Logbuch

ZUTZELN.

Der Münchner verzehrt zum zweiten Frühstück eine „boudin blanc“; die kulturelle Klippe besteht darin, dass der Schafsdarm, in dem sich das fein gekutterte Kalbfleisch der Brühwurst befindet, nicht mitgegessen wird, sondern auf dem Teller in einer Lache braunen Senfs verbleibt. Gelegentlich auch Brocken braunen Gepäcks.

Die Optik ist von einer bindenden Assoziationskraft. Bevor wir dazukommen, zunächst die Verzehranweisung in korrektem Comment: die Weißwurst wird gezutzelt. Nach dem Eintauchen in den süßen Senf saugen Mund und Zähne den warmen Inhalt aus dem Darm, eine fast infantile Motorik anwendend. Nuckeln. Es wird dazu stets eine Laugenbrezel als Sättigungsbeilage gereicht und ein Weißbier.

An meinem Nachbartisch eine junge Dame der Kategorie Chefsekretärin und ich höre ihre fatale Entscheidung, von der Tageskarte die Weißwürstel zu nehmen. Jetzt muss man sich nur ein wenig in Geduld üben und ganz unschuldig einen anderen Weg schauen. Es kommt der Moment, wo sie die ausgezutzelte Hülle aus den bekleckerten Händen auf den Teller legt und leicht errötet. Vorsichtig hebt sie die Lider, ob sie wohl beobachtet worden ist.

Jetzt ist der Moment, sie mit dem offenherzigsten Interesse der Welt anzugaffen und unverschämt zu lachen. Entweder lacht sie auch und es wird ein runder Abend. Oder sie wird Dich hassen bis ans Ende aller Tage. Meist legt sie dann tarnend die Serviette auf das gebrauchte Condom in ihrem Essen. Hass! Todeswünsche.

Die Weißwurst ist im Übrigen keine bayerische Originalität. Sie soll angeblich aus dem Münchner Freimaurerlokal „Zum ewgen Licht“ stammen. Unsinn. Sie kommt aus Oberschlesien, heute Polen, und wurde dort mit Fischtunke oder Lebkuchensauce genommen. Oder, bei Festmahlen mit beidem. Alter Schwede, es wird nicht besser.

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BARBAREN NAMENS Y ODER Z.

Ich habe nichts dagegen, wenn der Freund Asiens mit Stäbchen isst. Ich akzeptiere, dass Hamburger von den Amis barhändig verzehrt werden. Ich nehme hin, dass der Franzose nach dem Messerbänkchen schaut. Aber Spaghetti, dazu bedarf es einer Gabel und nur einer Gabel.

Einer Empfehlung des Fernsehens folgend besuchen wir ein italienisches Restaurant in Frankfurt-Bockenheim, das die Gebrüder Cimino betreiben. Am Nachbartisch zwei Vertreter der Generation Y oder Z. Schlecht gekleidete Kulturbanausen. Das Exemplar mit der Strickmütze bestellt Spadschetti mit scharfe Sauce. In der Karte ist von „cacio e pepe“ die Rede. Wir wollen sie aber ohne Käse.

Der Herr, die Mütze ist inzwischen ab, eine rasierte Glatze zeigt sich, nimmt, da er vor sich nur Löffel und Gabel vorfindet, von seinem Gegenüber das Messer in die linke Hand und die Gabel in die rechte, mit der er nun die Nudeln anwickelt, um den Wickel alsbald mit dem Messer abzuschneiden und die knappe Portion im doppelten Zugriff beider Instrumente zum Mund zu führen. Man lernt, dass die Herrschaften eine Bank beraten. Dazu trinkt er ein alkoholfreies Weizen.

Wir sind alle verloren.

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MURPHY‘S LAW.

Was schief gehen kann, wird schief gehen. So lautet das Gesetz des Herrn Murphy. Fast jedenfalls. Die Tempusfrage ist wichtig. An ihr hängt die ganze Wahrheit. FUTUR. Der Satz meint nämlich: Was schief gehen kann, wird dann irgendwann auch schief gehen. Eine Frage der Zeit.

Vor Helgoland sind zwei Frachter zusammengestoßen, einer ist gesunken und hat Seeleute begraben. Friede ihrer Seele. Sie kamen aus unterschiedlichen Häfen und wollten in verschiedene Länder, aber in dieser Nacht auf dem „big blue“, da hat der Zufall sie kollidieren lassen. Man hört Fachleute von dicht befahrenen Seefahrtstraßen in der Deutschen Bucht faseln; ich glaube eher an einen Unfall mittels GPS, dank zu genauer Navigation.

Bei Flugzeugen gibt es eine eigene Elektronik, die andere Flieger auf Kollisionskurs entdeckt und automatisch den Kurs korrigiert. Da das beide Automaten tun, sollte mit einer Entscheidung eingegriffen werden. Ich erinnere einen Fall der Schweizer Flugaufsicht, wo das dann in die Katastrophe führte. Beide Flieger unterdrückten die Korrektur oder führten sie beide aus, jedenfalls: es knallte.

Das Thema wird auch bei PKWs virulent, die bald fast vollautomatisch fahren; das große Versprechen des vorlauten Elon Musk, auch die Tesla-Lüge genannt. Schon der Begriff des „autonomen Fahrens“ ist eine Unverschämtheit, denn AUTONOM heißt eigengesetzlich, ein Euphemismus für einen überforderten Apparat von beschränkten Assistenzsystemen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wenn etwas schief gehen kann, wird es irgendwann passieren. Deshalb sind kluge Systeme immer primitiv und „fail-safe“, meint: wenn im Arsch, dann ohne, dass es Kopf und Kragen kostet. Ich warne vor der Komplexitätsfalle. Ein stockbesoffener Capt‘n Blaubär ist sicherer als ein exzellentes GPS, jedenfalls in Feindeshand.

Möge das Schicksal mit den schlichten Gemütern sein, dem einfachen Handwerk und den alten Hausregeln, also dem Guten. Die Bösen haben eh KI und ChatGPT.

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RESTERAMPE.

Endlich wieder Weltgeschichte in Berlin geschrieben? Vorsicht. Die Oper ist erst aus, wenn die fette Frau gesungen hat. Man weiß nicht so recht, ob man Zeuge eines Haupt- und Staatsaktes ist oder einer etwas angestrengten Übung beiwohnt, die die wirklichen Helden beide schwänzen. Eine Posse ohne Putin? Die einen sagen so, die anderen so.

Gestern „Foto Opp“ in Berlin mit den Regierungschefs Europas rund um den ukrainischen Präsidenten und mit dem Schwiegersohn des amerikanischen. Immerhinque. Eine „Foto Opp“ ist seit Ronald Reagan die Gelegenheit zu einer Aufnahme. Es darf geknipst werden. Mehr ist nicht. Dazu kleben auf dem Boden Zettelchen, wer wo von der Promi-Meute zu stehen hat, damit das Ganze, wenn schon nicht inhaltsschwanger, so doch wohlgeordnet aussieht.

Preußen ist ja für seine langen Kerls berühmt, also darf der Lange aus dem Sauerland in die Mitte. Wahrscheinlich nicht weit von dem holländischen Pudel Trumps, der die NATO vertritt. Alle nehmen heutzutage die Abnehmspritze. Oder frühstücken durch die Nase. Wer kam aber auf die Idee die großartige Giorgia Meloni ganz links an den Rand zu stellen, so als habe sich eine kleine Kellnerin ins Bild verlaufen? Ja, sie ist zierlich, aber größer sind von der Leyen und der Selenskyj auch nicht. Und der Golf-Buddy von dem Schwiegervater des Immo-Tycoons ist auch ein Kurzer. Man hätte die Shorties in die Mitte stellen sollen und die Schlacksigen an die Ränder. Das kann doch so schwer nicht sein. Wer führt da die Regie?

So reden die einen. Die anderen sagen, das war ein bedeutendes Ereignis der Friedensdiplomatie, dessen Signal der Vernunft fernzubleiben, dem Moskauer Zaren nicht gut zu Gesicht steht. Da ist was dran. Aber der überragt die Meloni auch nur mit Mühe und hätte dann zu ihr in die Mitte gemusst, wo schon Ursula und Wolodymyr stehen. Also einfach ist das nicht mit der „Foto Opp“, wenn alles, was es zu sagen gibt, zu knipsen sein muss. Sieht sonst aus, wie Trumps Resterampe.