Logbuch

DIE ANSAGE.

Die Lebenslüge der Generation meiner Großeltern und Eltern war, dass man habe nicht ahnen können, wie sehr die Nazis, einmal an der Macht, über die Stränge schlagen. Dabei haben die BRAUNEN klare Ansagen gemacht.

Dazu musste man nicht in den Hinterzimmern der SA gewesen sein; der Zeitgeist erläuterte sich allenthalben. Nur ein Beispiel. Die Bücherverbrennungen der an die Macht kommenden Nazis wurden am 10. Mai 1933 an vielen Universitäten mit sogenannten FEUERSPRÜCHEN begleitet. Unter diesen Parolen wurden die feindlichen Werke den Flammen übergeben. Man hat mir neun davon rausgeschrieben. Wer das liest, kann nicht sagen, dass die akademischen Faschisten einen Hehl daraus gemacht hätten, was sie vorhatten. Man lese:

„Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung. Gegen Dekadenz und moralischen Verfall, für Zucht und Sitte in Familie und Staat. Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat. Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele. Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit. Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortlungsvolle Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus. Gegen literarischen Verrat am Soldatentum des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit. Gegen dünkelhafte Verhunzung der Deutschen Sprache, für die Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes. Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist.“

Wie verquer, aber aufschlussreich, bis in die Sprache, wie klar die Absicht. Und natürlich ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch.

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POLITISCHE KLASSE.

Unsere politische Klasse hat keine (Klasse). Während eine Naturkatastrophe die Menschen zuhause ersaufen lässt, säuft sie Schampus auf Malle. Dazu lügt sie, als erwischt. Pflichtvergessenes Pack.

Was Nordrhein-Westfalen da Rheinland-Pfalz nachmacht, ist Futter für die AfD. Es betrifft die GRÜNEN (eine Frau Spiegel) und die CDU (eine Frau Hennen-Esser) und empört, weil es so verantwortungslos aussieht. Eine politische Elite, die sorgsam auf ihre Partykultur achtet, der aber das Schicksal der Menschen am Arsch vorbeigeht. Wenn enttarnt, täuscht sie. Ein kräftiges, weil populistisches Bild.

Auch ich habe Fragen: Was genau macht der stets fröhlich gestimmte Herr Holthoff-Pförtner mit der betont wohlgenährten Frau Umweltministerin da auf Malle? Und noch zwei Minister oben drauf. Warum überhaupt Mallorca? Haben die in der Düsseldorfer Altstadt kein Kölsch mehr? Ha! Oder Ahr-Wein? Der soll gerade günstig sein. Ob das alles der juvenile CDU-Spitzenkandidat (ein sehr glatter Herr Wüst) im laufenden Wahlkampf noch weggrinsen kann, das darf bezweifelt werden.

Und plötzlich passt das frühere Unglück des unvermittelten Lachens von Herrn Laschet, dem damaligen CDU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten, mitten in der Katastrophe auch ins Bild. Die verarschen uns. Der Rechtspopulist sagt: Die Elite hat für das unfassbare Leid der Opfer nur Hohn. Stimmt das? Nein. Na ja, es stimmt nicht und dann wieder doch.
Lehrsatz: In der Politik bist Du für das Maß Deiner Missverstehbarkeit verantwortlich.

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DAS RICHTIGE FALSCH BEGRÜNDET.

Die Grünen erschienen mir oft als Spinner. Ich habe nie an die Apokalypse des Klimas geglaubt. Aber REGENERATIVE ENERGIEN sind schlau, halt nur falsch begründet. Ich bin für die Energiewende.

Es kann gar nicht falsch sein, die EFFIZIENZ zu steigern. Weil es immer dumm ist, einen unnötig hohen Aufwand zu treiben. Ich renoviere privat gelegentlich sehr alte Häuser. Und sage: Die Alten haben das gewusst, weil sie arm waren und Brennstoff teuer. Damit ist der erste Punkt abgehakt.

Es kann gar nicht falsch sein, sich aus dem eigenen Garten zu ernähren. Wer seinen Hunger mit exotischen Kolonialwaren stillen will, wird diese aus den Kolonien importieren müssen. Was für den Magen gilt, gilt für den Ofen. HEIMISCHE Energien zuerst! Damit ist der zweite Punkt klar.

Es kann gar nicht falsch sein, Dinge wiederzuverwenden. Und wiederzuverwerten. Reparatur ist eine Haltungsfrage. Selbst aus dem Mist hat der Kleinbauer noch Dünger gemacht. Das Prinzip der REGENERATION ist das der Jahreszeiten. Es gilt die Sonne einzufangen und den Wind zu bändigen. Dritter Punkt klar.

Es kann gar nicht falsch sein, die wirklichen Kräfte der Natur zu nutzen. Zumal wenn sie heimisch sind und regenerativ. Also reichert man URAN an, bis es brennstofffähig ist und entwickelt die Kernkraft weiter. Schnelle Brüter! Keine Klimagase. Kein fossiler Fußabdruck. Nukleare Ökologie. Vierter Punkt. Ups.

Solches hörte ich mit Erschrecken von meiner Geschichte. Kann das sein? Irgendwann und irgendwo ist dieses Land falsch abgebogen.

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DEN DICKEN AM DAMM.

Kleine Kulturgeschichte am Beispiel eines Ausflugslokals. Ich fahre durch das Ruhrtal zwischen Kettwig und Mülheim und entdecke eine Lokalität, die MA DAMM heißt. Wohl gemerkt mit einem Leerzeichen zwischen den beiden Wörtern. Bei Madamme hätte man an einen Rotlichtbetrieb denken mögen; das gab es im katholischen Mintard an der Ruhr aber nie. Das „Damm“ bezieht sich auf die Deiche des Flusses. Ein Wortspiel, sollte verboten werden. Hier habe ich als kleines Kind einen handfesten Krach meiner Eltern erlebt, den ich noch erinnere, obwohl beide schon lange im Himmel. Dazu später.

Das MA DAMM ist jetzt, wie ich lese, eine „Lounge“. Wer das für Englisch hält, war auf der Realschule. Eigentlich Bezeichnung einer Sitzecke wurden irgendwann mal Aufenthaltsräume so benannt, wenn den Gästen ein gewisser Komfort geboten wurde. Fluglinien hatten das für den mittleren Angestellten („Business“) oder gehobenes Publikum („First“), ausgestattet mit gratis Snacks und jenem Teil der weiblichen Belegschaft, den man „Flugomas“ nannte. Ich hatte eine Senatorkarte, kam also rein. Beide Angebote wurden im Laufe der Zeit immer karger. Inzwischen gibt es auch in der First nur noch Nüsschen und statt der koketten Purserin einen Automaten namens KI. Ryan Air everywhere. Ich erinnere mich, dass Bahnhöfe Aufenthaltsräume als öffentliche Wärmehallen hatten, wo man winters mit Bahnsteigkarte reinkam. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zum wohlbeleibten Wirt am Deich, dem Dicken am Damm, fuhr man Sonntags, um den Nachmittag bei Torte und Kaffee zu verbringen und gesehen zu werden. Wurde es gemütlich, gab es schon mal ein Piccolöchen oder Eierlikör. Mein Vater war ein sparsamer Mann und empfand den Brauch als albern; meine Mutter war anderer Meinung und wollte ausgeführt werden. Irgendwann hatte sie sich durchgesetzt und man fuhr sonntags zum Dicken am Damm in den berühmten Garten. Die Promenadenidylle sollte nicht lange währen.

Denn dann quittiert der Kellner die Bestellung von zwei Tassen Kaffee barsch mit dem Satz „Draußen nur Kännchen!“ Mein Vater erzürnt, steht auf und zwingt die Familie zum Aufbruch. Der Haussegen hing danach lange schief. Jetzt ist der Adipöse hinter‘m Deich also eine Madamm, die launscht. Ich kehre nicht ein.