Logbuch

SUGAR, HONEY, BABY LOVE.

Wer sich für Politik interessiert, für das Fach, nicht für diese oder jene politische Angelegenheit, der weiß, dass es ein ganz fundamentales Urteil darüber gibt, ob eine Erwägung überhaupt, also dem Wesen nach, politisch (!) gedacht ist. Dabei spielt eine entscheidende Rolle, ob Regierungshandeln den Wählern vermittelbar ist oder nicht. Perzeption ist Politik.

Hier ist nicht elementar, was man für die Natur des Menschen halten muss. Ich zitiere den großen Wolf Biermann:
„Keiner tut gern tun, was er tun darf
Was verboten ist, das macht uns grade scharf!
Witze riss das Volk schon immer
Ohne Demut und Respekt
Witze sind wie selbstgebauter
Starker süßer Apfelwein
Aber in des Zwanges sauren
Apfel mag das Volk nicht beißen!
O Gericht, vergälle nicht
Uns mit schweren Strafen uns're
Große Lust am Witzereißen.“
Die Diktatur der DDR mochte dem nicht folgen. Aber gemach, ich komme zum Punkt.

Warum scheiterte in der Bevölkerung der grüne Plan namens Heizungsgesetz? Das lag nicht an der Wärmepumpe, die eine technisch sinnvolle Sache sein kann. Die Energiewende patzte, weil sie als Diktat daherkam. Die Gesinnungspolitik erlag dem Eindruck, dass sie an Oma sein klein Häuschen wollte. Das war fatal. Schon der Schieberei überführt („Trauzeuge“) wurde grüne Politik übergriffig; Saures statt Süßigkeiten. Das ging nicht gut.

Unpolitisch handelt, wer die symbolische Wirkung seines Handelns auf die so Regierten ignoriert. Man verteidige sich nicht mit der Sachlogik. Was Sache ist, das entscheidet bei Wahlfreiheit der Wähler für sich selbst; und zwar nach dem Eindruck, den die Angelegenheit auf ihn macht. Hier mein Königsargument: Veggie Day. Kantinen sollten an einem Tag in der Woche ausschließlich vegetarische Gerichte anbieten. Die Gemüsebeglückung wurde als staatlicher Zwang verstanden und scheiterte grandios. Gern hätte ich als Bürger auch mal gutes Gemüse, aber das Gefühl, die Wurst vom Brot genommen zu kriegen, treibt mich auf die Barrikaden.

Auch eine Gesundheitsdiktatur ist eine Diktatur. Deshalb werden die Steuererhöhungen bei Alkohol und Tabak durchgehen und die Zuckersteuer zum Desaster. Sich mit Süßem zu belohnen, das gehört zur Natur des Menschen. Man wird keine erfolgreiche Politik gegen anthropologische Dispositionen machen; wetten? Ja, aber man wolle doch nur die Rezeptur von Cola geändert wissen, sagt man mir. Dann war es besonders dämlich, den Zucker insgesamt zur Droge zu erklären. Es gibt Cola Light und Cola Zero. Was fehlte, war nicht anderer Sirup. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Meine Ernährung mit Strafsteuern zu einer Sache des Finanzamtes zu machen, ist ein Tritt mit dem Stalinstiefel ins Gesicht. Veggie Day, die Zweite.

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DER HERR K.

Wir kennen von Franz Kafka und aus den Kalendergeschichten des Bertolt Brecht, den Herrn K., dessen Nachnamen stets nur abgekürzt auftaucht, vielleicht noch als volle Initialen, dann heißt er KK. Er repräsentiert eine Klasse origineller Denker. Heute vorzustellen Konstantin Kisin, ein Herr K. aus England, der es inzwischen auf eine Fangemeinde von zwei Millionen Abonnenten bringt. Alle Achtung, KK.

Kisin ist, was er oft betont, ein russischer Jude, dessen Eltern nach England emigrierten, und er hat die Konversationskultur der britischen Oberklasse aufgesogen wie ein Schwamm. Nicht nur, dass er lautrein Queen‘s English spricht, er hat den Habitus des in Oxbridge standardisierten Intellektuellen perfektioniert. Anmerkung: Dabei akademisch weder in Oxford noch Cambridge abgeschlossen, sondern „nur“ Edinburgh besucht; eine fabelhafte Aneignung scharfen Denkens in fremder Zunge. Nun pendelt er zwischen den Rollen des Kommentators und Kabarettisten wie andere KK auch; freilich mit einem Millionen Publikum.

Dieser Herr K. Ist nicht „woke“: diese milde bis heftige Geisteskrankheit amerikanischer Linker ist ihm geradezu Feindbild, an dem er sich polemisiert abarbeitet. So behauptet er, dass es natürlich (sic) nur zwei Geschlechter gebe. Oder dass die westliche Kultur allen anderen überlegen sei und deshalb wünschenswerter Weise dominant. Oder dass die Engländer dem internationalen Sklavenhandel beendet, wofür die Welt ihnen zu danken habe.

KK ist ein „genialer Vereinfacher“, um ein Wort zu gebrauchen, das mein alter Deutschlehrer auf der Kettwiger Penne einst über mich geprägt hat. Er hat Recht und Unrecht zugleich und er weiß es, freilich ohne genau dies einzuräumen. Solche Leute sind die Erzfeinde der fanatischen Ideologen, die sich meinungsstark und faktenschwach durch‘s Leben schlagen. Der englische Herr K. amüsiert nur jene Geister, die Ambiguität aushalten, ja, die Paradoxie lieben. Dazu bedarf es der Bildung.

Zugleich ist ihm der abgrundtiefe Hass der Dummen gewiss. Daran erkennt man ja Dummheit, an der faktenfreien Selbstgewissheit. Natürlich hat das britische Parlament als erstes ein Gesetz gegen Menschenhandel beschlossen, nachdem Sklaverei über Jahrhunderte in allen Kontinenten blühte. Es stimmt aber auch, dass den Gentlemen diese feine Regung kam, als der Menschenhandel sich für Liverpool nicht mehr lohnt. Man trat für Menschenrechte ein und verzichtete auf ein nicht mehr lukratives Geschäft. Beides.

Oh, sagte Herr K. und erbleichte.

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SIEBEN VOR THEBEN.

Fundsache aus einem Hinterzimmer einer Dorfkneipe, in der die Sozen getagt hatten. Ich zitiere den Zettel mit einer Frage und sieben Notaten. Sieben vor Theben.

„Welchen Grundwerten und Leitgedanken sollte die SPD verpflichtet sein?

1. Individuum. Wir stehen für das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, jedes Einzelnen, ungeachtet seiner sozialen Stellung, seiner Herkunft, seines Geschlechts. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
2. Arbeit. Wir stehen für ehrliche Arbeit. Das schließt das Recht auf gewerkschaftliche Organisation ein, aber auch Wirtschaftskompetenz und vor allem das Recht auf Eigentum.
3. Gerechtigkeit. Chancengleichheit ist unser zentrales Anliegen. Der Rechtsstaat ist der Kern einer Demokratie. Staatlich verordnete Verteilungsgerechtigkeit dagegen ist ein kommunistisches Konzept.
4. Bildung. Wir stehen für die Meinungs- und Redefreiheit wie Freiheit des künstlerischen Ausdrucks in jeder Form und in allen Medien. Bildung muss allen Bürgern prinzipiell zugänglich sein. Aufstieg soll auf Meriten aus Wissen und Können beruhen.
5. Frieden. Es gilt das Recht auf Verteidigung, Ziel ist aber ein Frieden in Freiheit.
6. Familie. Die Familie genießt den besonderen Schutz des Staates und ist der Kern unserer sozialen Organisation; sie ist dabei eine soziale Vereinbarung, keine biologische.
7. Solidarität. Wir stehen für Nächstenliebe. Das ist aber keine feige Toleranz gegenüber den Faulen oder den Bösen.“

Unterzeichnet war es mit Otto Wels. Wer ist Otto Wels? In welchem Fundbüro gebe ich das jetzt ab?

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X-MAS.

Schwanger und keine Bleibe; wie das liebe Vieh nur Unterkunft in einem Stall. Futtertrog statt Wiege; Stroh, wo sanfte Windeln und Babyjäckchen gehörten. Wenn nicht Samt und Seide. Die Weihnachtsgeschichte ist auf Kontraste aus. Hier also soll der dem auserwählten Volk verheißungsvoll versprochene Messias zur Welt kommen? Schwer zum Glauben.

Als Knabe konnte ich, wie bereits erzählt, die Weihnachtsgeschichte auswendig. Es begab sich aber zu der Zeit… Eine Volkszählung stand an, wahrscheinlich zum Zwecke der Steuerschätzung. So tritt dann der Nazarener in die Welt. Ich sehe in der großen Stadt an vielen Balkonen Lichterketten und auf freien Plätzen Berge von Tannenbäumen. Selbst auf dem Land ist das Kitschtabu aufgehoben und brüllend Buntes schreit stumm und dumm in die Nacht. Im Radio erzählt eine schwuchtelige Stimme etwas vom letztjährigen Herzverschenken, das fahrlässig gewesen sei.

Das sind die Restbestände christlicher Mythen, die der Calvinismus uns noch gelassen hat, nachdem er die Bilder in den Kirchen verbrannt hat; wohl auch in unserer Alltagskultur. In unseren Herzen. Wer das strikt Katholische aufgibt, gerät auf eine schiefe Ebene in den Agnostizismus; das sage ich als Protestant. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Hier geht es zunächst um die Frage, wie woke eigentlich Weihnachten ist? Man ist ja schon froh, dass wenigstens die drei Weisen divers angelegt. Und der spießige Trauschein bei dem Zimmermann und seiner Frau fehlt. Eigentlich hätte, bei diesen ungeklärten Verhältnissen bezüglich der Vaterschaft, auch er das Kind kriegen können und Maria sich als Trans lesen. Allerdings ist das demographische Wirken des römischen Kaisers Augustus im besetzten Palästina (sic) unzweifelhaft kolonialistisch, sprich zu canceln. Man wird prüfen müssen, ob das Muslimische nicht am Ende woker. Das ist zwar sechshundert Jahre später, aber das ist als solches nur ein szientistisches Argument. Wahrscheinlich männlicher und weißer Geschichtsschreibung. Man frage das Baby in der Krippe bitte nach seinen Pronomen. Wie liest es sich? Kann ich das Lied von Wham! bitte noch mal hören?