Logbuch

PARTIZIP PRÄSENZ.

Im Gebäude MA der Ruhr-Universität Bochum (RUB), das ich zu durchqueren hatte, um das Gebäude GC zu erreichen, hing auf der Ebene 05 eine Karte mit einem Raumplan, an deren unteren Ende der Karteninhalt mittels einer Bildlegende erklärt wurde. Hier hatte ein Komiker hinter die Angabe LEGENDE das Wort HÜHNER gekritzelt. Nie mehr habe ich danach LEGENDE so lesen können, wie es gemeint war. Seitdem ist der Gebrauch des Partizip Präsenz Bert Brecht und mir vorbehalten. Ich bitte um Beachtung.

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EIN GETRIEBENER.

Dass ein Leben ohne jedes Glück gewesen sei, das soll man nicht glauben. Aber Rastlosigkeit spricht dafür. Keine Heimat gefunden haben, auch nicht in sich selbst. Wanderer wider Willen.

Ich lese von einem gescheiterten Leben. Der Journalist und Literat Joseph Roth haderte mit allem. Er wollte seiner ukrainischen Heimat, dem jüdischen Leben dort, nichts abgewinnen; sein Vater war früh dem Wahnsinn erlegen und bei einem Wunderrabbi versteckt. Und doch spricht er immer wieder von dem Galizien der k-u-k-Zeit. Er geißelt sich als „Ostjuden“.

Roth konvertierte zum Katholizismus und gab in Wien den Kaffeehaus-Dandy, der die Spießer verspottete. Ein „Schmähtandler“ und Gesellschaftskritiker, der den Abgesang auf seine Epoche zelebriert. Ein waches Auge und eine scharfe Zunge vor einem geneigten Kaffeehauspublikum. Unerträglich aber in seiner Eifersucht für seine Geliebte, die er in der Demenz abgibt. Dann, wieder Ortswechsel, im Berlin der Roaring Twenties, Zeitgenosse und Genosse von Brecht, Kisch, Zweig. Auch hier politisch motiviert und persönlich hadernd; ständig pleite, ein Schnorrer. Rastlos reisend.

Schließlich Opfer der Nazis: Man verbrennt seine Bücher und zwingt ihn ins Exil. Was ich vergessen habe? Seinen exzessiven Alkoholkonsum. Roth soff sich um den Verstand. Fassungslos stehe ich vor dem Lebensbild eines ewigen Wanderers wider Willen. Verwehrte Heimat.

So viel Unglück kann man gar nicht haben. Und es muss zudem weniger Schnaps gewesen sein; schließlich hat er die ganze Zeit geschrieben. Mein Verdacht: Man hat mir ein Werk durch eine Biografie verstellt. Ich werde ihn jetzt mal ganz naiv lesen und so tun, als hätte ich von seinem Schicksal vorher noch nie was gehört. Werkimmanente Interpretation. Da muss Hoffnung gewesen sein. Ein wenig Freude am Gelingen. Zumindest beim Wortgebrauch.

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SZENE.

Kultfilme aus der Kulturrevolution. Ich erinnere den Pariser Mai von 1968. Es lag Pubertät in der Luft. Und der naive Luxus der Metropole. Man summte: Paris erwacht. Die Liebenden sind müde. Welch ein Lied.

Meine Faszination mit der Leinwand ging Ende der sechziger oder zu Beginn der siebziger Jahre von den Filmen des Jean Luc Godard aus. Jetzt habe ich mir seine „Kinder von Marx und Coca-Cola“ noch mal angesehen. Ein schräges Stück. Der unerträgliche Schauspieler Jean-Pierre Leaud als der ewige Pinsel. Und die Bardot in einer Nebenrolle als Nutte. Ein erratisches Werk, das sich eigentlich um Sex dreht. Hier wurde für die Ohren eines Pubertanten aus der Provinz sehr metropol über Sex geredet. Ich errötete tief damals.

Zu der Zeit besuchte ich einen Freund, der sich an der Münchner Filmhochschule zum Kameramann ausbilden ließ. München war ein deutsches Paris. Steiles Milieu. Ich wusste nicht, was Koks ist, und war weit stärker davon fasziniert, dass dieser Rainer Werner Fassbinder nie duschte, nie. Und seine Mätressen nicht die Diven der Filme, sondern Jungs aus der Kulisse waren. Vor allem aber begeisterten mich „Zwei Eier im Glas“ zum Münchner Kaffeehausfrühstück; in Münster kannten die das noch letztes Jahr nicht. Vier-ein-halb-Minuten-Eier geschält im Glas. Frisches Baguette. Kalte Butter. So frühstücken Helden.

Leaud trinkt in Godards Film MASCULIN - FEMININ stets Johannisbeersirup. Sag ich doch, ein Pinsel. Und in diesem Gemisch von Ausgehen & Beschlafen ging es nebenbei gegen den Vietnamkrieg. Leauds Freund pinselt die Parole „Frieden für Vietnam“ auf ein amerikanisches Militärfahrzeug. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich das bzgl. des jüngsten Konflikts an einen Lada pinsel, um dann in einer Straßenbar einen Sirup von der Himbeere zu nehmen. Und am Nachbartisch sitzt Brigitte Bardot als Straßenhure. Unter dem Pflaster, sagte man damals, liegt der Strand. Romantik der Metropolen.

Die Faszination des Kinos und der Kaffeehausphilosophie ist verflogen. Heute wirkt ihre Dekadenz eher peinlich. Obwohl, ein Frühstück in Paris? Zwei Eier im Glas? Frisches Baguette?

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RESTERAMPE.

Endlich wieder Weltgeschichte in Berlin geschrieben? Vorsicht. Die Oper ist erst aus, wenn die fette Frau gesungen hat. Man weiß nicht so recht, ob man Zeuge eines Haupt- und Staatsaktes ist oder einer etwas angestrengten Übung beiwohnt, die die wirklichen Helden beide schwänzen. Eine Posse ohne Putin? Die einen sagen so, die anderen so.

Gestern „Foto Opp“ in Berlin mit den Regierungschefs Europas rund um den ukrainischen Präsidenten und mit dem Schwiegersohn des amerikanischen. Immerhinque. Eine „Foto Opp“ ist seit Ronald Reagan die Gelegenheit zu einer Aufnahme. Es darf geknipst werden. Mehr ist nicht. Dazu kleben auf dem Boden Zettelchen, wer wo von der Promi-Meute zu stehen hat, damit das Ganze, wenn schon nicht inhaltsschwanger, so doch wohlgeordnet aussieht.

Preußen ist ja für seine langen Kerls berühmt, also darf der Lange aus dem Sauerland in die Mitte. Wahrscheinlich nicht weit von dem holländischen Pudel Trumps, der die NATO vertritt. Alle nehmen heutzutage die Abnehmspritze. Oder frühstücken durch die Nase. Wer kam aber auf die Idee die großartige Giorgia Meloni ganz links an den Rand zu stellen, so als habe sich eine kleine Kellnerin ins Bild verlaufen? Ja, sie ist zierlich, aber größer sind von der Leyen und der Selenskyj auch nicht. Und der Golf-Buddy von dem Schwiegervater des Immo-Tycoons ist auch ein Kurzer. Man hätte die Shorties in die Mitte stellen sollen und die Schlacksigen an die Ränder. Das kann doch so schwer nicht sein. Wer führt da die Regie?

So reden die einen. Die anderen sagen, das war ein bedeutendes Ereignis der Friedensdiplomatie, dessen Signal der Vernunft fernzubleiben, dem Moskauer Zaren nicht gut zu Gesicht steht. Da ist was dran. Aber der überragt die Meloni auch nur mit Mühe und hätte dann zu ihr in die Mitte gemusst, wo schon Ursula und Wolodymyr stehen. Also einfach ist das nicht mit der „Foto Opp“, wenn alles, was es zu sagen gibt, zu knipsen sein muss. Sieht sonst aus, wie Trumps Resterampe.