Logbuch
Wie knackt man tierisches Eiweiß? Lese bei Levi-Strauss, dass man das Beutetier kochen, sotten oder rösten kann. Zum Verfaulenlassen ist wegen Botox nicht so zu raten. Wenn also Aas ausscheidet, das Sotten ewig dauert, bliebe nur Tafelspitz oder Steak. Langweilig. Was ist aus dem guten alten Rollbraten geworden? Oder Rostbraten? Oder der Aschebraten, der unvergleichliche? Kalbsnierenbraten! Wie atavistisch ist es, ein Ferkel aufzuspießen oder ein Lamm in den Topf zu stecken? Aber deshalb ein Gemüsedöner? Echt?
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Mir san voll, voll sammer.
Das war früher der Befreiungsschrei des Blattmachers in einer süddeutschen Tageszeitung, wenn es keiner weiteren Themen bedurfte. Gelegentlich ergänzt durch die Aufforderung, in der nahen Gastwirtschaft ein Bier zu nehmen: „Genmer in den Hacker!“ Heutzutage ist das Blatt dünn geworden, erschreckend dünn. Aber nicht weniger ist passiert „in derer Welt“, sondern die Werbung fehlt. Aber man tut weiter so, als gebe es kein neues Paradigma. Auch so eine Paradoxie des Journalismus: die Ökonomie, namentlich die Industrie, tief verachtend, von ihr leben zu müssen. Werbung, separat im Blatt, gerade noch tolerierend, ansonsten jede redaktionelle Handreichung zurückweisend. Das hat ja schon seinen historischen Sinn. Aber ein Stolz, den man sich leisten können muss.
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Aus dem BmF höre ich zur Verteidigung des Ministers, man habe sich nicht mit Shortsellern gemein machen wollen. Das ist klassisch halbschlau, sprich ziemlich dumm. Richtig ist, dass die englische Zeitung von solchen Spekulanten informiert worden war. Wie bei allen Informanten gab es ein drittes Interesse. Aber es gibt keine Börsenteilnehmer erster und zweiter Klasse; die wollen alle nur Kasse machen. Man kann als demokratische Regierung niemals für diesen oder jenen Spekulanten sein, sondern nur für den Wettbewerb überhaupt, so er legal vollzogen wird. Moralin-sauer und naiv bis zur Blödheit, so wird das selten was. Natürlich gibt es an der Börse Verbrecher zuhauf, clevere und saudumme. Und vor Betrug ist man nur schwer geschützt. Aber das Kapital als solches ist nicht blöd; das Geld ist ja auch nicht weg, es gehört nur anderen.
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LOYALITÄT.
Restlos begeisterte Gefolgsleute irritieren mich. Gestern mit einem eigentlich kreuznetten Grünen zusammengesessen, der noch immer nicht weniger vorhat, als die Welt zu retten. Er spricht von seiner Sache als Haltung und misst sich daraus Charakter zu. Er redet ehrfürchtig von dem Joschka und dem Robert. Seine Partei ist eine Menschheitsangelegenheit. Soviel moralisches Gefälle macht mich sprachlos.
In der Philosophie gilt nicht viel, wer zur Lobhudelei neigt; man wähnt sich lieber als kritischer Geist. Das ist bei den Soziologen nicht anders. Der Narzissmus in diesen Fächern besteht darin, dass man sich schlauer als das gemeine Leben weiß; jedenfalls an ihm zweifelt. Vielleicht ist das überhaupt die Grundeinstellung der Wissenschaft, an allem etwas zum Meckern zu haben. Akademiker sind deshalb meist miese Partner und lausige Liebhaber. Isso.
In der Kunst heißt der Betrachter höherer Ambition sogar so; man spricht von dem (!) Kritiker. Ein Beruf ist daraus geworden, der Kritiker, der zu Büchern rät oder Bilder bejubelt und beschimpft; sagt, was im Feuilleton was zu gelten habe. Man erinnert hier das Goethe-Wort, das mit einem regelrechten Fluch beginnt: „Der Tausendsakerment! Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ Mir ist am liebsten noch immer das kurze Gedicht um die erektile Dysfunktion: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen, sagen die Impotenten.“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Darf man die Mächtigen loben? Fanatische Anhänger tun das ja, ihren Führer in den Himmel heben. Oder religiöse Fanatiker, die selbst Terror zum Gottesdienst erklären. Aber ausgeruhte Geister? Kann man sich die als Jünger vorstellen, als Gefolgsleute, Vasallen und Söldner? Die kritische Geschichtsschreibung schüttelt sich vor Ekel zum Wirken der Söldnerheere; ein Gesindel. Nie hätte der Karthager Hannibal in Italien einfallen können, hätte er nicht eine gewaltige Fremdenlegion befehligt. Gehörte zu Recht vernichtet, dieses elende Karthago. Aber worauf will ich hinaus?
Dies ist ein Lob der gespaltenen Loyalität. Lob des Zweifelns. In der Seefahrt sagt man: „Eine Hand für das Schiff, eine für den Matrosen.“