Logbuch

DAS MENU.

Es geht das Wissen verloren, wie man ein perfektes Menu kocht. Es nimmt die Fast-Food-Idiotie zu. Speisenfolge ist eine KOMPOSITION. Das Menu ist eine künstlerische Anstrengung. Denn ein Sonntagsmahl ist wie ein Gemälde oder ein Gedicht. Ich denke an Alici, kleine rohe Fische in Öl, Zitrone und Radieschen. Dann Spaghetti Carbonara (keine Sahne !). Schließlich Kalbsnierchen, scharf gebraten in Knoblauchbutter. Zum Schluss Nusstorte. Dazu einen schweren Weißen aus Sizilien. Über Jahrhunderte waren die die Grundlage für die teuren, aber schmalbrüstigen Franzosen. Ein perfektes Gedicht? Das von dem römischen Brunnen von C F Meyer. Oder die Zwei Segel, auch von ihm. Und ein tolles Bild? Ich würde sagen, das aus dem Pariser Vergnügungspark mit dem Thekenfräulein, wo man im Spiegel den Saal sieht und irgendwie auch den bestellenden Gast. Oder der flandrische Geldwechsler und seine Frau. Es geht auch beim Menu um den Perspektivenwechsel.

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EINFACHE LEUTE.

Respekt vor den Nöten der Armen, dem Leben der einfachen Leute. Was der HELDENKULT vielleicht verstellt. Wenn man die Verehrung der HEILIGEN & HELDEN gegen den Strich bürstet, entdeckt man dahinter die Ängste der Gläubigen, die Abgründe ihres ABERGLAUBENs. Lese gestern etwas zum Heiligen NIKOLAUS von Myra, jener Gestalt, die wir am 6. Dezember ehren. Nikolaus, der früher mit Knecht Ruprecht kam und die Kinder tadelte, um sie dann zu loben. Geht auf einen historischen Bischof zurück. Wurde im Volksglauben einer der Nothelfer. Erste Überraschung: er war ein Türke (kam aus der Region Kleinasien, das ist heute türkisch). Zweite Überraschung: zeitgenössische Bilder zeigen ihn häufig mit drei Goldklumpen oder goldenen Äpfeln. Die soll er drei Töchtern eines verarmten Edelmanns zugeworfen haben, weil die, wie es heißt, mitgiftlos waren. Hallo? Jetzt kommt es: Um zu verhindern, dass sie „in ein Freudenhaus verkauft“ würden. Das also stand als Perspektive für Unverheiratete zu befürchten. Dritte Überraschung: Nikolaus immer wieder auf Bildern mit drei lebendigen Knaben. Die hatte er, der Wunderheiler, aus der Pökeltonne eines Wirtes befreit, in der sie, zerteilt und eingesalzen, gelegen hatten. Hausmannskost, Essen satt. Man glaubt es nicht; heutzutage glaubt man es nicht mehr. In der Pökeltonne eines Wirtes? Anderseits. Jetzt, wo ich seuchenbedingt „statt Borchardt nunmehr Bofrost“ habe: Hat vielleicht doch sein Gutes, dass die Wirte gerade serienweise pleitegehen.

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BRÜDERSCHAFT.

Das konnte man früher trinken, als Kontakt noch legal war. Die Getto-Kids in meiner Berliner Nachbarschaft, höre ich beim Zeitungsholen im Späti, reden sich mit „Bro“, wohl kurz für „Brother“ an. Das scheint ihnen wichtig; und sie sagen es mit dem Gestus, dass es für mich, den weißen alten Mann eben nicht gilt. Wer fragt schon nach einer Frankfurter Zeitung in Berlin, Alta? Digga! Bro! Man weiß, dass die Französische Revolution neben der Freiheit (vom Adel & Klerus) und der Gleichheit (vor dem Staat) im Binnenverhältnis BRÜDERLICHKEIT wollte. Bevor die Doppelpunkt-Sternchen-Manie auch hier einsetzt: damit war auch das weibliche Geschlecht gemeint. Und die zwischengeschlechtliche Beziehung. Es handelt sich, wie bei GENOSSE oder KUMPEL oder KAMERAD um eine libertäre EGALITÄTSADRESSE. Man will zwischen sich keine Schranke und entsprechend einen zugewandten Umgang miteinander. Der Erwärmung des Innenverhältnisses entspricht eine Abkühlung der Beziehung zu jenen, mit denen man eben nicht fraternisiert. Etwa bei den Freimaurern, die unter sich Brüder sind, aber eben in Abgrenzung zum profanen Leben. Der Ursprung ist, jetzt müssen meine muslimischen Freunde in Moabit stark sein, jüdischen Ursprungs, nämlich in dem Bezug der Gotteskinder auf einen (singulären) Gottvater. Den klarsten Begriff der Moderne vom FRATERNISIEREN haben die Eidgenossen. Seit dem 13.Jahrhundert, sicher seit dem 15., also vor Robespierre. Die Freude der Städter an Verträgen: früher bürgerlicher Kontraktualismus. Sich als Freiheitsliebende gegen Willkürherrschaft stellen, dazu einen Vertrag schließend, der diesen Zweck verbindlich macht, ansonsten aber jeden in seinem eigenen Gusto und Ort belässt, das ist die Brüderlichkeit der Libertären. Das hat Friedrich Schiller an Wilhelm Tell und dem Rütli-Schwur geschätzt. Es war ihm so wertvoll, dass er auch Tyrannenmord für legitim hielt. Man durfte abknallen, wer da durch die hohle Gasse kam. Eiskalt aus dem Hinterhalt. Warm nach innen, eiskalt nach außen. Passt zum Wetter.

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HEISSER HUND.

Im Alten Rom hießen die Straßenumzüge, mit denen man sich in Rudeln zum Circus Maximus begab, POMPA, wohl weil ziemlich pompös. Diesen Brauch hat sich der Katholizismus für FRONLEICHNAM aufgehoben, jenem Festtag der PROZESSIONEN, in denen die Eucharistie gefeiert wird; was etwas komplizierter ist als die Verfütterung von Gladiatoren an wilde Tiere. Es geht um die religiöse Vorstellung, dass der Leichnam des Fronherren gegenwärtig sei, wenn man eine Hostie verzehrt und ein Schluck Wein getrunken wird, während ein Glöckchen bimmelt. Dann wandelt sich Brot und Wein in die Leiche und das Blut des Herrn. Er gilt damit als körperlich anwesend.

Mir war das beides fern, Brot & Spiele wie der Mythos des Abendmahls, bis ich jetzt am Samstag an einer veritablen Prozession teilgenommen habe. Alter Schwede, im Wortsinn, alter Schwede, ich war auf einen Sonnabend in Berlin bei IKEA. Erregte Menschenmassen schoben sich durch die Gänge, bewehrt mit großen Einkaufskarren und in einer ernsthaft entschlossenen Prozession, die mich erst faszinierte, dann beklemmte. Obwohl die Laufrichtung durch Pfeile am Boden vorgegeben und das Ritual klar. Man belädt sich mit Kitsch aus der Tiefe Asiens, der schwedische Namen trägt und zur Verhübschung des eigenen Haushalts dient. Alles unnütz, aber zur Ehre der Heiligen Pippi Langstrumpf.

Es pressen sich die Menschen durch die Möbelausstellung und die nachgeordneten Lagerräume wie Brät durch den Schafsdarm, eine zur Wurst vereinte Masse, bestehend aus Kleinfamilien aller Herrenländer in unterschiedlichen Stadien der Assimilation, alle willig, ihr häusliches Leben durch Beutel mit 100 Teelichtern zu bereichern. Ich strande an einer Kasse ohne Kassiererin und werde angehalten, meine Ware selbst zu scannen, etwas, das ich im Baumarkt bisher renitent verweigert habe. Es hilft mir dabei eine IKEA-Dame mittleren Alters, mit der ich, nicht dass ich mich erinnern könnte, schon mal in der Kiste gewesen sein muss; sie duzt mich.

Dann die Wandlung. Ich darf ein Würstchen mit Gurkenscheiben belegen, Mayo und Ketchup sowie Röstzwiebeln und dann damit meine Jacke versauen, während mich wieder das Parkhaus aufnimmt und ich in die profane Freiheit entfliehe. Alles, was Theodor W. Rottweiler alias Wiesengrund über den Konsumterror geschrieben hat, ist richtig. Einschließlich der Erlösung, hier durch Röd Pölser, eine Eucharistie namens Billy.