Logbuch

NUTZLOS.

Jetzt habe ich mal nachgezählt. Fast dreihundert von den bunten Dingern haben sich im Laufe der Jahre bei mir angesammelt. Hat so viel gekostet wie ein Kleinwagen oder zehn, zwanzig anständige Anzüge. Man wird sie nicht mehr brauchen. No more Return on Investment. Was mache ich jetzt mit den Dingern?
Schon immer waren sie ein Signal; nicht ganz eindeutig, aber doch lesbar. Ein Symbol für Geschmack und Klasse, oder deren Fehlen. Es gab billige, schlimmer noch alte und billige. Es gab einfallslose. Auch alberne. Und für jede Periode das gediegene Exemplar. Eine ganze Zeit aus der Jermyn Str. oder von Dolce & Gabanna. Mit einem ironischen Innenfutter. So unterschied sich der „Herr“ in der First von dem Businesstrottel in der Business Class (später dann von der eigenen Einkaufsabteilung in die Eco verdammt).
Für die Geschäftsreise mit schmalem Gepäck gab es, wenn sparsam, drei Typen. Also, wenn man mal hinnimmt, dass das es Oberhemd am nächsten Morgen noch mal tut. Erstens: jeden Morgen frische Shorts, frische Strümpfe und neuer Binder. So sollte das sein. Zweitens: neue Krawatte, aber Socken wie Unterhose erneut genutzt, Slip nur gewendet. Drittens, was nun gar nicht geht: frische Strümpfe und neue Boxershorts, aber Binder vom Vortag. Ging gar nicht. So war das früher, als der moderne Mr. Joe Keser (sans cravatte) noch Herr Josepf Kässer (mit scharfem s) hieß.

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AUTOBIOGRAPHIE.

Ich lese die Lebenserinnerungen von STEFAN AUST und halte meinen Kopf in leichter Skepsis zur Seite geneigt, einem Lächeln, gelegentlich einen Grinsen Platz gebend. Der Mann hat einen feinen Humor und kann schreiben, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Man bemerkt sein Bemühen, allfällige Irrtümer sanft zu korrigieren, um seinem Leben jenen SINN zu geben, der ihm gebührt. Er ist dabei mit großem Geschick den nachprüfbaren Fakten verpflichtet, während er die Wahrheit literarisch gestaltet. Halt ein Journalist.
Man wird von mir kein böses Wort über Stefan Aust hören. Ich schätze ihn sehr. Wir haben ein, zwei Dinge zu Wege gebracht. Mehr zu sagen wäre unangemessen, ja undankbar. Einen Journalisten aus dem Mund eines PR-Mannes gelobt zu hören, das hat unhinderbar einen Nachgeschmack. Also lasse ich das.
Was man an Gestaltungswillen in jenen Zeiten erahnt, die man nicht als Zeitzeuge beurteilen kann, wird in jenen Kapiteln zur Gewissheit, wo man mit eigenen Erinnerungen zu kämpfen hat, weil man dabei war. Eine Autobiographie ist die nachträgliche Anlage eines LEBENSPLANS im erläuternden Rückblick. Den Zufällen entzieht man so das Belanglose. Endlich macht alles im Leben SINN, jedenfalls vieles. Eine lohnende Lektüre, weil gute Literatur.

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DER ÄLTESTE BAUM.

Den Untergang der Dinosaurier hat er überlebt, der Ginkgo Biloba. Ein einzelnes Exemplar gar die Hölle von Hiroshima. Weil er VORSICHTIG ist und sehr BEDÄCHTIGT. Heute erst, zu Sommerbeginn, schlägt er voll aus, als letzter aller Gartenbäume. Er ist immer der letzte.
Und als erster wird er, mit dem initialen Frost, Anfang Dezember, alle Blätter abwerfen. Für 25 Jahre tarnt er sich als schlanker Pfahlwurzler, um erst dann sein Wesen zu zeigen, indem Wurzeln und Krone breit in die Horizontale gehen.
Ein weiteres Jahrzehnt tarnt er sein Geschlecht, um erst dann Mitte Dreißig, die weiblichen Wesen der Gattung zu offenbaren, die nun Früchte trage, Mirabellen ähnlich. Damit diese Samen nicht dem Verzehr anheimfallen, sind die Schalen extrem übelriechend. Im Hof der Humboldt-Uni in Berlin steht einer; am Gestank leicht zu finden.
Goethe empfand die Blätter als Liebessymbol, dem Philosophen zeigen sie Yin & Yang, die asiatische Kulinaristik fühlt sich an Entenfüße erinnert. Die Alzheimer-Gemeinde isst die Blätter, hat aber vergessen, warum. Aber all das ist oberflächlich. Trifft nicht sein Wesen.
Er hat nicht nur die Ruhe weg, er ist misstrauisch, der Ginko. Er hat schon zu viel gesehen. Ich habe knapp zehn, unterschiedlichen Alters, und schaue ihnen zu, wie sie bedächtig grün, dann gelb, dann kahl werden. Sie haben eine innere Uhr, die nicht von unserer Zeit ist.

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GREISE WEISE.

Der gnadenlose Spott des Donald Trump über die Altersschwäche seines Amtsvorgängers „Sleepy Joe“ Biden ist uns noch in Erinnerung, da wir Symptome fortgeschrittenen Alters bei ihm selbst präsentiert bekommen. Bei indigenen Völkern soll der Stammesälteste der höchste Würdenträger sein, weil man mit dem Greisentum die Erwartung höherer Weisheit verbindet; es kann aber sein , dass dies einer der vielen Mythen ist, die wir dem unsäglichen sächsischen Schwätzer Karl May zu verdanken haben. Ich verspreche mir von alten Männern wenig Weisheit. Auch meine generelle Vorliebe für Frauen endet, wenn diese zunehmend senil. Mutti ist eine unwürdige Greisin.

Ich erinnere von den Besuchen bei meinem fast hundertjährigen Vater in einem ganz ordentlich geführten Altenheim und von dessen Insassen, dass Zustände der Altersdemenz kein Vergnügen, jedenfalls keine Auszeichnung Gottes für große Urteilskraft. Er selbst lebte im Zwist mit der Tatsache, dass er, wie er völlig klar sagte, keinen Speicher mehr habe. Alter als Last. Trotzdem verehren wir an Konrad Adenauer, dass er sein Amt als erster Bundeskanzler 1949 mit 73 Lenzen auf dem Buckel antrat, das Attribut „der Alte“; er galt noch immer als Fuchs, da er mit 87 Jahren sein Amt verlor.

Gehen wir das Thema vom anderen Ende an. Wann ist ein Heranwachsender volljährig? Früher mit 21, dann 18; jetzt wird von einem Wahlrecht ab 16 gesprochen. Das dürfte übrigens der AfD weiteren Zuwachs verschaffen; das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Kipling ist übrigens mit dem Gedicht „If…“ berühmt geworden, in dem er die Konditionen aufzählt, die seinen Sohn zum Mann machen würden:

„Wenn du mit Menschenmengen reden und deine Tugend bewahren kannst,
Oder mit Königen wandeln kannst – ohne den Kontakt zum einfachen Volk zu verlieren, Wenn weder Feinde noch liebende Freunde dich verletzen können, Wenn alle Menschen für dich zählen, aber keiner zu sehr; Wenn du die unbarmherzige Minute ausfüllen kannst Mit einer Distanz, die sechzig Sekunden wert ist,
Dann gehört dir die Erde und alles, was darauf ist,
Und – was noch mehr ist – du wirst ein Mann sein, mein Sohn!“ Na ja, er verlor ihn in dessen ersten Fronteinsatz; nie verwunden.

Womit wir bei LONGEVITY sind, der Fähigkeit, der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Im Hintergrund singt Bob Dylan „Forever young“, während faltige Greise Körner fressen, Blut tauschen und am Ende gar Organe. Wie irre die permanent Pubertären peinlicher Opas sind, lernt man, wenn sie von ihren Wünschen erzählen, nicht nur das Altern aufzuhalten, sondern es umzukehren. Der VIAGRA-Wahn, sein Wasser nicht mehr halten können, aber auf Erektionen hoffen. Meist beginnt es mit dem Austausch der Partnerin, die nun entfernteren Generationen entnommen wird. Einige werden mit achtzig noch schwul. Soll sein, mir egal.

Ich erwähne abschließend, dass ich so alt bin, wie Adenauer bei Amtsantritt und für geeignete Angebote offen. Kann mal jemand den Dylan lauter drehen?