Logbuch

HINTERHALT.

Das „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ ist ein Werk von Carlos Marighella, verfasst im Juni 1969. Es beschreibt Taktiken und Strategien für revolutionäre Kämpfer in städtischen Gebieten, basierend auf Marighellas Erfahrungen im Kampf gegen die brasilianische Militärdiktatur. Es kam mir als Referatsthema unter, als ich Anfang der siebziger Jahre in Bochum ein Proseminar zum Begriff des Politischen belegt hatte und hoffnungslos überfordert war. Es erhebt das Prinzip des Hinterhalts zur legitimen Kriegstaktik. Das hatte den höheren Charme der Che-Verehrung und machte Terrorismus als revolutionäre Tugend gesellschaftsfähig.

Mein Referat war peinlich, der wunderbare Dozent gewährte mir Nachsicht; aber die Blamage wirkt in mir nach. Sie kommt wieder hoch, da ich lese, dass die Propaganda-Stunts im Weißen Haus mit dem ukrainischen und dem südafrikanischen Präsidenten in der noch demokratischen Presse der USA „ambush“ genannt werden, Hinterhalt, sprich hinterhältig.

Das Besondere der Neuen Rechten ist, dass sie bei der Verfolgung ihrer Gegner auf den Anschein eines „fair play“ völlig verzichtet. Weder gute Manieren noch Ritterlichkeit spielen eine Rolle; es herrscht die urwüchsige Brutalität einer Kneipenschlägerei, getragen vom zustimmenden Gejohle ihrer Fans. Kriegslüstern. Natürlich tritt man nach. Ich nenne den Kampf gegen Harvard als andauerndes Beispiel.

Darf ich uns, die Deutschen, vor Hochmut warnen? So haben wir unter Hermann dem Cherusker gegen die römischen Truppen unter dem braven Varus gewonnen. Fast 20.000 reguläre Römer wurden im Osnabrücker Land dahingeschlachtet, bei Kalkwiese in einen Hinterhalt gelockt. Ich erspare uns andere historische Vergleiche; es wird mit Blick auf die Wehrmacht nicht besser.

Auch aktuelle Analogien seien zurückgestellt. Die Welt ist kein Ponyhof. Der Dschungel kein Exerzierplatz. Ich habe mir mit siebzehn Jahren vom Kreiswehrersatzamt Mettmann ein Gewissen bescheinigen lassen. Mit siebzig finde ich, das war nicht das Dümmste, was ich getan habe. Damit war amtlich, dass man zu mehr veranlagt ist als Hinterhalt. Ich lese in der WAZ, dass ein Rotarier aus Essen als alter Mann im Rahmen der allgemeinen Kriegsertüchtigung auch noch an die Front möchte. Hermann der Cherusker. Alter Narr. Darauf wird der Russe gewartet haben.

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WITZIGKEIT.

Zynismus kann unterhaltsam sein, wenn er wie jede Ironie eigentlich das Gegenteil meint und nur Ausdruck von Weltschmerz ist. Zynismus kann aber auch jenseits dessen sein, worüber noch Spaß gemacht werden sollte, ohne am eigenen Gift zu verkommen. Über Massenmord aus Rassismus etwa mache ich keine Witze.

Ich habe mal in der Gefängniszelle von Nelson Mandela auf der Gefangeneninsel Robben Island gestanden, in der er fast zwei Jahrzehnte verbracht hatte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ermöglicht hatte mir den Besuch ein südafrikanischer Mitarbeiter, der mich auch durch ein Township genanntes Ghetto führte, hinter uns sechs schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Die Getränkeausgabe an einem öffentlichen Grillplatz war gesichert wie ein Knast, weil „last calls“ nicht immer befolgt wurden. Gewalt, Gegengewalt, bloße Anarchie, all das, war hier in jeder Form überpräsent.

Mein weißer Gastgeber, der sich über mein Interesse an Mandela wunderte, bezeichnete ihn als Verbrecher. Ein blutiger Terrorist. Bis heute weiß ich nicht, ob der Bure in meinem Team ein verdeckter Rassist war oder einfach nur klüger als ich. Und wie kann das ein Widerspruch sein? Ich erinnere auch schöne Safaris und die Tatsache, dass man in den Städten nachts an roten Ampeln nicht anhält, außer man will seine Karre loswerden. Strukturelle Gewalt und manifeste, vagabundierende Anarchie, das Erbe des wohl weißen Kolonialismus.

In Weißen Haus streiten jüngst der schwarze Präsident Südafrikas mit dem weißen Amerikas darüber, ob es einen Völkermord (sic) an weißen Farmern am Kap gibt, den die Regierung des ehemaligen Apartheidstaates staatlich stützt. Im Hintergrund ein Bure, der es über Kanada in die USA geschafft hat und das Narrativ als Verleger stützt. Es würde „Kill the boer!“ gesungen. Belegfotos stammen laut Ortskundigen allerdings aus dem Kongo.

Wir erleben einen leichtgängigen Gebrauch des Begriffs Genozid, der mit dem rhetorischen Gewicht, das er seinem Vorwurf geben möchte, wirklichen Massenmord aus Rassismus verharmlost. Das ist das eine.

Das andere ist, dass Ramaphosa im Oval Office bedauert haben soll, dass er Trump leider kein Flugzeug schenken könne, und der geantwortet haben soll, besser wäre es schon gewesen. Witzig?

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GRÜNE SPALTPRODUKTE.

Man kann nicht nur Uran spalten; da geht auch Grünes. Aus der Eifel wird aber leider ein Flop gemeldet; darüber schütteln wir den Kopf. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um. Hunderte von Wasserstoffbussen stehen mit leerem Tank rum; lese ich in der gleichen Zeitung. Freunde, dies ist das Land von Linde! Nein, nicht der Baum, der Chemiker.

Die wahre Wunderwissenschaft ist die Chemie. Der wirkliche Weise trägt einen weißen Kittel. Drei Beispiele fallen mir ein. Man kann Wasser mittels Strom in seine Bestandteile zerlegen und durch Atomspaltung ein supersauberes Gas erhalten, den Wasserstoff; macht man das dann noch mit grünem Strom, ist die schadstofffreie Zukunft gewonnen. Der Physiker scheitert am Perpetuum Mobile, aber der Chemiker nicht; er schafft Genuss ohne Reue.

Mein Herr Vater kam 1923 als Bergmannssohn zur Welt und bewarb sich 1937 bei der Ruhrchemie in Oberhausen-Holten als Laufjunge; daraus wurde ein Weißkittel, der Wunder zu vollbringen hatte. Man spaltete Luft und wandelte den so gewonnenen Stickstoff zu Kunstdünger. Klappt bis heute. Die Erträge der Bauern sprießen. Brot aus Luft. Das kann man bis heute.

Überhaupt gingen hier im Emscherbruch tolle Dinge. Die Arbeitskameraden Fischer und Tropsch arbeiteten Ende der dreißiger Jahre an der Verflüssigung und Vergasung von Steinkohle. So war man zur Gewinnung von Gas nicht mehr auf die elenden Kokereien angewiesen. Als der Sohn meines Vaters in den achtziger Jahren bei der Ruhrkohle AG war, knüpfte man daran wieder an, versuchsweise. Eine neue Generation von Weißkitteln. Heimisches Gas aus dem Pütt, nicht fremdes von Putin. So geht Vision!

Nicht Kohlenwasserstoffe oder Luft wollte man in der Eifel spalten, sondern Wasser (ein Sauerstoffatom, zwei Wasserstoffatome, H2O). Wasserstoff wird Erdgas ersetzen, das einst Stadtgas ersetzte. Grüner Strom wird speicherbar. Paradise now! Man braucht dazu nur eine Elektrolyse. Sie ahnen es schon, werte Zeitgenossen. Dem Elektrolysör ist das zu schwör. Das Ding lief nicht. E.ON mal wieder als E.OFF. Versuchsbetrieb eingestellt. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um.

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BITTE KEINE VERBITTERUNG.

Wer die Spitzen des Kulinarischen zu erkunden weiß, beschäftigt sich nicht mit dem Niedersten im Lebensmittelhandel, dem Getränkemarkt, jener Halle voller Paletten übler Baustellenbiere. Im peinlich proletigen Berlin wirbt eine Kette dieser Getränkemafia mit dem Slogan „Ick koof bei Hoffmann“, unterirdischer Unterschichthumor. Aber gemach. Hier taucht neuerdings im Sortiment ein Boonekamp auf, ich sehe den kulinarischen Kenner aufhorchen, der Mönchswalder Bitter aus der Weinbrennerei zu Wilthen, die sich seit 1842 der Verwendung von Gebirgskräutern rühmt. Das Örtchen liegt bei Bautzen in der Oberlausitz und war zu DDR-Zeiten als Stadt des Weinbrandes bekannt. Und wegen des politischen Knasts. Der Bitter kommt als Boonekamp in großen Flaschen zu 0,7 Liter. Ich kann gar nicht ausrechnen, wie viele der kleinen Underberg-Fläschchen das wären.

Ein Freund, vor dem ich unten noch zu warnen habe, sagt mir, dass die Hersteller von Bitter, die westlichen Becherovkas, sich über die letzten Jahre sehr stark zentralisiert hätten und der Markt faktisch in Händen der Tochter einer einzigen Familie sei; da will ich nicht ran, da ich mal für ihren schwerhörigen Vater gearbeitet habe. War nicht so rund, aber da schweigt des Sängers Höflichkeit. Es geht mir nur um die Frage, warum wir das Zeug überhaupt saufen. Bitter ist böse. Jetzt sind auch die Freunde des Negroni angesprochen, die Tunten mit den italienischen Cocktails oder jene, die Rosenkohl und Radicchio mögen.

Biologisch sind wir auf süß ausgelegt. Der Geschmack von reifen Früchten signalisiert uns ZUCKER, die Droge des Glücks. Wir sind Glucose-Junkies. Gewarnt werden wir Tierwesen vor Vergammeltem wie Aas oder dem giftigen Pilz durch Bitterstoffe, die schon die Zunge zu vernehmen weiß. Der Magen reagiert instinktiv mit einer Erhöhung der Säureproduktion; er ahnt, dass da Übles auf der Zunge liegt, das er gleich zu verarbeiten hat. Das ist die ganze Wahrheit hinter dem Versprechen der Bekömmlichkeit, Verdauungsförderung. Na und der stramme Allohol, der immer hilft, wenn in Maßen genossen.

Eigentlich ist der Bitter eine Mutprobe. Dazu kommt die Erfahrung, dass wirksame Medizin bitter. Das Bittere kommt von der Nachtseite des Lebens. Und dann haben wir das kulturelle Gedächtnis, dass alle großen Gefühle, alle ganz großen Gefühle bitter, allenfalls bittersüß. Ich könnte noch erwähnen, dass der bittere Trank die Labsal der Illuminaten war, wie mir mein Freund von oben versichert, den ich für einen Freimaurer halte. Wie jener, der da einst über Bautzen sang:
„Du, laß dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen
und brechen ab sogleich.
Du, laß dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern – sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.“