Logbuch
Nationalhymnen sind ja aus der Mode.
Ohnehin schwierig in Ländern, in denen man mit den Strophen durcheinander kommen kann. Oder die Ansprüche historisch nicht mehr stimmen. Das in Kleinstaaten zerfallene Inselreich regiert die Wellen der Weltmeere nicht mehr. Nicht mal die Irische See. Höre zufällig anlässlich ehrenden Gedenkens an Sean C. die alte schottische Weise AULD LANG SYNE. Darin wird ein Whisky als „cup of kindness“ gefeiert. Klasse! Früher nannte man solche Schlager (?) Schnulzen (?). Sie lösten was aus in den Menschen einfachen Gemüts. Oder bei den Sentimentalen. MAMOR STEIN UND EISEN bricht, aber unsere Liebe nicht. Drafi Deutscher geht es nicht. Oder für die italienischen Seelen CIAO BELLA CIAO, ein großes Partisanenlied. Für alle Engländer oder gar Briten: WE‘LL MEET AGAIN mit der legendären Lynn. VÖLKER HÖRT DIE SIGNALE schallt es nach Moabit rüber aus dem roten Wedding. Die Stimme von Ernst Busch. Und ein einsamer Dudelsack spielt AMASING GRACE. Wenn jetzt jemand das Arbeitsfrontlied von dem kalten Wind anstimmt, gibt es hier Tote. Mein Ernst.
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Krähen fliehen wirren Flugs der Stadt... Jetzt lässt die Ausgangssperre wieder EINSAMKEIT einziehen in die unzähligen Kleinsthaushalte. Single single. Und die Pflegeheime Orte der leeren Blicke. Eine Gesellschaft, die eigentlich keine mehr ist, zurückgeworfen auf sich selbst. Wer das verlor, was Du verlorst... Nietzsche, oder?
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Der Winter kommt bald, der Herbst ist schon da. Den KAMIN angesteckt. Abgelagertes Buchenholz. Aus der Gegend. So macht man das im Wald. Denn die Wälder bleiben nur Wälder, wenn Forst sie noch bewirtschaftet. In den Echokammern des Netzes schalt es dann; grüne Städterstimmen mit den Parolen eines Wetterkundigen: Feinstaub. Stimmt wohl. Und? Geringe Siedlungsdichte, kalter, heftiger Wind. Ja, auf der Höhe des Waldes keine heilsbewehrten Mühlenmonster, sondern Bäume. Und die jetzt gefällt , geteilt, abgelagert, in handlichen Stücken im Kamin. Landleben. Keine Idylle. Nur eben Landleben.
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WETTKAMPF.
Zweiter Weihnachtstag, Zeit die süßlichen Gefühle der Harmonie wieder beiseite zu schieben und das Leben so zu sehen, wie es ist. Das Leben ist kein Krippenspiel. Ich meine, wie gehen jetzt zügig auf Silvester zu; die guten Vorsätze für das Neue Jahr sind zu formulieren. Wenn das was geben soll, darf man nicht auf IDYLLE setzen, auf HARMONIE und EWIGEN FRIEDEN. Der Engländer nennt solche trügerischen Schwärmereien „pie in the sky“. Man schließe die Weihnachtsbäckerei. Jetzt ist bald wieder das harte Brot des Lebens zu beißen. Wehe, wer dann zahnlos.
Zeit für Philosophisches. Dies ist eine Einladung, grundsätzlich zu werden. Was ist die Grundform wünschenswerten Lebens? Die Alten Griechen haben dafür zwei Begriffe, die wir wiederbeleben wollen. Sie lauten THYMOS & AGON. Beginnen wir mit dem ersten, der Zorn bedeutet und das Gegenteil ist von Eros, der lieblichen Liebelei. Der griechische Held ist nicht sentimental und blöd vor Glück; er ist thymotisch, sprich zunächst einmal zornig. Dieser Zorn auf Ungerechtigkeiten lässt den Knaben zum Mann, das Dirndel zur Frau werden und beide Abenteuer bestehen. So gestaltet Odysseus seine Odyssee. So schreit die Gebärende und bringt das große Glück in die Welt. Das ist das eine, unser Wille zur Selbstbehauptung. Arbeit ist nichts anderes als der Zorn über die Unzulänglichkeit der Natur.
Das andere ist der WETTKAMPF, das faire Kräftemessen. Der Grieche Homer spricht von AGON, dem friedlichen Miteinander in Rivalität und Konkurrenz. Homer lobt das Agonische. So erhalten sich die Herden freier Tiere, in denen die Hirsche balzen, so finden Olympiaden statt und Sängerfeste. Man muss das Agonische von einer einzelnen Fehldeutung der Moderne befreien; nämlich der Vorstellung eines Todeskampfes namens Agonie. Eigentlich und wesentlich ist das Agonische unsere Freude an der Auseinandersetzung, natürlich mit dem ungebrochenen Sportsgeist, dass der bessere gewinnen möge. Im Wettkampf gestalten wir Fortschritt. Man sollte stärker, schöner, schlauer sein wollen.
Ich gebe zu, dass hier ein wenig das Geschichtsverständnis des Bärtigen aus Trier mitschwingt, nach dem jede Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Das ist etwas grobschlächtig gedacht. Aber es zerreißt die Fehlannahme von einer Historie harmonischer Hegemonie irgendwelcher Zeitgeister der trügerischen Idylle. Der Hegemon ist immer nur der vorübergehende Sieger eines Wettkampfes. Im mangelnden Zorn und dem fehlenden Wettbewerb liegt deshalb kein Segen. Seien wir sportlich, bereit zum Wettkampf und der Siegerehrung. Bis zur nächsten Balz. Neues Spiel, neues Glück. Gelobt sei das Agonische.