Logbuch

ASSOZIATIVES DENKEN.

Ich war kein besonders guter Schüler. Dass ich überhaupt durchgekommen bin, lag an guten Noten in jenen Fächern, in denen man einfach nur den Pauker paraphrasieren musste. Den gleichen Laber in anderen Worten nachplappern. Oder als Frage scheinheilig wiederholen. Dampfplaudern. Ging in Mathe nicht. Auch nicht in Französisch, wo mir schlicht der Wortschatz fehlte. Wenn ich heute in Sitzungen auf erwachsene Manager treffe, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben und ersatzweise versuchen sich mit assoziativem Denken über Wasser zu halten, muss ich in mich hineingrinsen. „Na, so habe ich Studienrätin Frollein Müller-Kegel verladen können, bei der ich Geschichte hatte, aber Du doch nicht mit mir...“ Meine Erfahrung: Wer eine große Klappe haben will, muss fleißig sein, sonst wird das nichts. Wir waren im Studium, Jahre später, immer die Flegel vom Dienst, aber hatten unsere Hausaufgaben gemacht. Frech und fleißig, das kann klappen.

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Ein heute verfemter Dichter, der ein wirkliches Genie des Erzählens war? Ich meine, nicht nur ein Schriftsteller, sondern ein großer ERZÄHLER wirklicher GESCHICHTEN? Ich sammle die Bücher von RUDYARD KIPLING. Als ich das einem Reporter der BBC erzähle, der heute für die FIN TIMES in Frankfurt arbeitet, zuckt der regelrecht zusammen. Er war zuvor in Indien stationiert und weiß zu berichten, dass KIPLING dort verbannt ist. Man versteht politisch gut, warum. Er gilt als Stimme des britischen Kolonialismus über die Kronkolonien des COMMONWEALTH. Eine Geschichte des Imperialismus, als das noch kein Schimpfwort war, und des Rassismus. Ich wage mir gar nicht auszumalen, was die Zerstörungskultur unserer Tage mit ihm machen würde. Er war zwar der jüngste Literaturnobelpreisträger, ein Star Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, aber er atmet den Geist des englischen Gentleman, der vom Exotismus Indiens fasziniert ist, von dem, was er als exotisch empfindet, als fremd, attraktiv und ungeheuer liebenswert. Da mischt sich das englische Internat des von seiner Eltern verlassenen Kindes mit der Liebe der indischen Nanny, der völkerkundliche Beruf des Vaters mit den englischen Freimaurerclubs in Indien, schließlich mit literarischen Ambitionen in den USA, ein Suchender mit ganz nahen Sehnsüchten und tief unzeitgemäßen Gedanken. Seinen Kindern schrieb er wunderbare Erzählungen, am bekannteste das DSCHUNGELBUCH. In der heutigen Londoner Kipling-Gesellschaft, das ist schon wahr, viel Ex-Militär der Empire-Zeit. Irgendeinem Zufall verdanke ich eine zeitlich unbegrenzte Mitgliedschaft. Was ihn literarisch ausmacht: seine Geschichten sind Geschichten, also spannend und begeisternd hell, aber sie bleiben doch am Ende dunkel. Kipling weiß an Geheimnisse zu rühren. Ich werde mal versuchen sein Gedicht von dem GENTLEMAN IN KAHKI zu übersetzen. Oder einen Experten darum bitten. An der Uni in Leipzig sitzt ein Biograf, dem wir eine gut lesbare Lebensgeschichte verdanken. Ja, mit Khaki ist die Uniformfarbe gemeint. Er hielt den Gentleman für ein „very fine example of the ruling races“, eine Verblendung, die heute kaum mehr auszuhalten ist, aber eben Teil jener Historie, die dann auch das putzige Dschungelbuch hervorgebracht hat. Kipling ist wirklich aus seiner Zeit verstehbar, bleibt uns aber fremd; ich glaube, das wollte er schon zu Lebzeiten. Seine Kurzgeschichten sind übrigens besser als seine Romane; die Gedichte zu bemüht.

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Verlust der EMPHASE.

Ich verliere die Fähigkeit, mich grundlos für eine Sache zu begeistern. Von etwas FAN zu sein. Ohne großartige Gründe, rückhaltlos eine Vorliebe zu haben. Nehmen wir FUSSBALL, beziehungsweise Fußballvereine. Da, wo ich herkomme, da war man im tragischen Fall Anhänger von Dortmund, im glücklichen SCHALKE-FAN. „Ob ich verroste, ob ich verkalke, Schalke...“ Nun hat dieser Verein, sagt man mir, seit 24 Spielen nicht mehr gewonnen, seit 24 Spielen in Folge. Das kann schon rein mathematisch kein Zufall mehr sein. Sie leben am Kreisel inzwischen von Staatsknete, die ein prinzipienlose Landesregierung spendiert hat. Ich hatte zudem beruflich mal das Missvergnügen, jemanden zu vertreten, der dort PRÄSIDENT werden wollte; mit dem Angebot von großem Geld, das er dann, oh Wunder, gar nicht haben sollte. Der amtierende Präsident ist der einschlägige Schweinemörder. Ich komme ins Granteln. Jedenfalls bin ich kein Schalke-Mitglied mehr. Selbstverständlich trete ich jetzt keinem anderen Verein mehr bei. Das wäre Verrat. Ich bin bei Fusseck keinen Fan von nix, wie man im Revier sagt. Das gleiche Fass könnte ich bei politischen Parteien aufmachen. Da habe ich auch eine Mitgliedschaft abgelegt, nachdem mich diese Partei weltanschaulichen verlassen hatte. Vergossene Milch. Man gewinnt im Alter „Mitte und Maß“; das gilt als weise; Spaß im alten Sinne macht es eher nicht. Ach, noch einmal, wissen, dass man auf ganz dünnem Eis argumentiert, aber die eigene Sache mit aller Inbrunst verteidigen... Dazu ist man dann leider auch (aus Schaden) zu klug geworden. Ich werde mir etwas neues ausdenken, dass ich mit Leidenschaft vertrete und verteidige. Für das ich die Welt anstecke. Was nur?

07.45h
Nachtrag: Der Metzger-Mogul ist mittlerweile gar nicht mehr Präsident; sorry.

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MASSENWAHN.

Furchtbare Nachrichten aus einem Schweizer Ski-Ort, in dem eine Silvesterfeier junger Leute zu einer Feuerhölle wird; wohl auch, weil die völlig ungeeignete Architektur der Bar selbst zur Todesfalle wurde. Ich denke an die Szenen der Duisburger Love Parade, wo auch ohne Feuer die Masse sich selbst zum Verhängnis wurde. Wie furchtbar muss es sein, seine Kinder zu verlieren. Meidet die Masse!

Für viele Abenteuer des Tourismus galt schon immer der Charme der Improvisation, zumal im Skisport, der eine abgelegene Bergwelt widersinnig bevölkerte. Après Ski. Die Grand Hotels in den St. Moritz der Alpen waren ja nur die bourgeoisen Flaggschiffe einer seit dem 19. Jahrhundert modernen Massenbewegung der saisonalen Stadtflucht. Eigentlich war Tourismus immer die illusionäre Fehlnutzung bäuerlicher Idyllen zu Massenveranstaltungen. Diese kranke Disproportion hat auch Davos ausgemacht, als ich da noch verkehrte. Für die schwimmenden Stahlknäste namens Traumschiff gilt es allemal. Was treibt die Menschen zur Meute?

Wir reden über Phänomene, die wissenschaftlich weitgehend unerforscht sind; noch immer. Das Standardwerk von Gustave Le Bons zur Massenpsychologie ist keins. Entgegen seiner großen Verbreitung seit 1895 enthält es keine eigenen Erkenntnisse. Hier wurden literarische Beschreibungen von Massenphänomenen zusammengetragen, es gibt keine sozialpsychologische Methode und keine primären Erkenntnisse. Zu lesen sind Exempel der wertenden Wahrnehmung von Masse und vor allem, wenn diese unangenehm; das ist nicht das gleiche.

Lehrsatz: Ein Mob ist immer nur jene Menge von Menschen, die man nicht leiden kann, weil man sie nicht leiden kann. Wer charismatischen Bewegungen angehört, empfindet sie anders als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Zu meinen Schülerzeiten spielte ein ebenfalls zweifelhaftes Buch des umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich zu „Massenpsychologie des Faschismus“ eine gewisse Rolle. Stolz konnte ich damals meinem Philosophielehrer ein Exemplar besorgen, einen Raubdruck aus einem sogenannten Alternativen Buchladen Berlins. Ich muss ein Schüler eines gewissen Vorwitzes gewesen sein.

Also: Massenpsychologie ist empirisch, so wie ich es sehe, ein noch recht leeres Feld, an das mal jemand methodisch sauber ran müsste. Massenveranstaltungen sind sicherheitstechnisch immer prekär. Ohne jeden Drang zur Nachahmung sehe ich die Bilder der Silvesternacht als Phänomene des kollektiven Wahns. Es drängt mich nichts in den johlenden Mob; siehe oben. Den Opfern der Schweizer Party unser tiefes Mitgefühl.