Logbuch
NACHRUF.
Eine große Persönlichkeit ist in hohem Alter verstorben. All überall Kondolenzen. Einem meiner Freunde fällt auf, dass man dabei von mir kein Wort gehört hat, obwohl ich dem Umfeld angehörte. Nihil nisi.
Die Trauerrede über einen Verstorbenen einen „Nachruf“ zu nennen, das ist klug. Denn es geht im Nekrolog nicht nur um den Ausdruck der Trauer, also die Hinterbliebenen, sondern auch um den NACHRUHM dessen, der da abgemeldet wird. Viele Menschen treibt es schon zu Lebzeiten um, was die Nachwelt ihnen einmal nachsagen wird. Dafür werden Autobiografien verfasst. Die meisten Werke dieser Art sind eher peinlich.
Ich schaue mir also an, welche Legenden über den Verstorbenen aufgerufen werden und lese vieles, an dem er selbst ein Leben lang gestrickt hat. Das werde ich nicht bewerten. Nihil nisi. Wenn er damit durchgekommen ist und seine eitlen Petiten jetzt in die Geschichtsbücher als Wahrheiten aufgenommen werden, so sei ihm das gegönnt. So haben künftige Generationen von Historikerinnen und Historikern wenigstens etwas zu dekonstruieren.
Was mir aber auffällt: Sie haben fast alle ein verstecktes Thema, die Nekrologe. Sie preisen im Medium des Beileids nicht nur den Toten und seine Hinterbliebenen, sondern auch den Nachrufenden selbst. In schlecht verborgener Eitelkeit bricht Eigenlob sich allenthalben seinen Weg. Das berührt mich eher unangenehm. Der Nachrufer mahnt seine eigene Rolle in dem Ruhm an, den er da dem Verstorbenen in gnädiger Geste zubilligt. Nil nisi bonum.
Was soll das mit „nihil nisi“? Über die Toten solle man nichts als Gutes sagen, das ist eine Spruchweisheit aus dem alten Sparta, die es aus dem Griechischen ins Lateinische geschafft hat und irgendwann christlich klang. Man soll, so das Motto, Vergebung gewähren. Man möge die banalen Streitereien doch bitte nicht über das Grab hinaustragen. Einen besonderen moralischen Wert kann ich darin aber nicht erkennen. Friede unter den Lebenden ist mir weit wichtiger als pathetische Totenruhe.
In einem Lied des frühen Brecht heißt es: „All meinen Feinden will ich verzeihen, aber vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Und an anderer Stelle im gleichen Stück: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
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LIKÖR.
Wer Kummer hat, der hat Likör. Bei Christine Lambrecht war es LIMONCELLO, berichtet die Boulevardpresse. Das ist widerlich, gleich mehrfach.
Ein Reporter ist am Abschiedsabend der scheidenden Verteidigungsministerin ihr nachgestiegen und berichtet Privates aus dem Hinterzimmer des Italienischen Lokals, einschließlich Details zur Person des Sohnes. Nicht in Ordnung! Und zur Sicherheitslage, also zu dem begleitenden Kommando. Das geht gleich mehrfach gar nicht. Presserechtlich bedenklich. Charakterlos.
Teil dessen ist die Benennung des Aperitifs auf‘s Haus, den der aus dem Neapolitanischen stammende Gastwirt am Prenzelberg spendierte. Es soll sich um den LIMONCELLO genannten Zitronenlikör gehandelt haben. Der ist ein weiteres Vergehen. Denn das ist kein Brand, sondern Zuckerwasser mit Alkohol. Likör geht nach dem Essen gar nicht. Er gärt im Leib nach und produziert als Fusel die übelsten Kopfschmerzen.
Schwarzbrenner wissen: Ein guter Geist (pun intended) wandelt die Stärke und den Zucker des Ausgangsstoffes, also der Himbeere oder des Korns, vollständig in Alkohol, möglichst in mehreren Gängen der Destille. Alle Fuselöle sind getilgt. Ein guter Doppelkorn ist rein und hat Vanille im Abgang (pun not intended). Im Asbach, wir erinnern uns, war der Geist des Weines.
Wie geht LIMONCELLO? Man löst die äußere Schale der Zitrone und lässt sie in medizinischem Alkohol zwei Wochen ziehen und filtert ab. Das ätherische Gebräu wird dann mit warmen Zuckerwasser auf Trinkstärke verdünnt und mäßig gekühlt. Zitronenschalen, Alkohol aus der Apotheke und Zucker von Aldi, und das in Prosecco-Temperatur. Nicht mein Ding.
Ich achte die italienische KULINARISTIK, aber das Zitronenschalengebräu gehört nicht zu meinen Lieblingsgetränken. Sizilianische Weine haben zudem eine Größe, die Liköre gänzlich überflüssig macht. Auch wenn man als gescheiterte Ministerin in den Schoß der Fraktion zurückkehrt. Aber wer Kummer hat…
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KILLED BY INSTA.
In den Sozialen Medien des Internets bietet Instagram die Möglichkeit, mit privaten Fotos für Ruhm zu sorgen. Das kann tödlich sein. Siehe Christine Lambrecht.
Rudolf Scharping hat für seinen politischen Selbstmord noch die klassische Illustrierte BUNTE benötigt, die ihn als Verteidigungsminister im Pool auf Malle mit einer Scheidungsanwältin planschend zeigte, als seine Soldaten in den Krieg zogen. Mama Lambrecht hat dafür einen Sohnemann und Instagram.
Jetzt hat die Bundesregierung, worunter auch das englische Königshaus leidet: einen HARRY, der auf Rache sinnt. Mama Lambrecht ist als IBuK (Kriegsherrin) zurückgetreten worden. Ihre Nachfolgerin, Eva Högl, ist ein ähnliches Winkelement wie sie und Armin Laschet, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Was ist die Insta-Strecke? Erst Verdacht auf Spesenbetrug mit Sohnemann durch Dienstflug in den Sylturlaub. Dann Geburtstagsparty für den Spund im Privatclub der Berliner Bourgeoisie. Dann angeblich von dem jungen Mann aufgezeichnete Böllerrede zu Silvester. Immer privat, immer peinlich. Schuld war wohl stets der Sohn der Alleinerziehenden, getadelt hat sie aber die Medien, die sich auf sie fokussiert hätten.
Erfahrene Politiker weilen im langweiligen Langeoog, gehen im biederen Borkum in die Bar oder in Swinemünde in den polnischen Puff, und zwar immer und vor allem heimlich. Aber sie suhlen sich nicht vor Paparazzi in der Sansibar des sündigen Sylt, wo sie ostentativ mit der Bundeswehr oder dem eigenen Propeller eingeflogen sind.
Vor allem aber verbieten sie ihren vorlauten Infanten von dem prahlerischen Luxusleben Fotos auf Instagram zu posten. Sonst tritt schon mal der Verteidigungsfall ein.
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STAATSOBERHAUPT.
Der von mir geschätzte Johannes Rau wollte immer versöhnen statt zu spalten. Das scheint mir aus der Zeit gefallen. Mutti Merkel wohl auch. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Was erwarte ich vom Ersten Mann im Staat? Ein Appell.
Was der Frank-Walter sagt. Ich weiß nicht, wer im Bundespräsidialamt die Reden schreibt, die der bräsige Frank-Walter dann halten muss, aber er oder sie ist nicht mit rhetorischem Talent geschlagen. Ich fürchte, dass es eine ganze Behörde beamteter Phraseologen ist, die sich dort idiomatisch windet. Das Staatsoberhaupt ist in der Folge kein Mann, der sein Wort zu machen weiß. Leider.
Damit aber genug der Kritik am Ersten Mann im Staat. Was sich gerade die Berliner Zeitung an Verhöhnung erlaubt, geht selbst mir, der sich die Rotzigkeit des Lausbuben erhalten hat, zu weit. Das Blatt ist ohnehin noch nicht im Westen angekommen; es spiegelt sich aber zwischen ihm und dem Tagesspiegel jener Kulturkampf, über den ich nachdenke. Eine der Frontlinien im Religionskrieg meiner Zeit verläuft zwischen der Neuen Rechten und den angestammten Parteien. Die AfD sei, sagt Frank-Walter, die Partei der Antidemokraten. Weiter so!
Damit nimmt das Staatsoberhaupt ein Viertel des Volkes aus seiner Zuständigkeit; in manchen Regionen ein Drittel und mehr. Das ist also ein Wort. Denn was die Neue Rechte ausmacht, das scheint in anderen Ländern gar gänzlich an der Macht. Schaue ich auf führende Figuren des Internet-Universums weiß ich nicht mal mehr begrifflich zu sagen, was ich da vor mir habe. Libertäre oder Liberale oder Konservative oder Reaktionäre? Ich leide an Distinktionsschwäche.
Bei klassischen Religionen und den neuen Ersatzbekenntnissen geht es mir ähnlich. Auch hier würde ich eine größere Polarisierung erwarten; nicht diese laue Toleranz der Intoleranten. Ich will hier aber nicht explizit werden. Da werden zu viele Idioten wach. Was ich meine, ist dies: Ich erwarte vom Staatsoberhaupt klare Ansagen zur Leitkultur, um die man dann sauber streiten kann. Nicht noch mehr vom braven Brei. Bitte brich einen Streit vom Zaun, lieber Frank-Walter, was wir an LIBERALITÄT als Staatsräson erwarten. Und demarkiere rechts wie links, wer dem nicht entspricht. Spalten statt versöhnen.