Logbuch
DIE QUAL DER WAHL.
Sehnsucht nach Autorität, nach Kompetenz, Können, dem Stoff, aus dem Kanzler sind. Deutschland gähnt. Die drei Kandidaten für die Regierungsspitze sind alle gleich unbeliebt. Alle drei langweilen. Am liebsten hätte der Wähler keinen von denen. Es bahnt sich eine Pflichtübung an. Ich kenne das von der Wahl der Elternvertreter in der Schule: es muss irgendwie sein, aber wirklich Bock hat keiner. Und die, die sich melden, sind peinlich. Wenn es ginge, könnte die ungeliebte Merkel bleiben. Egal…
Getretener Quark wird breit, aber nicht stark. Der SCHOLZOMAT grinst sich durch, manchmal bis an die Grenze zur Dümmlichkeit. Der ARME ARMIN übt sich jesuitisch im Ungefähren bis Vagen. Frau BÄR&BOCK will gefallen, aber schwindelt zu oft. Der fränkische MACHIAVELLI SÖDER schließlich riecht auch durch das TV nach billigem Rasierwasser. Was für eine Posse!
In einer Diskussion, die ich zu moderieren hatte, zeigt sich die sehr nette Kandidatin der Grünen für das Amt des örtlichen Oberbürgermeisters so entspannt, dass mir hinterher ein Journalist aus dem Publikum sagt: „Die will gar nicht!“ Das ist der Kern: Man weiß nicht, ob die überhaupt wollen. Die wollen nicht wirklich. Allesamt ein Ambitiönchen, aber keinen wirklichen Bock.
Es fehlt der politischen Klasse am Begattungswillen. Was für eine müde, unerregte Truppe. Die vorgenannte Grüne sagt, sie habe noch nie ein Auto besessen; sie sagt das in einer Stadt, in der VW der größte Arbeitgeber ist. Und will damit punkten. Ich glaube, die hat gar keinen Führerschein. Ich glaube, die haben ALLE keinen Führerschein. Die wollen mitfahren, aber nicht lenken. Ich bemerke, wie Verachtung in mir aufsteigt.
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NONCHALANCE.
Ein Gentleman trägt teure Schuhe, Pferdeleder, aber ungeputzt. Seine Krawatte,beste Seide, hat einen Fleck. Am Kaschmir-Sacco baumelt ein einzelner Knopf am seidenen Faden. Er nuschelt, wo er rezitieren sollte. Die Pointe der Anekdote vermasselt er, verlegen lächelnd. Nicht alles zugleich, aber bestimmt eins davon. Nur Aufsteiger sind makellos.
Ich sehe einem Nachwuchspolitiker zu, der alles richtig machen will und fast alles richtig macht. By the book, nach Lehrbuch. Nicht dumm, gut aussehend, dezent gekleidet, höflich, umsichtig. Alle rhetorischen Fallen vermeidend. Ein Smarter. Und doch fällt ein böses Wort: Ein Westentaschen-Kennedy. Warum kommt er nicht an?
Eigentlich perfekt. Und dann fehlt doch was. Zu glatt, der Mann, zu bemüht. Man bemerke das Streberhafte, höre ich. Frauen himmeln ihn nicht an, sie fremdeln. Es ist die Logik des Schönheitsflecks. „Ihre Schönheit war so perfekt“, heißt es bei den Antiken über eine Göttin mit einem Leberfleck auf der Wange, „dass sie nur um den Preis eines kleinen Fehlers überhaupt zu ertragen war.“ Perfektion tötet.
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JAKOBINER.
Unterschiedliche Soziale Medien bilden unterschiedliche Arten heraus, wie man sich dort unterhält und warum. Besonders jakobinisch ist dabei TWITTER. Hier treffen sich Meinungsjournalisten, randständige Politiker und ihre Anhänger zur gegenseitigen Hass-Bezeugung. Man belauert sich geradezu, um Gelegenheit zu finden sich zu beleidigen. Ein finsteres Klima; vagabundierende Streitlust. Rechthaberei. Es lächelt niemand, allenfalls wird gegrinst. Das Grundgefühl ist SCHADENFREUDE.
In der Französischen Revolution, mit der Ende des 18. Jahrhunderts die absolute Herrschaft des Adels beendet wurde und bürgerliche Freiheit begann, nannten sich die Freunde der Republik JAKOBINER. Erkennungszeichen der Anhänger des radikalen Robespierre war eine rote Mütze. Sie gilt seitdem als Zeichen der Freiheit, aber auch der Gesinnungsdiktatur, wenn nicht des linksradikalen Terrors. „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein!“ Respektive lasse das Fallbeil, die Guillotine, sprechen. Es wurde viel geköpft im Namen der Revolution.
Lustig ist, was in Deutschland aus der Jakobiner Mütze wurde. Wo sehen wir die rote, nach vorne fallende Mütze? Als Kopfbedeckung vom Nikolaus und der Gartenzwerge. Das Zeichen der Freiheit als Zipfel- oder Schlafmütze. Mein Vaterland ist nicht mal zu einem regelrechten Terror in der Lage. Na ja, außer auf TWITTER. Da wird das verbal nachgeholt.
Aufschlussreich ist, wo die Jakobiner Mütze historisch und kulturell herkam. Sie war als Phrygische Mütze schon im Altertum bekannt. Man gerbte dazu Tierleder in weicher Form und zog es sich als Zipfel über den Schädel. Und zwar den Hodensack des Stiers. Yep. Damit sollten dessen Eigenschaften auf den Mützenträger übergehen.
Lese ich von den Eiferern auf TWITTER, kann ich nicht vergessen, woher ihre JAKOBINER-MÜTZE eigentlich stammt. Mein Herz lacht. Ein Zwerg mit Stierhoden auf den Ohren. Das hat er schlau erdacht, der Zwerg, mich fürchtet nun vor seiner Kraft…
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HURRA-PATRIOTISMUS.
Wo werden die Olympischen Spiele in 11, 15 oder 19 Jahren durchgeführt? Das bedarf baldiger Entscheidung, sagt man mir und das glaube ich. Gut Ding will Weile haben. München hat schon den Finger gehoben; man habe ja bereits bewiesen, dass man das könne. Na, wenn das Voraussetzung ist, dann ist Berlin mit dabei. Hurra! Man erinnert hier gut die fabelhaften Spiele von 1936. Stadion steht noch. Leni Riefenstahls Filme in bester Erinnerung.
Wenn Paris so was macht, dann erblüht die Stadt; man konnte wieder in der Seine schwimmen. London kriegte das sicher mit der Themse auch hin, Berlin mit der Spree allemal. Ich selbst bin mit Emscherwasser getauft und glaube an solche Symbole. Das Problem liegt allerdings nicht im Geographischen, sondern in der Mentalität. Die deutsche Hauptstadt ist von einer eigenartigen Provinzialität. Hier haben sich Heerscharen von Herrschaften angesiedelt, die vor allem vom Verfall profitieren. Man fürchtet Gentrifizierung.
Wo durchgehende Stadtautobahnen des Teufels sind und Wohnungsbau dem Kalkül der günstigen Restnutzung unterliegt, Verfall also romantisch, erheben militante Transferempfänger sofort die Stimme, wenn sie eine Verdrängung durch dickere Brieftaschen fürchten; Bestandsschutz. Ich verstehe das; wo Ruhr und Emscher fließen, wurden einst vorbildliche Kolonien und tolle Gartenstädte erfunden. Städtebau tut not. Lehrsatz. Was aber Berlin kennzeichnet, das ist die stets gespaltene Meinungsbildung: manche sind dafür, andere dagegen, die Mehrheit ist vor allem beides. Immer und überall. Selbst 1936 hat es einiger Propaganda bedurft, diese Stadt zu begeistern.
Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Über dem Eingangstor von Wimbledon steht: „If you can meet with triumph and desaster/ And treat those two imposters just the same.“ Ja, ich habe auch nachschlagen müssen. „Imposter“ ist der Hochstapler. Sieg und Niederlage sind egal weg doch nur Hochstapler, bloße Angeber. Schönes Wort; stammt übrigens von Kipling. Mit solcher Skepsis empfiehlt sich englische Sportbegeisterung. Empfinde ich als angemessen, da ich dank Leni die Fanfaren von 1936 noch im Ohr habe.