Logbuch
VON FREMDEN UND FREUNDEN.
Mir imponieren tüchtige Leute. Das meint keine Potentaten, Kriegsherren oder Wunderheiler. Es meint einfache Leute, die es durch Fleiß zu etwas bringen. Wenn ich ehrlich bin, so verachte ich im Gegenzug die vorsätzlich Faulen. Ich habe insofern eine wirklich sozialdemokratische Seele.
Dazu eine Geschichte. Den größten und schönsten Weihnachtsbaum in meinem Kiez hatte Cem, der türkische Frisör, Meister seines Fachs, kein Neon-Barbier. Man verstehe das als Symbol. Cem ist Sohn eines Migranten, der mit einer Dönerbude am Baumarkt in Brandenburg acht Kinder großgezogen hat; aus allen ist etwas geworden. Migration kann gelingen. Allerdings muss man morgens seinen Arsch aus dem Bett kriegen. Bürgergeld war das ganz falsche Signal.
Ich höre gern die Lebensgeschichten tüchtiger Meister, jener aus der klassischen Handwerkerrolle. Und ich interessiere mich für Migrationskulturen, die, wenn erfolgreich, immer aus Anpassung an die neue Heimat bestehen und zugleich Sehnsucht nach der verlorenen. Aber auch der Sentimentale ist politisch wach. Cem erzählt mit sehr kritischem Ton von einem seiner Brüder, der das autoritäre Regime in der Türkei bewundere, aber froh sei, hier in Freiheit zu leben. Es braucht Freiheitsliebe, auch bei der Religionsfreiheit.
Man wird von Migranten keine Assimilation verlangen, weil sie das als Abwertung ihrer Herkunft lesen, aber erwarten, dass sie die neue Heimat respektieren. In meinem Kiez ist, was das angeht, mancher Türke der bessere Deutsche, scherze ich, während mir die Haare geschnitten werden. Zweite Geschichte. Auf dem Dorf gilt schon der nächste Kirchturm als Fremde. Mir sagt mein Nachbar Helmut, er sei nicht von hier. Er stammt aus dem Weiler auf dem nächsten Berg; man kann hinspucken.
Völlig fremd ist mir die Deutschtümelei der politischen Rechten; ein soziales Gift reaktionärer Menschenverachter. Geradezu komisch finde ich einen AfD-Idioten in meiner Stammkneipe, der gegen Ausländer pöbelt und einen Hugenotten-Namen trägt. Den Dorfdeppen ziert keine Migration, schon klar. Wir alle sind Fremde, fast überall. Und, so wir wollen, fast immer Freunde.
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HUNGER LOBBY.
Für 12,99 € kann man bei dem Chinesen, in dessen Restaurant ich zufällig geraten bin, so viel essen, wie man möchte. Ein ausladendes Buffet zeigt die ganze Vielfalt der Glutamat-Gourmandise. Essen wie Müllvernichten. Im Fernsehen läuft was mit Trump.
Ich weiß aber: Der Krieg im Nahen Osten wird Hungersnöte um die ganze Welt zur Folge haben; das ist schon jetzt gewiss, selbst wenn er morgen endet. Das hängt an Menge und Preis des Kunstdüngers. Und den explodierten Preisen für Energie. Das sage ich als ehemaliger Direktor der edlen Ruhrgas AG zu Essen.
Der Bundeswirtschaftsministerin wird vorgeworfen, sie habe mal als Gaslobbyistin gearbeitet; was den Lobbyisten der Erneuerbaren Energien als hinreichender Grund ihrer Diskreditierung gilt. Bei diesem Versuch der Ehrabschneidung hilft wenig, dass sie selbst meint, das stimme nicht mal in der Sache. Gaskathy ruft man ihr nach.
Ich habe bei dem Thema ohnehin nichts zu melden. Ich war Lobbyist für deutsche Steinkohle, Strom jedweder Quelle, auch der Kernenergie, Mineralöl, Erdgas, Wind- und Sonnenenergie; wenn ich das richtig sehe, habe ich in meiner Laufbahn, wenn man das so nennen darf, nur Bioenergie ausgelassen, möglicherweise weil es da so unangenehm nach Gülle roch.
Wenn Expertise disqualifiziert, dann wird der Primärenergieträger zum Glaubensgut. Und so ist es ja wohl auch. Es gibt satanische Moleküle. Mit der Dekarbonisierung wird der Teufel ausgetrieben. Weil die Zukunft des Planeten daran hänge. Ich bin vor dieser intellektuellen Engführung nicht nur Konvertit, sondern mehrfach stigmatisiert.
Darf ich mal ausführlicher über Kunstdünger reden? Und dessen Bedeutung für den Hunger der Welt? Unser Tischnachbar muckt auf. Was das denn mit Energie zu tun habe, werde ich im Restaurant von jemanden gefragt, der „all-you-can-eat“ praktiziert. Es gibt Grade der Dummheit, die mich schutzlos zurücklassen.
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DICHTERWORTE.
Ein guter Freund vermeldet, es ginge ihm wie dem alten Fontane: „heiter und stabil“. Ein Dichterwort. Nicht, dass ich viel von Fontane gelesen hätte; er wird in Brandenburch als Nationaldichter gefeiert, weil er dort mal wanderte. Na ja, und wegen der Birnen des Herrn von Ribbeck.
Friedrich der Flötenspieler soll in Brandenburch ein der Knabenliebe gewidmetes Feriendomizil betrieben haben, sah ich gestern im Bildungsfernsehen, daher das Verb des Potsdämischen. Was Heimatkunde so alles an Erkenntnissen bereithält.
Der Engländer hat für solche Sinnhubereien ja seinen Skakespeare, den Grundpfeiler einer Nationalliteratur, die für jede Charakterregung einen Vers bereithält. Bei den Franzosen dürfte das Molière sein, oder? Im Deutschen Goethe & Schiller, die Weimarer Bengel. „Spät kommt Ihr, Graf Isolan, doch Ihr kommt.“ Sehr dürr. Das geht besser.
„Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
Nach kurzer Dauer muss sein Glanz verbleichen,
Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.
Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
Oft ist verdunkelt seine gold'ne Bahn,
Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
Ist wechselndem Geschicke untertan.
Dein ew'ger Sommer doch soll nie verrinnen,
Nie flieh'n die Schönheit, die dir eigen ist,
Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
Solange Menschen atmen, Augen seh'n,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergeh'n!“
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HEISSER HUND.
Im Alten Rom hießen die Straßenumzüge, mit denen man sich in Rudeln zum Circus Maximus begab, POMPA, wohl weil ziemlich pompös. Diesen Brauch hat sich der Katholizismus für FRONLEICHNAM aufgehoben, jenem Festtag der PROZESSIONEN, in denen die Eucharistie gefeiert wird; was etwas komplizierter ist als die Verfütterung von Gladiatoren an wilde Tiere. Es geht um die religiöse Vorstellung, dass der Leichnam des Fronherren gegenwärtig sei, wenn man eine Hostie verzehrt und ein Schluck Wein getrunken wird, während ein Glöckchen bimmelt. Dann wandelt sich Brot und Wein in die Leiche und das Blut des Herrn. Er gilt damit als körperlich anwesend.
Mir war das beides fern, Brot & Spiele wie der Mythos des Abendmahls, bis ich jetzt am Samstag an einer veritablen Prozession teilgenommen habe. Alter Schwede, im Wortsinn, alter Schwede, ich war auf einen Sonnabend in Berlin bei IKEA. Erregte Menschenmassen schoben sich durch die Gänge, bewehrt mit großen Einkaufskarren und in einer ernsthaft entschlossenen Prozession, die mich erst faszinierte, dann beklemmte. Obwohl die Laufrichtung durch Pfeile am Boden vorgegeben und das Ritual klar. Man belädt sich mit Kitsch aus der Tiefe Asiens, der schwedische Namen trägt und zur Verhübschung des eigenen Haushalts dient. Alles unnütz, aber zur Ehre der Heiligen Pippi Langstrumpf.
Es pressen sich die Menschen durch die Möbelausstellung und die nachgeordneten Lagerräume wie Brät durch den Schafsdarm, eine zur Wurst vereinte Masse, bestehend aus Kleinfamilien aller Herrenländer in unterschiedlichen Stadien der Assimilation, alle willig, ihr häusliches Leben durch Beutel mit 100 Teelichtern zu bereichern. Ich strande an einer Kasse ohne Kassiererin und werde angehalten, meine Ware selbst zu scannen, etwas, das ich im Baumarkt bisher renitent verweigert habe. Es hilft mir dabei eine IKEA-Dame mittleren Alters, mit der ich, nicht dass ich mich erinnern könnte, schon mal in der Kiste gewesen sein muss; sie duzt mich.
Dann die Wandlung. Ich darf ein Würstchen mit Gurkenscheiben belegen, Mayo und Ketchup sowie Röstzwiebeln und dann damit meine Jacke versauen, während mich wieder das Parkhaus aufnimmt und ich in die profane Freiheit entfliehe. Alles, was Theodor W. Rottweiler alias Wiesengrund über den Konsumterror geschrieben hat, ist richtig. Einschließlich der Erlösung, hier durch Röd Pölser, eine Eucharistie namens Billy.