: Dass das Ergebnis der FDP von mickrigen 5% (plus x) im amtlichen Endergebnis auf 4,3% runterkorrigiert werden musste, blamiert mich als Demoskopen. Kater ohne Party. Auf Entzug.

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KASSE MACHEN.

Der Lebensmittelmogul ALDI macht keine Fehler. Das mal als Lehrsatz vorweg. Neuerdings kassiert die freundliche junge Dame in der blauen Kittelschürze zwei Kunden gleichzeitig ab; die Kasse schert sich auf, direkt hinter der flotten Kassiererin teilt sich der Tresen, um stets zwei langweilige Kunden gleichzeitig einpacken und zahlen zu lassen. Genial, die Arbeitskosten sind halbiert. Und die Arbeitsdichte verdoppelt. So geht Rationalisierung. Mit dem Pfennig fuchsen.

Der Schrauberladen OBI hat inzwischen auch automatische Kassen, wo der Kunde sich selbst abkassiert; bei IKEA geht es nur noch so. Man macht es sich auf der App selbst. Der einzige Mensch, der sich dann noch telefonisch krankschreiben lassen könnte oder einen Anspruch auf Teilzeit durchsetzen, ist der Kunde selbst. Das müsste den „Wirtschaftsrat der CDU“ doch begeistern. Man kämpft dort gegen die Pervertierung des Sozialen Netzes in eine Hängematte für die Faulen. Alte Nummer. Klassenkampf von oben.

Aber gemach. Ich bin da gegen billige Polemik. Der Kunde ist nämlich wirklich ein Problem beim Abkassieren. Die unglaublichsten Umstandskrämer lungern an der Kasse herum und kramen Hartgeld aus kleinen Portemonnaies. Der Kupfergeld-Plebs! Pfennigfuchser. Als wäre man auf dem Wochenmarkt bei Bauer Paul. Das Bezahlen mit Apple Pay würde hier nicht wesentlich helfen, da man dann Omas in ihren Handtaschen nach ihren Handys kramen sähe. Das gleiche Elend. Die kalifornischen Oligarchen haben schon recht: Chip hinter‘s Ohr und ab dafür!

Mir als Kunden behagt die zunehmende Sklavenhaltung bei ALDI nicht. Gestern erzählt die Nachbarin, dass der REWE jetzt termingenau nach Hause liefere; so greift die AMAZON-Logik langsam um sich. Auch die schweren Wasserkästen bringt er. Der Chef eines großen Versicherers in Hannover berichtete neulich, dass er seine gesamte Rechenkapazität jetzt bei AMAZON in der Cloud habe; kühnes Votum in diesen Zeiten, sich künftig in den USA zu wissen, auch wenn man deutsche Anleger legt. Das kann KI noch nicht so gut wie der Fuß in der Tür.

Wo enden wir mit unserem Lamento? Bei Tante Emma als Jeff Bezos. Das wundert mich nicht. Retail is detail. Wer den Pfennig nicht ehrt. Bezos hat einen Stundenlohn von 12 Millionen Dollar; im Monat sind es knapp 10 Milliarden Dollar. Vor Steuer, falls er welche zahlt. Ob er sich telefonisch krankschreiben lässt oder wg. Work-Life-Balance auf Teilzeit besteht, ist allerdings nicht bekannt. Es könnte sein, dass er da denkt wie der Wirtschaftsrat.