Logbuch
KITSCH.
Was ist Kunst? Und was ist Kitsch? Andersherum gefragt: Warum ist Kitsch erfolgreicher als Kunst? Weil Kunst Ansprüche stellt, Kitsch dagegen nichts verlangt, aber immer liefert.
Gestern Abend habe ich fasziniert eine TV-Show mit dem holländischen Orchestermusiker Andre Rieu angesehen. Die Verkitschung der Philharmonie zu einer Fernseh-Show, die mit Operette noch zu positiv beschrieben wäre. Der toupierte Dirigent gibt den Teufelsgeiger. Ich hätte geschworen, dass dieser Kees Kippennöker aus Maastricht keinen französischen Namen hat, aber falsch; der heißt wirklich so, der aufgewienerte Stehgeiger. Interessant die kleinen Portraitschnitte ins Publikum. Man sieht die niederländischen Calvinisten in südeuropäischer Verzückung, fast in Ekstase. Kitsch liefert.
Dann noch ein langes Interview mit Boris Becker, jener tragischen Figur, die mit 17 Jahren wohl gut Tennisspielen konnte und jetzt ein ganzes Menschenleben unter der darauffolgenden Überschätzung leidet. Ich fand den nicht so doof, wie ich gefürchtet hatte. Aber natürlich auch Kitsch. Eine Biographie als Seifenoper. Fast empfindet man Mitleid mit dem in die Jahre gekommenen Bobbele. Er soll für den Auftritt eine halbe Million Honorar gekriegt haben. Respekt. Kitsch liefert.
Schließlich mein Wort zur documenta in Kassel. Bisher habe ich zu dem Thema ja vorsätzlich geschwiegen. Die Invektiven um Antisemitismus berühre ich erst gar nicht, weil mir das Thema zu ernst ist für die Possen, die darum gespielt wurden. Aber doch eine Entschlüsselung des Geheimnisses der documenta: Es ist der unverhohlene Anspruch auf Kunst, den hier vulgärer Kitsch stellt, der diese Ausstellung so berühmt gemacht hat. Na gut, es ist Kunst. Aber diese Kunst liefert nicht.
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FLOHMARKT.
Der Flohmarkt heißt eigentlich so, weil vor ihm gewarnt werden soll. Im Gegensatz zum Flohzirkus, wo Flöhe die Artisten stellen, die das Publikum begeistern sollen. Flohzirkus auch in der Gesundheitspolitik.
Die Angst vor den Flöhen kommt aus einer Zeit, als diese ekelhaften Parasiten mangelnder Hygiene geschuldet waren und nicht nur Juckreiz verbreiteten, sondern Krankheiten übertrugen, bis hin zur Pest. Wenn sich Flöhe mit irgendetwas nicht vertragen, dann mit einer ärztlichen Fürsorge. Dazu später.
Flohmärkte sind eine großstädtische Erscheinung, in der nicht nur Prachtstraßen die Betuchten locken, sondern auch arme Leute Trödel anbieten, um ihnen einen kargen Erlös zu bieten. Ein Produkt metropolen Prekariats, das inzwischen im grünen Milieu wiederkommt. Und wer dort einen betagten Pelz günstig erwirbt, dem sind dann, so die historische Erfahrung, auch dessen parasitäre Bewohner gewiss. Trotzdem erfreuen sich diese Märkte eines nostalgischen Interesses. Man hofft unter all dem Müll eine versteckte Kostbarkeit zu entdecken. Oder folgt dem Motto: Wiederverwenden statt wegwerfen.
Ich selbst besuche, wann immer ich samstags in Zürich bin, den Flohmarkt am Baur au Lac, um bei einem schweizerdeutschen Türken historische Eispickel zu erwerben. Ich sammle die, die Götter und Leo Trotzki wissen warum. Der Trödelmarkt ist ein kleines Abenteuer für übersättigte Konsumenten. Ich sehe in Berlin auch einige arme Leute, vor allem aber Touris. Ähnliche Phänomene sind die Bauernmärkte und solcher kleiner lokaler Händler. Die mangelnde Hygiene wird durch romantische Nostalgie kompensiert. Schmutzig gilt in diesem Milieu als gesund.
Hier will der Präsident der Bundesärztekammer die gestörte Pharmaversorgung kompensiert wissen, etwa bei Hustensaft für Kinder, der ruhig schon mal abgelaufen sein darf. Was die deutsche Hausapotheke nämlich auszeichnet, ist ihr Alter. Es gilt die gleiche Regel wie beim Gewürzregal in der Küche. Hier sammelt sich Abgelaufenes, sprich vermiedener Müll. Niemals nehme ich, wenn ich schon mal woanders koche, Gewürze aus dem Regal.
Nie kaufe ich von ukrainischen Händlern polnische Pelze russischer Nerze. Niemals würde ich einem Kind Reste eines versüfften Codeinsaftes vom Flohmarkt verabreichen. Das mögen dann die tun, die sich bei Demeter unbehandelte Möhren holen und in der Apotheke Globuli. Oder ist homöopathische „Medizin“ auch schon knapp? Woher kommt eigentlich der Drang dieser Nation, sich wieder auf die Praktiken eines Schwellenlandes zurückzubesinnen? Oder dem Mittelalter Charme abzugewinnen? Ich bitte doch auch nicht den Barbier, mich zur Ader zu lassen.
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WELTMEISTER.
Wer NATIONEN will, will Kriege. Nicht im Prinzip, weil der Weltfrieden ja eingehalten werden könnte, aber in der Wirklichkeit. Und Sport ist Krieg mit friedlichen Mitteln.
Argentinien ist jetzt wieder Weltmeister; ich war gestern am Bildschirm Zeuge des Spiels, obwohl ich mich nicht für Fußball interessiere. Mit so euphorisch vorgetragenen Urteilen, wie dem, dass Messi eine Wiedergeburt Madonnas sei, fange ich nichts an. Wer zum Teufel ist Messi? Und wieso Madonna? Unsere Liebe Frau?
Aber ich lerne, dass der ominöse Veranstalter namens FIFA prinzipiell keine englischen Schiedsrichter bei Spielen mit Argentinien einsetze. Und keine argentinischen gegen England. Begründet wird das mit dem Falklandkrieg. Ich staune. Es geht also doch um NATIONALISMUS. Der Falklandkrieg, ich erinnere mich nur vage, fand vor über 40 Jahren statt. Der letzte Krieg des britischen KOLONIALISMUS. Lady Thatcher als WAR LADY. Angeblich ging es um das Selbstbestimmungsrecht von englischen Siedlern auf den winzigen Inseln vor Argentinien. Eine Handvoll Schafszüchter. Und eine reaktionäre Militärjunta in Argentinien, die auch Nachbarländer wie Chile bedrohte.
Dahinter seit dem 17. Jahrhundert völlig skrupellose Freibeuterei und koloniale Kriege in allen Facetten. Der Kampf der europäischen Eroberer um die Welt. Holländer, Engländer, Spanier und Portugiesen… Die hässliche Seite der Moderne. Hinter den Kriegen der Nationen stand die Konkurrenz der Geschäfte, die sich aus der Ausplünderung anderer Länder ergab und der Bewirtschaftung sogenannter Sklaven. Irgendwie fehlt mir der ideelle Zugang zum Konzept der Nation.
Wäre meine Begeisterung vielleicht größer, wenn beim Fußball meine Mannschaft (jene, die Referenz auf meinen Pass reklamiert) gegen die eines ehemaligen Kriegsgegners (meiner Urväter) gewönne? Da kämen ja eine ganze Menge in Frage, da sich meine Großväter zu Weltkriegen haben animieren lassen. Ich bin im Zweifel. Ich kriege dieses Virus des WELTENBÜRGERS nicht aus dem Leib.
Übrigens ist der WELTENBÜRGER mehr als der „Weltbürger“. Schon bei den Nationen nicht zu einem Singular in der Lage, schaffe ich selbst bei der „Welt“ nur einen Plural. Das taugt nicht zu Wettkämpfen darum, wer Weltmeister ist. Vagabund!
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RESTERAMPE.
Endlich wieder Weltgeschichte in Berlin geschrieben? Vorsicht. Die Oper ist erst aus, wenn die fette Frau gesungen hat. Man weiß nicht so recht, ob man Zeuge eines Haupt- und Staatsaktes ist oder einer etwas angestrengten Übung beiwohnt, die die wirklichen Helden beide schwänzen. Eine Posse ohne Putin? Die einen sagen so, die anderen so.
Gestern „Foto Opp“ in Berlin mit den Regierungschefs Europas rund um den ukrainischen Präsidenten und mit dem Schwiegersohn des amerikanischen. Immerhinque. Eine „Foto Opp“ ist seit Ronald Reagan die Gelegenheit zu einer Aufnahme. Es darf geknipst werden. Mehr ist nicht. Dazu kleben auf dem Boden Zettelchen, wer wo von der Promi-Meute zu stehen hat, damit das Ganze, wenn schon nicht inhaltsschwanger, so doch wohlgeordnet aussieht.
Preußen ist ja für seine langen Kerls berühmt, also darf der Lange aus dem Sauerland in die Mitte. Wahrscheinlich nicht weit von dem holländischen Pudel Trumps, der die NATO vertritt. Alle nehmen heutzutage die Abnehmspritze. Oder frühstücken durch die Nase. Wer kam aber auf die Idee die großartige Giorgia Meloni ganz links an den Rand zu stellen, so als habe sich eine kleine Kellnerin ins Bild verlaufen? Ja, sie ist zierlich, aber größer sind von der Leyen und der Selenskyj auch nicht. Und der Golf-Buddy von dem Schwiegervater des Immo-Tycoons ist auch ein Kurzer. Man hätte die Shorties in die Mitte stellen sollen und die Schlacksigen an die Ränder. Das kann doch so schwer nicht sein. Wer führt da die Regie?
So reden die einen. Die anderen sagen, das war ein bedeutendes Ereignis der Friedensdiplomatie, dessen Signal der Vernunft fernzubleiben, dem Moskauer Zaren nicht gut zu Gesicht steht. Da ist was dran. Aber der überragt die Meloni auch nur mit Mühe und hätte dann zu ihr in die Mitte gemusst, wo schon Ursula und Wolodymyr stehen. Also einfach ist das nicht mit der „Foto Opp“, wenn alles, was es zu sagen gibt, zu knipsen sein muss. Sieht sonst aus, wie Trumps Resterampe.