Logbuch
TRAUMGEHÄUSE.
Fragen über Fragen. In einer Sommerfrische Brandenburgs, Nahe der geplanten Hauptstadt Germania, zerfällt eine Villa, die sich 1910 ein reicher Apotheker erbaut hatte, der eigentlich aus Polen stammte und in Berlin eine Marzipanfabrik betrieb. Angeblich waren Apotheker besonders geeignet, da es neben Zucker und Mandeln auch des Rosenwassers bedurfte. Das wundert mich. Wenn das nicht mal Panzerschokolade war, die da gefertigt wurde.
Der aus dem Osten zugewanderte Jude Benno Marcus musste ein freiheitlicher Geist gewesen sein, da eine Hamburger Loge der Freimaurer ihn als Meister verzeichnet. 1939 machte er der brandenburgischen Gemeinde ein Verkaufsangebot über knapp 20.000 Reichsmark für sein „Traumgehäuse“ (Johannes R. Becher), das diese sofort annahm. Das wundert mich. Wenn das nicht mal eine sogenannte Arisierung war.
Wer wohnte dann dort, nachdem man enteignet hatte? Bis heute wird davon geschwärmt, dass ein berühmter Boxer am Ort mit Riesenaufschlag seine Hochzeit gefeiert habe. Ein ganzes Hotel sei mit seinen Gästen belegt gewesen. Wir reden vom Schwergewichtsweltmeister Max Schmeling, der hier eine damals legendäre Filmschauspielerin ehelichte. Auch er hatte eine Villa am Ort günstig erworben. Es würde mich sehr wundern, wenn der Vorbesitzer an das deutsche Idol freiwillig verkauft hätte.
Wer also hat von 1939 bis 1945 in dem Traumhaus des Benno Marcus gewohnt? Das würde mich interessieren. Die Familie soll zwei Söhne gehabt haben, die nach Südafrika ausgewandert sein sollen. Deren Eltern sind abgeholt und in einem deutschen KZ ermordet worden. Über die Untat soll den Konstrukteuren Germanias kein Gras wachsen. Solches hörte ich gern von meinem Vers.
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NORDISCHES GESINDEL.
Die Wikinger sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Über Jahrhunderte haben sie etwas getrieben, das der Historiker „ufernahe Piraterie“ nennt. Wo ihre Boote sie absetzen, ließen sie sich in den Buchten vorübergehend nieder, um nach Verzehr der Lebensmittelvorräte und Beglückung aller Jungfrauen mit geraubten Schätzen weiterzuziehen. So kommt es selbst im Süden Italiens zu blonder Bevölkerung oder Rothaarigen. Der Wikinger brachte es nirgendwo zur Besiedlung, war aber der Begattung stets zugetan.
Jetzt höre ich auf „classic fm“ von ihnen, einem privaten Radiosender aus England mit klassischer Musik und Werbeblöcken. Das britische Publikum wird umworben, seine Ferien in Norwegen zu verbringen. Die Fjorde seien zu erkunden mittels der hurtig verkehrenden Postschiffe. Dabei reklamiert auch eine Wikinger Firma für sich, die Flusskreuzfahrten veranstaltet, den Rhein runter, die Donau rauf. Na gut, wem es denn im Blut liegt, der soll es anbieten dürfen.
Werbung ist immer ein Kulturspiegel. So auch hier. Es wird gutes Essen ausgelobt und versprochen, dass es keine Casinos an Bord gebe. Gediegen also. Dann kommt es: „Over 50‘s only.“ Man grenzt Gebärfähige als Teilnehmer prinzipiell aus. Kern dessen ist: Keine Kinder, keine Enkel. Das soll ein Glücksversprechen sein? Ich finde diese Kinderfreiheit rundheraus ekelhaft. Als ich meine Empörung zu teilen suche, werde ich instruiert, dass das Kinderverbot inzwischen auch bei maritimen Kreuzfahrten und sogar Hotels üblich sei.
Das ist sittenwidrig. Ich gebe zu, dass schlechterzogene Kinder anderer Leute eine Geduldsprobe sein können. Und ich habe eine klare Meinung zu Prinzlingen aus Asien mit schwarzen Kreditkarten. Aber das „over 50‘s only“ geht zu weit. Wer will auf einem Kahn eingesperrt sein, wo nur Joe Bidens sitzen und Wilmersdorfer Witwen auf den Tanztee lauern. Schwimmende Altersheime! Furchtbar.
Zweite Meinung im gleichen Eintrag. Altersheime können durchaus bewohnbar sein. Mein Herr Vater, der fast hundert geworden ist, hat mit fortschreitender Demenz seine Unterbringung als Pension gelobt, wo er gerade Urlaub mache; das Essen sei wirklich gut und das Personal höre auf‘s Wort. Er war zufrieden, jedenfalls wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich dort Kinder, Enkel und Urenkel als Besuch zu verbieten. Die Wikinger sind ein perverses Gesindel.
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KRIEGSFOLGEN.
An der Kurpromenade in Saarow, Brandenburg, verfällt ein Haus. Zur Gründerzeit errichtet war es einst stattliche Sommerfrische für die besseren Kreise Berlins. Dann ging der Erste Weltkrieg ins Land, in dem auch Deutsche jüdischen Ursprungs dienten. Und die Nazi-Zeit zog auf. Die vaterländische Gesinnung sollte sich nicht als Schutz erweisen. 1942 wurden die Bewohner, erzählt ein Stolperstein, in die Vernichtungslager deportiert. Ein Krieg gegen viele Völker, auch das eigene.
Man kann sich denken, wer die arisierten Gebäude, so das Wort der Zeit, dann bis 1945 nutzte. Damit war dann aber unter dem SED-Regime der DDR Schluss. Die befreundete Besatzungsmacht der Sowjets wandelte den Badeort zum Sanatorium, sprich zu ihrem Speergebiet. Selbst Kosmonauten sollen sich hier erholt haben. Die russische Präsenz endete erst 1994. Viele Gebäude wurden, so es Überlebende gab, restituiert. Ich rätsele, warum sich hier für dieses Gemäuer niemand fand. Oder niemand mehr hier etwas aufbauen wollte, was ich verstünde.
Das Dach der Villa ist schon lange eingefallen. Der Regen dringt ein, die Feuchtigkeit verlässt das Gemäuer aber nicht mehr. Das ist der endgültige Verfall. Der gute Architekt führt das Wasser auf kürzestem Weg weg von der Behausung. Nur so hält der Schutz. Wenn das nur mit den Kriegen gelänge.
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HEROIN-KULTUR: AB AN DIE FIXE.
Früher gab es eine Sünde, die zu tadeln, unrühmlich war. Wenn eine Elefantenkuh den Raum betrat, durften die Gazellen keine blöden Bemerkungen machen. Die Dicken verbaten sich das „Body Shaming“, weil die Übergewichtigkeit eine Behinderung sei, an deren Erwerb man keine persönliche Schuld habe. Freilich gab es Milieus, in denen die Fresssucht regelrecht überhand nahm und massenhaft weitere Krankheiten nach sich zog. Ich erwähne die amerikanische XXL-Kultur und die arabische Neigung, keinen Schritt mehr zu Fuß zu gehen. So immer sitzend überschreitet man leicht die magischen Hundert Kilo.
Moral war: Man tadele nicht, wer wirklich krank, also Opfer seiner Natur. Aber selbst für die zehn Prozent tragisch Stoffwechselgestörten hat die Pharma-Industrie jetzt einen Trost. Ich kenne mich im Medizinischen wie Karl Lauterbach nicht so richtig aus, sage deshalb allgemeinverständlich: ABNEHMSPRITZE. Lilly an der Nadel. Man kann durch tägliche Injektion das Hungergefühl so vollständig unterdrücken, dass man rasant abnimmt und bald aussieht wie Ricarda Lang die Zweite. Wer jetzt noch fett wie ein Walross, dem fehlt es am Willen. Weil, er könnte ja fixen. Eine böse Logik, eine sehr böse.
Mein Hausarzt verschreibt sie gern, die Abnehmspritze, sagt er, da frei von Nebenwirkungen. Fortschritt der Medizin. Darf ich darauf hinweisen, dass damit nur eine der sieben Todsünden getilgt ist? Es bleiben noch immer: Neid, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn. Das muss ja nicht sein. Ich fordere von BIG PHARMA eine entsprechende Wirkstofferweiterung. Das kann doch mit den neuen Impfmethoden so schwer nicht sein. Ob ich mir morgens eine Fixe ins Bauchfell hauen muss oder zwei, das ist doch einerlei.
Obwohl, wenn so von allen Lastern befreit, wie kriege ich den Tag um? Vielleicht ist es zu kurz gedacht, das Thema der katholischen Sündenlehre zu überlassen. Als moderner Mensch, da reichte mir doch einen Nachdenkspritze mit dem Wirkstoff VERNUNFT. Oder, wo die knapp, eine gehörige Dosis VERSTAND? Aber damit wären wir dann schon sehr weit entfernt, von dem, was wirkliche Menschen ausmacht. An die hatte Papst Gregor ja gedacht, als er vor Wollust und Völlerei warnte. Wirkliche Menschen wollen Glück. Dicke wie dünne.
Gibt es dafür keine Spritzen? Klar. Die so Beglückten liegen in Frankfurt am Bahnhof hinter einer Mülltonne in ihrer eigenen Kotze. Die Kinder vom Bahnhof Zoo. Janis Joplin. Heroin-Kultur. Ich bin mit Hippies groß geworden, die den Weg an die Nadel gingen; alle im Elend verreckt. Darf ich zart andeuten, dass ich die libertäre Euphorie von Lilly der Fixe nicht uneingeschränkt teile?