Logbuch

Lese noch mal Kants Kampfschrift „ in weltbürgerlicher Absicht“ gegen eine empirische Geschichtsschreibung: „Aus so krummen Holze als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts gerades gezimmert werden.“ Die AUFKLÄRUNG glaubt an die Menschheit, weil sie mit dem Glauben an die Menschen nicht weiterkommt. Weil es der Nachbar erkennbar nicht wird richten können, soll es der Weltenbürger sein. Es bricht diese Hoffnung, dass die Natur am Ende dann doch vernünftig sei, eigentlich erst mit Darwin, der zeigt, dass nicht Vernunft die Welt leitet, sondern Evolution. Autopoesis. Überleben egal wie. Natur ist keine Idylle. Moment mal, stimmt das jetzt? War Darwin nach (!) Kant? Bevor ich mich herablasse, irgendetwas auf Wikipedia nachzusehen, bleibe ich lieber im Ungewissen; soviel Selbstachtung muss sein.

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Die Segnung des MONOKAUSALEN.

Wenn die Welt vom Satan bedroht wird... oder die Ölfrage den Nahen Osten bestimmt ... oder die Klimaveränderung am Kohlendioxid liegt ... oder der Klassenkampf ... oder. Zum Beispiel ist dann die Kernenergie ein grüner Ausweg... oder die Liquidierung der Bourgeoise oder der evangelikale Glaube an Gott. Mich macht die Entschiedenheit der Einsinnigen müde.

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Besuch in einer Redaktion einer internationalen Nachrichtenagentur in einem Büroturm. FREE LUNCHES in der Mitte des Großraums. Wasser, Säfte, Obst, Riegel. Ich wage gar nicht nach einer Kantine zu fragen. Oder gar nach dem Casino. Ich bin ein Fossil. Meine Familie stammt arbeitsseitig aus der GHH in Oberhausen-Sterkrade; deren Casino lag auf meinem Schulweg; eine Vorfahrt wie bei einem Regierungspalais (schwarze Daimler mit Chauffeur) und, dem Vernehmen nach, einen Weinkeller mit tausend Flaschen. Und selbst für die Untertage-Belegschaft gab es zum Schichtende einen halben Liter Schnaps. Noch dreißig Jahre später hatte ein Vorsitzender hinter seinem Büro ein Boudoir mit Speisezimmer, privatem Bad und einem Bettchen für den kleinen Bubu nach dem dritten Riesling. Heißt heute „power napping“ oder so. Das macht jene Hälfte der Belegschaft, die zu Hause ist. Für zwei Wochen. Dann ist die andere im Home Office. Die, die da sind, schieben ihre Umhängetaschen unter den Tisch und hängen die vom Radeln durchschwitzte Vliesjacken über die Stuhllehne. Man trägt Sportkleidung in smart, sprich Freizeitdress. Das Büro ähnelt insgesamt einer Wasserstelle für Nomaden.

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STAATSOBERHAUPT.

Der von mir geschätzte Johannes Rau wollte immer versöhnen statt zu spalten. Das scheint mir aus der Zeit gefallen. Mutti Merkel wohl auch. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Was erwarte ich vom Ersten Mann im Staat? Ein Appell.

Was der Frank-Walter sagt. Ich weiß nicht, wer im Bundespräsidialamt die Reden schreibt, die der bräsige Frank-Walter dann halten muss, aber er oder sie ist nicht mit rhetorischem Talent geschlagen. Ich fürchte, dass es eine ganze Behörde beamteter Phraseologen ist, die sich dort idiomatisch windet. Das Staatsoberhaupt ist in der Folge kein Mann, der sein Wort zu machen weiß. Leider.

Damit aber genug der Kritik am Ersten Mann im Staat. Was sich gerade die Berliner Zeitung an Verhöhnung erlaubt, geht selbst mir, der sich die Rotzigkeit des Lausbuben erhalten hat, zu weit. Das Blatt ist ohnehin noch nicht im Westen angekommen; es spiegelt sich aber zwischen ihm und dem Tagesspiegel jener Kulturkampf, über den ich nachdenke. Eine der Frontlinien im Religionskrieg meiner Zeit verläuft zwischen der Neuen Rechten und den angestammten Parteien. Die AfD sei, sagt Frank-Walter, die Partei der Antidemokraten. Weiter so!

Damit nimmt das Staatsoberhaupt ein Viertel des Volkes aus seiner Zuständigkeit; in manchen Regionen ein Drittel und mehr. Das ist also ein Wort. Denn was die Neue Rechte ausmacht, das scheint in anderen Ländern gar gänzlich an der Macht. Schaue ich auf führende Figuren des Internet-Universums weiß ich nicht mal mehr begrifflich zu sagen, was ich da vor mir habe. Libertäre oder Liberale oder Konservative oder Reaktionäre? Ich leide an Distinktionsschwäche.

Bei klassischen Religionen und den neuen Ersatzbekenntnissen geht es mir ähnlich. Auch hier würde ich eine größere Polarisierung erwarten; nicht diese laue Toleranz der Intoleranten. Ich will hier aber nicht explizit werden. Da werden zu viele Idioten wach. Was ich meine, ist dies: Ich erwarte vom Staatsoberhaupt klare Ansagen zur Leitkultur, um die man dann sauber streiten kann. Nicht noch mehr vom braven Brei. Bitte brich einen Streit vom Zaun, lieber Frank-Walter, was wir an LIBERALITÄT als Staatsräson erwarten. Und demarkiere rechts wie links, wer dem nicht entspricht. Spalten statt versöhnen.