Logbuch

PREIS-SPIRALE.

Der Zufallskunde in meiner Berliner Eckkneipe bestellt ein Chili Con Carne zu 5,50€ und den Rotwein des Tages aus der Toskana und bleibt unter 10 € für sein Abendessen. ESSEN & TRINKEN sind deutlich zu billig.

Der Gast ist aber nicht zufrieden; er hat noch Appetit und sagt, mit dem Kellner über die Portionen maulend, ein guten Satz: „Na, ich hätte auf den Preis schauen sollen.“ Ein sehr guter Satz. Die Bohnen kamen aus China, das Fleisch aus Dänemark und der Wein musste es über die Alpen schaffen. Koch und Kellner wollen von ihrem Job leben. Aber den Referenzpreis bilden die Pommesbuden. Doppelte Currywurst mit Pommes und Majo liegt bei 5 €. Deren Referenzpreis ist wahrscheinlich das Hamburger Menu bei Würgerking. WETTBEWERB.

Nun zu Kraftstoffen. 2 € für den Liter. Eigentlich ist die Tanke eine Filiale des Finanzamtes; die Hälfte nimmt ohnehin der Staat. Jetzt auch noch als Kohlendioxid-Abgabe. Und bei den Mineralölgesellschaften sitzen smarte Manager, die den Markt ausschöpfen sollen. Ja, da spielen Beschaffungskosten eine Rolle. Aber das wesentliche Moment liegt in dem, was unsere Geldbörsen hergeben. Da das Land GRÜN gestimmt ist, darf es etwas mehr sein. Wg. Klima.

Kern der PREISBILDUNG ist, wie der WETTBEWERB reagiert, die Konkurrenten im Tankgeschäft sich zueinander verhalten. Geht der Angebotsmarkt geschlossen mit nach oben? Er geht mit. Die Markengesellschaften verhalten sich tendenziell gleichpreisig. Anderen Anbietern wird ein Unterbietungsabstand von wenigen Cent gewährt. Unterschreitet jemand stärker, als ihm gewährt ist, gehen die Markengesellschaften mit. Aber jetzt dreht sich die Spirale halt nach oben. Die Spirale wird gedreht. Mit DIESEL war das wie mit dem CHILI; der war zu billig. Daran denke ich, wenn ich grüne Bedenken zu direkten Gasleitungen aus Russland höre. Das hören die bei ESSO und SHELL doch auch.

Jetzt der ADAC: Man solle als kluger Verbraucher abends tanken, da sei es billiger als morgens. Ich sehe die „pricing manager“ in Amsterdam, London oder Dallas vor mir, mit Tränen in den Augen. Selten so gelacht.

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STIGMA.

Früher ein Schandmahl, heute unerlässlich: das TATTOO. Man stellt irritiert fest, dass Rituale der Stammeskulturen in der Postmoderne unserer Tage zu neuen Ehren kommen. Bald ist das STIGMA bei den Ungezeichneten.

Es war ein Vorrecht von Matrosen oder langjährigen Knackis, sich erkennbar durch TATTOOs zu machen. Die Deserteure aus rüden Armeen wurden mit einem D gekennzeichnet, wie ansonsten das liebe Vieh. Noch andere wirklich böse Verwendungen sind berüchtigt. Aber der vor fünftausend Jahren erfrorene Ötzi hat uns gelehrt, dass man jene Künste, die die Kolonialisten den sogenannten WILDEN VÖLKERN zuzubilligen bereit waren, auch nördlich der Alpen kannte.

Wer heutzutage sehenden Auges durch Berlin läuft, kann den Übergang eines Exotismus in Mode, und aus der Mode ins Obligatorische beobachten. Das versteckte kleine TATTOO rückt ins Sichtbare, auf die notorisch unbekleideten Körperteile. Selbst Antlitze (vulgo: Gesichter, auch „Fressen“ genannt) werden verunziert. Der TABU-Bruch ist gewollt. Mein Interesse hält sich in Grenzen, ich bin lediglich irritiert.

Der Körper sei der Tempel der Seele; habe ich gelernt. Und schon im Dritten Buch Mose verbietet sich jemand, der sagt, er sei „der Herr“, solche Unvergänglichkeiten. Jetzt sehe ich jede Kassierin bunter als meine Krawatte. Und der Vorrat an Tinte ist größer als der an Gestaltungsideen. Aber auch das ist ja eine Kunst der Postmoderne, die des Zitierens von Vulgärem im Kommoden. Der unbändige Stolz der Zerstörer des Natürlichen, insbesondere des Schönen.

Damit haben, kunstgeschichtlich gesehen, die AVANTGARDISTEN vor einem Jahrhundert begonnen. Sich der künstlerisch gelungenen, originären Gestaltung dadurch zu entziehen, dass man alltägliche Dinge neu montiert. Gewollte Provokation. Da wird die Geste für das Geschick genommen. Na gut. Aber in meinem Gesicht? Und selbst, wenn: Dann mit unbändigem Stolz darüber, wie zerstört das wirkt? Wie gesagt, ich bin irritiert.

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DEMOSKOPIE.

Inseratenaffäre. Debatte um angebliche Manipulationen durch zwei junge Damen der Meinungsforschung in Österreich. Der dortige Bundeskanzler trat zurück. Mit dabei: eine korrupte Presse, mit Steuergeldern geschmiert.

Ich kommentiere auf Bitten einer Fachplattform der Marktforschung. Und es gibt mir Recht einer der ganz alten Hasen der Branche. Da freut man sich. So sollte das ja eigentlich sein, dass die Fachleute sich einig sind und die Laien staunen.

Ich fordere mehr PROPÄDEUTIK. Das ist die Fürsorge der Fachleute um das Staunen der Laien. Demoskopie heißt Volksbeobachtung. Wie das gehen soll, wenn man nur eine Zufallsstichprobe anschaut, versteht das Volk nicht. Repräsentativität ist durch den Zufall gewährleistet? Jo. Nicht nur, aber eigentlich doch. Raketenwissenschaft? Na ja.

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GREISE WEISE.

Der gnadenlose Spott des Donald Trump über die Altersschwäche seines Amtsvorgängers „Sleepy Joe“ Biden ist uns noch in Erinnerung, da wir Symptome fortgeschrittenen Alters bei ihm selbst präsentiert bekommen. Bei indigenen Völkern soll der Stammesälteste der höchste Würdenträger sein, weil man mit dem Greisentum die Erwartung höherer Weisheit verbindet; es kann aber sein , dass dies einer der vielen Mythen ist, die wir dem unsäglichen sächsischen Schwätzer Karl May zu verdanken haben. Ich verspreche mir von alten Männern wenig Weisheit. Auch meine generelle Vorliebe für Frauen endet, wenn diese zunehmend senil. Mutti ist eine unwürdige Greisin.

Ich erinnere von den Besuchen bei meinem fast hundertjährigen Vater in einem ganz ordentlich geführten Altenheim und von dessen Insassen, dass Zustände der Altersdemenz kein Vergnügen, jedenfalls keine Auszeichnung Gottes für große Urteilskraft. Er selbst lebte im Zwist mit der Tatsache, dass er, wie er völlig klar sagte, keinen Speicher mehr habe. Alter als Last. Trotzdem verehren wir an Konrad Adenauer, dass er sein Amt als erster Bundeskanzler 1949 mit 73 Lenzen auf dem Buckel antrat, das Attribut „der Alte“; er galt noch immer als Fuchs, da er mit 87 Jahren sein Amt verlor.

Gehen wir das Thema vom anderen Ende an. Wann ist ein Heranwachsender volljährig? Früher mit 21, dann 18; jetzt wird von einem Wahlrecht ab 16 gesprochen. Das dürfte übrigens der AfD weiteren Zuwachs verschaffen; das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Kipling ist übrigens mit dem Gedicht „If…“ berühmt geworden, in dem er die Konditionen aufzählt, die seinen Sohn zum Mann machen würden:

„Wenn du mit Menschenmengen reden und deine Tugend bewahren kannst,
Oder mit Königen wandeln kannst – ohne den Kontakt zum einfachen Volk zu verlieren, Wenn weder Feinde noch liebende Freunde dich verletzen können, Wenn alle Menschen für dich zählen, aber keiner zu sehr; Wenn du die unbarmherzige Minute ausfüllen kannst Mit einer Distanz, die sechzig Sekunden wert ist,
Dann gehört dir die Erde und alles, was darauf ist,
Und – was noch mehr ist – du wirst ein Mann sein, mein Sohn!“ Na ja, er verlor ihn in dessen ersten Fronteinsatz; nie verwunden.

Womit wir bei LONGEVITY sind, der Fähigkeit, der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Im Hintergrund singt Bob Dylan „Forever young“, während faltige Greise Körner fressen, Blut tauschen und am Ende gar Organe. Wie irre die permanent Pubertären peinlicher Opas sind, lernt man, wenn sie von ihren Wünschen erzählen, nicht nur das Altern aufzuhalten, sondern es umzukehren. Der VIAGRA-Wahn, sein Wasser nicht mehr halten können, aber auf Erektionen hoffen. Meist beginnt es mit dem Austausch der Partnerin, die nun entfernteren Generationen entnommen wird. Einige werden mit achtzig noch schwul. Soll sein, mir egal.

Ich erwähne abschließend, dass ich so alt bin, wie Adenauer bei Amtsantritt und für geeignete Angebote offen. Kann mal jemand den Dylan lauter drehen?