Logbuch
LARMOYANZ.
Als eine feige Bande erscheinen die Journalisten, die gegen Missstände im eigenen Haus nix sagen wollten, weil sie Angst um den Job hatten. Wie klein. Früher war das das Salz der Erde.
Ist das jener unerbittliche Journalismus der HALTUNG, der seine Opfer ohne jede Gnade entehrt? Zweierlei Maß. Der NDR klärt über sich selbst mittels der Mediensendung ZAPP auf. Habe ich mir leider angesehen, das neueste Praktikantenstück. Wir sehen im Wesentlichen Außenaufnahmen von Gebäuden und zwei, drei Interviews mit marginalen Personen. Eine davon eine Moderatorin, die entlassen wurde und vor dem Arbeitsgericht in zwei Instanzen verloren hat; nennt sich in der PR „verärgerter Mitarbeiter“, eine Quelle minderer Qualität. Die Dame ergeht sich dann auch in anonymes Hörensagen. Sie hat verdeckte Werbung ins Programm gehoben, weil sie Angst um ihren Job hatte; der Markt für „übergewichtige Moderatorinnen“ sei nicht groß. Peinlich. Wehleidig.
Wo sind die Intendanten und Intendantinnen als Arbeitgeber? Warum schützen sie ihre Leute nicht? Macht sich irgendjemand Gedanken darüber, welches Bild von Journalismus hier gezeichnet wird? Ich meine nicht jenen Eindruck durch die aufgefallenen angeblichen Bösewichter (beim NDR alles Peanuts für meine Begriffe oder regelrechte Falschdarstellungen), sondern der Eindruck, den jetzt die Saubermänner von der Profession machen. Diese Selbstaufklärung ist dünn, sehr dünn. Eine Nacherzählung der Gerüchtelage ohne einen Hauch frischer Erkenntnis. ZAPP ist echt schlapp.
Sind das die Kräfte der Selbstheilung? Paaah. Was bleibt ist der Eindruck einer Kaste im Treibsand der Selbstdiskreditierung. Fast hat man als PR-Mann Mitleid. Aber auch das ist nicht nötig. Das Selbstmitleid ist bei den HALTUNGSJOURNALISTEN ohne Rückgrat ja schon groß genug. Einst Scharfrichter, jetzt Jammerlappen.
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UND JETZT ACTION.
Hollywood ist in das bescheidenste Leben eingezogen. Man macht Tick-Tock-Filmchen. Episoden, die in ihrer Banalität nicht zu unterbieten sind. Laienschauspieler all überall.
Dümmer geht es nümmer. Die neue Massenkultur.
Immer schon hat intellektuelle Beobachter fasziniert, was eine MASSE ausmacht, eine große Ansammlung von Menschen, kurz DIE MENGE. Dabei gibt es ein Wahrnehmungsmuster, nach dem der einzelne Mensch gut ist, aber der tobende Plebs eine Bestie. Von Pogromen wird berichtet, brutalen Horden, Hooligans. Vieles dabei feierte im Faschismus Wiedergeburt.
Diese MASSENPSYCHOLOGIE war nie eine Wissenschaft, sondern immer eine Sammlung von historischen Beobachtungen der unteren Stände, die die Angst vor dem Volkszorn geboren hat. Man glaubte, dass der Mensch in der Masse sich dort enthemmt. Daran denke ich, als ich im TV den Trauerzug der Queen im schottischen Edinburgh sehe. Es gibt einen Kameraschenk über die Zuschauermenge und ich traue meinen Augen nicht. Da stehen Tausende mit erhobenem Arm.
Nun ist eine Analogie zum Hitlergruß an diesem Ort völlig absurd, aber man sieht kein Meer von Köpfen, sondern Heerscharen erhobener Arme. Was dort angesichts des königlichen Sarges hochgereckt wird, sind Handys, mit denen der Trauerzug gefilmt wird. Aber nun aber auch von jedem in der Menge. Ein Volk der Handyfilmer. Das hat keine Würde und wirkt wie die Steigerung des Gaffens. Die filmischen Produkte der Sensationslust werden anschließend die Sozialen Medien fluten. Ekelhaft.
Ich erinnere eine ähnliche Beobachtung in Rom im Vatikan. Der Papst erschien an einem Fenster und die Menge riss den Arm hoch. Nun ist man in Italien ja nicht sicher, ob sich da eine Brüderschaft alter Zeiten erinnert. Gestern Abend meine ich sogar den greisen Berlusconi in einer italienischen Wahlwerbung gesehen zu haben. Straffe Gesichtshaut, tote Augen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Bisher hatte ich diesen Zwang, das Leben in Instagram-Episoden zu leben, nur bei chinesischen Prinzlingen erlebt, die im Sternerestautant ihre Gerichte extensiv filmen, bevor sie sie nachlässig herunterschlingen. Jetzt also auch bei John und Jane Brown. Wo demnächst noch? Was noch? Hochzeitsnacht? Kreißsaal? Letzte Worte, und zwar als Filmchen auf YouTube? Das gäbe den Letzten Worten Goethes neuen Sinn. Er soll sich gewünscht haben: „mehr Licht“!
Aber bitte nicht auch noch hier episodische Witzchen. Denn was bleibt, das ist Erkenntnisekel.
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GEBOT VOR GOTT.
Gibt es Prinzipien, die so universell sind, dass sie über jedweder Religion stehen? Das klingt gotteslästerlich, zumindest protestantisch oder vielleicht sogar agnostisch. Gemach.
Sehr interessante Diskussion in einer Vorlesung Kants. Eine unveröffentlichte Handschrift. Es geht um Abraham, der als Entdecker des Monotheismus gilt, also der Annahme, dass es nur einen (!) Gott gibt. Das eint ja dann Judentum, den Islam und die Christenheit.
Abraham streitet mit Gott, als dieser vorhat, SODOM und GENEZARETH auszulöschen, weil die Twin Cities voll sündig leben. Abraham gefällt nicht, dass alle Bewohner der göttlichen Rache zum Opfer fallen sollen. Das sei, jetzt kommt es, nicht GERECHT, wenn man den Lauteren wie den Unlauteren auslöschen wolle. Er belehrt Gottvater.
Das gefällt dem ollen Kant, dass der EINE Gott, sprich Gott der Herr, sich eine Moralpredigt des Erzvaters anhören muss. Offensichtlich hatte sich Abraham einen Chef erwählt, der weisungsgebunden ist. Das Postulat der GERECHTIGKEIT steht über dem göttlichen Willen. Ich spüre beim Lesen geradezu das unbändige Vergnügen des ollen Kant über diesen Gedanken.
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WAS MIT MEDIEN MACHEN.
Ein ausgezeichneter Chefredakteur, dessen Wohlwollen ich genieße, benennt seinen Beruf selbstironisch „was mit Medien machen“. Bittere Ironie. Leider ist Journalismus als Profession gänzlich runtergekommen. Ein Influencer für Damenunterwäsche ist aber kein Publizist. Jedenfalls früher. Heute wähnt sich jeder banal blöde Blogger im Geltungsbereich des Presserechts.
Noch ärgerlicher sind die grandios gescheiterten Schreiberlinge, die statt zum Jobcenter in die PR wechseln. Was mit Medien machen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, schuld sind die Verlage, die sie nicht mehr nähren, weil die Leute kein Papier mehr kaufen. Die Leser sind das eigentliche Problem. Und das Internet ist ein großer Gleichmacher. Ich sage am Schluss, was mich daran sehr grundsätzlich stört. Vorher was zu professionellem Rollenverständnis.
Kein Mensch weiß noch, was ORDNUNGSPOLITIK ist. Kein Mensch will noch wissen, was das ist. Darauf rumzureiten, macht womöglich einsam. Die Welt beschäftigt sich damit, dass es jetzt Fotos von Bill Clinton im Pool mit Ghislaine Maxwell und Gespielinnen gibt, der Tochter des mächtigen englischen Verlegers und Kupplerin von Jeffrey Epstein, dem Spekutanten mit Kinderwunsch. Sex sells.
Ich versuche es trotzdem. Bei ordnungspolitischen Überlegungen versucht man zu trennen, was nicht zusammengehört. Ich beginne mit dem Verführerischsten, Lob. Komplimente sind gefährlich, weil man ihnen so schlecht zu widerstehen weiß. In Berlin freuen sich Journalisten, wenn sie von PR-Leuten eingepreist werden: Man ist stolz darauf, als die Nummer Zwei unter den Hauptstadtjournalisten ausgerufen worden zu sein. Wer verleiht? Ein PR-Unternehmen. Ein alter Freund nennt das „Nuttenorden“, ein Orden mittels dessen die Jungfrau zur publizistischen Prostituierten wird. Ein wenig prämierte Mätresse und ein wenig erhabene Vierte Gewalt, welch eine Mesalliance.
Früher hat sich ein anständiger Journalist nicht mal von einem Verleger loben lassen, heute von Propagandisten, die ihm einen Nasenring durchgezogen haben und nun den so prämierten Esel durch die Manege führen, um zu behaupten, es sei ein Löwe. Und sie der Löwenbändiger. Wir erleben eine allseitige Deregulierung. Das ist der Lehrsatz. Die Ordnung ist im Arsch.
Im Gewerbe der Ghislaine Maxwell wird damit nicht mehr unterschieden zwischen Zuhälter, Freier und Hure; sie alle machen was mit Liebe. Nachwuchs willkommen. Journalisten sind Konsumenten von PR; deshalb glauben sie vom Fach zu sein, wenn sie in die PR wechseln. Da ist was dran: Wer gerne isst, kann auch gut kochen. Gourmand wie Koch machen ja was mit Essen. Ich bitte gelegentlich Gordon Ramsey um einen Kommentar.
Jetzt mal ernst: Wenn es sie in einen Gerichtssaal verschlägt, weil sie jemand wie bei Kafka denunziert hat, so sollten der Staatsanwalt und der Verteidiger unterschiedliche Personen sein, jedenfalls der Richter. Wenn das alles einer macht, weil er was mit Paragrafen macht, dann dürfte das ein anderes Land sein. Gewaltenteilung.