Logbuch

VOLKSNÄHE.

Politiker sollen nah bei den Menschen sein. Das kann aber böse enden. Siehe Sultan Selim I, genannt der GRAUSAME.

Das erste moderne Weltreich war nicht christlicher Natur. Es war das Ottomanische unter Sultan Selim, dem STRENGEN. Er errichtet es zu Beginn des 16. Jahrhunderts, um es von seinem Sohn Süleman I, dem PRÄCHTIGEN vollenden zu lassen. Unter entschieden sunnitischer Herrschaft waren dies kosmopolitische Gesellschaften mit großer Bildung und höchstem Stand der Technik. Unter Selim erstmals auch mit einem Militär, das das Schießpulver zu nutzen wusste und eine flexible Marine hatte. Danach das Rückgrat ALLER WELTREICHE. Die Ottomanen, sagt ein einsinniger Yale-Professor, sind die wahren Väter des US-Imperiums. „Gunpowder Empire!“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wenn Selim, der Herrscher über alle Heiligen Stätten, mal in der Hauptstadt Istanbul war, verkleidete er sich, um im Schutze der Dunkelheit in den Basar abzutauchen und unentdeckt mit seinen ahnungslosen Untertanen dem Glücksspiel zu frönen. VOLKSNAH. Nach sunnitischem Verständnis aber eine Sünde. Am nächsten Tag ließ er seine nächtlichen Partner hängen.

Ohnehin waren die Zeiten nicht zimperlich. Selim soll seine Brüder und Neffen, einem Brauch folgend, schon bei Thronbesteigung getötet haben. Lese ich bei dem Yale-Professor Alan Mikhail. Ein notorisch einsinniger Historiker, der Selim, den GRIMMIGEN gleichwohl für den „Schatten Gottes“ hält. Mag sein. Karl, der GROSSE, Gründer des karolingischen Weltreichs, sprich von Europa, ist jedenfalls nicht das Maß aller Dinge (obwohl direkter Vorfahre von Armin Laschet). Aber eine Frage habe ich dann doch noch.

Hat Selim seine Mitspieler nur hängen lassen, wenn er beim Glücksspiel verloren hat? Oder auch, wenn er des Morgens mit gefülltem Säckel wieder in den Palast schlich? Dazu lese ich nix bei dem Yale-Professor. Das wär doch interessant zu wissen.

Ich weiß, dass Armin Laschet jede Woche Lotto spielt. Er fährt regelmäßig freitags mit seinem dicken Dienstwagen in Aachen an einer Lottobude vor und gibt den Schein ab. Darauf von einem Journalisten angesprochen, sagt er, das habe schon sein Vater, der Kumpel aus dem Aachener Revier, so gemacht. Aber ein Weltenlenker, der sein Schicksal an die Hoffnung nach SECHS RICHTIGEN hängt? Kinder.

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CHARAKTER IN DER POLITIK.

Keine GELASSENHEIT. Ein Bundestagsbewerber am Ort findet seine Wahlplakate vandalisiert. Und verliert die Nerven. Deutsche Humorlosigkeit.

Unholde haben mit schwarzer Sprühfarbe das Antlitz des Kandidaten verunstaltet. Mal einen Zahn schwarz gemacht. Mal eine Augenklappe. Die verunzierten Fotos werden von dem Bewerber dokumentiert und auf Facebook verbreitet. Er zürnt. Kraftausdrücke fallen. Mit der Justiz wird gedroht; die Strafanzeige sei schon gestellt. Und es wird nach Zeugen der Tat gefragt. Volkszorn also erbeten. Eine schäbige Reaktion, leider nicht frei von Pissigkeit, Pöbeln und Panik.

Es folgen zu allem Übel noch Insinuationen: man wisse schon, wer das war. Nein, nicht der Mitbewerber der anderen Partei. Andere… Geschwurbel. Die Übeltäter sind damit, welch ein Hohn, am Ziel, denke ich. Wohlgemerkt: Strafwürdigkeiten waren nicht zu sehen, etwa böse Symbole, nur die Tatsache selbst ist wohl nicht in Ordnung. Der Kandidat erwähnt noch, dass er seinen Wahlkampf weitgehend aus der privaten Kasse zahle; was man glauben kann, aber nicht muss.

Wie geht man um mit solchen Schmierereien? DEVIANZ als öffentliches Problem. Die Frage stellt sich ja bei allen Graffitis. Man wird die Nerven behalten wollen. Charakter zeigen. Sich um Gelassenheit bemühen. Denn dies ist der Preis jener ERREGUNG, die man ja will, eben nur ziviler; jedenfalls nicht gegen sich. Das ist so DEUTSCH: nach ORDNUNG rufen, aber UNTERTANEN wollen. Diese Humorlosigkeit gehört zur Grundausrüstung des „hässlichen Deutschen“, fürchte ich. Auch Frauen sind davor nicht gefeiht. Also rufe man den Kandidatinnen und Kandidaten zu: „Contenance!“ Das ist französisch, im Deutschen gibt es dafür kein Wort.

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HORSE RACE.

Man stelle sich vor, dem Himmel würde langweilig mit dem Lauf der Dinge. Die Götter gähnen. Selbst bei einer so wichtigen Sache wie der Bundestagswahl, da kämen die Unsterblichen ob der lauen Peinlichkeiten ins Trübsinnige. Was würde er machen, der Himmel? Als Himmel wäre er ja allmächtig und der liebe Gott könnte sich was einfallen lassen. Sogar etwas ganz Außergewöhnliches. Er könnte zum Beispiel an ein aufregendes Galopprennen denken und die steinreichen Vollblutzüchter wie die halbseidenen Buchmacher fragen; so die nicht alle schon in der Hölle sind. Stichwort: „Hau mal richtig drauf!“ Wenn Petrus einen eigenen Galopper und Buchmacher hätte, was dann? Nun, der Himmel würde anordnen, dass ab sofort im WAHLKAMPF ein Kopf-an-Kopf-Rennen stattzufinden habe. Die Medien wären alarmiert und würden das aufgeregt verbreiten.

Man nennt das unter SPIN DOKTOREN, auch eine Art Buchmacher, die Idee vom Pferderennen, englisch: HORSE RACE. Nix los in Davos: Alle Kandidaten wollen im Schlafwagen an die Macht? Langweiler auf Valium? So geht das nicht! „Do the trick!“ Plötzlich kommt Spannung auf. Der sicher geglaubte Sieg wankt. Der vermeintliche Verlierer legt zu. Rababer Palaver, Simm Sala Bimm. Ein spannendes Rennen findet statt. Wie in der „Vollblutzucht“, deren neuer Präsident der grüne Spitzenpolitiker Michael Vesper ist, der zehn Jahre für die GRÜNEN in der NRW-Landesregierung war. Als Sportlobbyist jetzt Freund der Vollblutzucht und Galopp-Präsident. Tja, die Grünen, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Himmel wüsste natürlich, dass das plötzliche Galopprennen der zuvor lahmen Gäule nur Wolkenschieberei ist. Er würde sich darüber amüsieren, dass die Erdenkinder so naiv sind, dass sie auf diesen Quatsch reinfallen. Die Wahlforscher haben in der PROGNOSE immer eine Toleranz von 2 bis 3 Prozentpunkten, macht ein Delta zwischen zwei Parteien von 5 bis 6. Plus 2 bis 3 Prozentpunkte Trend ergibt das eine Varianz von fast 10 Prozentpunkten. Damit lässt sich arbeiten. Genau diese Inszenierung läuft gerade in den Wahlnachrichten ab.

Die Götter wetten aber nicht, schon gar nicht beim Galopp. Sie wissen ohnehin, wie die Rennen ausgehen. Ja, heißt das, dass der Himmel wüsste, wer KANZLER:IN wird? Ja, sicher. Gottvater müsste nur Petrus fragen. Tut er aber nicht. Es ist ihm schlicht egal.

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MUTTERLÄNDISCHES.

Debatte um Nationales, weil in unterschiedlichen Verkleidungen wieder die Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ auftaucht, sprich das völkische Konzept einer abstammungsidentischen Monokultur. Hühnerzucht. Historisch immer verbunden mit einer Exilierungspraxis, der Zwangsneurose der „Säuberung“. Vaterländische Idiotie. Das ist vor allem bitter, wenn man es von den eigenen Urgroßeltern ab besser wissen könnte.

Das Vaterland war für meine Familie eine politische Floskel der Kaisertreuen. Hurra und Säbelrasseln. Innerhalb der Familie hatten ohnehin die Frauen das Sagen. Mutterland. Mein Urgroßvater wanderte aus Ostpreußen zu, weil er „Pferdeverstand“ hatte und mit Grubenpferden konnte. Er sprach, obwohl aus dem heutigen Russland, Deutsch und war evangelisch gestimmt. Zeitgleich arbeitete Italiener im Ruhrbergbau, katholisch wie die Nacht und von cäsarischer Statur, meint untersetzt. Man kann nicht ausschließen, dass meine Großmutter väterlicherseits fraternisiert hat. Man nimmt Italienisches wahr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ins ehemals bäuerlich geprägte Ruhrgebiet wanderten dann Bergleute aus Polen zu, Katholische, die die Heilige Barbara verehrten. Danach kamen Kumpel aus der Türkei, die ihre muslimische Kultur mitbrachten und pflegten. Vieles assimilierte. Sagt der türkische Steiger: „Franteck, bring mich die zwei beiden Motecks!“ Und der polnische Hauer verstand ihn. Man muss wissen, dass Bergleute Kumpel sind, weil Angehörige einer Gefahrengemeinschaft; das schweißt zusammen, auch wenn unterschiedliche Gebetsbücher. Man hat hier keine Säuberungsneurosen. Die Montanen wissen: „Vor Hacke ist duster!“

So sind wir an der Ruhr alle Migranten unterschiedlicher Heimaten und alle Kumpel; die paar Doofen hierzulande sind die autochthonen Eingeborenen, sprich Bauern; aber wir lassen es sie nicht spüren. Dann kamen Araber aus Nordafrika. Zu den arabischen Clans darunter haben wir eine Meinung. Da stimmt schon deshalb etwas nicht, weil dort die Mütter nicht das Sagen haben. Dass sich auf unsere aufgeklärte Montankultur im Erzgebirge und sonstigem Osten die Faschos setzen, tut in der Seele weh. Ja, leider auch hier hört man Vaterländisches, wo „unsern Mutterland“ ist. Mutterland, das ist ein utopisches Konzept, über das nachzudenken sich politisch lohnte.