Logbuch
DIE BLASE.
In der höheren Fachliteratur wie der breiteren wird viel Unsinn erzählt. Mal wieder über die Maläse mit den Medien. Wiedergänger, Untote, der Kulturkritik.
Früher sprachen Autoren mit Respekt von ihrer Leserschaft, weil die Käufer ihres Buches eben für sie ihre Welt waren. Das, was man mit einer ungebrochenen Hochachtung ÖFFENTLICHKEIT nannte. Die Philosophie der Aufklärung ist davon erfüllt, von KANT bis HABERMAS, bis fast zu Habermas.
Der letzte Schüler der Frankfurter Schule, vorgenannter Jürgen H., hat sich nun verführen lassen, ein törichtes Alterswerk zu veröffentlichen; töricht, weil dreißig Jahre Lektürerückstand, aber in der politischen Intention ungebeugt. Das mag ihm selbst imponieren, mir nicht.
Um es nur an einem Beispiel zu argumentieren: eine Plattform jener deliberativen Politikberatung, die Habermas ersehnt, ist TWITTER. Aber hier findet er sie nicht; so wenig wie der Germanist Precht und der Sozialpsychologe Welzer; angeblich Fachautoren, ich schwör, auch nur zwei Schwätzer. Man nimmt auf Twitter immer auch die Polemik wahr. Ja. Aber das war nie anders.
Wer die seltene Chance der AUFKLÄRUNG als Lichtblick will, wird sie nur in der Tiefe der Nacht der GEGENAUFKLÄRUNG erkennen. Auf eine plausible Weltregierung der Philosophen zu warten, das ist naiv. Man wird sich mit dem Rudimentären der umgebenden Öffentlichkeit zufriedengeben müssen. Jede Dummheit kann auf Twitter gesagt werden und alles Kluge.
Der Algorithmus, der uns eine Blase baut, ist ein Instrument der SELBSTBESPIEGELUNG. Darin liegt die Täuschung wie die Chance. Blasen sind so klein, wie der Nutzer sie lässt. Da ist die ganze Wahrheit, die ich der Diss eines jungen Kommunikationswissenschaftlers entnommen habe: Die Dummen werden dümmer, die Klugen klüger.
Für den zweiten Teil des Lehrsatzes ist jeder selbst verantwortlich.
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DER ALTE HERR.
Eine Orchesterleistung ist als solche schon großartig; von Virtuosen aufgeführt und einem Genie geleitet, die für den Scheiß ihr Leben lang geübt haben, eine Titanenleistung. Ich empfinde jeden Respekt.
Der Dirigent Herbert Blomstedt wurde 1927 geboren und steht seit 1954 am Pult. Ich höre ihn seit mindestens zwanzig Jahren in Berlin. Er dirigiert regelmäßig nebenbei noch weitere zwölf Orchester und gestern Abend eben wieder die Berliner Philharmoniker. Eine fast chirurgisch präzise Aufführung der furiosen Siebten von Ludwig van.
Kommen wir zum Punkt. Der Mann ist 95! Ja, er saß zwar am Pult auf einem Stuhl, aber ansonsten hat er nichts von dem eingebüßt, was ihn zur Weltgeltung brachte. Tadellos gekleidet dirigiert er aus dem Kopf, das Notenbuch verschlossen vor ihm liegend. Durch und durch ein Herr an Erscheinung. Ein Dirigent, der als Person ganz hinter der Musik verschwindet, das Alter Ego des Komponisten. Mensch, mit 95. Mein Herr Vater war 98, als er auf seinem letzten Ausbruchsversuch aus der Demenz tödlich verunglückte; natürlich muss ich unwillkürlich daran denken. Beklommenheit. Dann aber, ganz am Schluss ein komischer Moment. Dinner for you. Same procedure as last year.
Man hatte Blomberg mit Rücksicht auf sein Alter nur einen Vorhang gegeben. Da aber der Saal noch immer stehend applaudierte, lugte er noch mal, fast verstohlen, aus der Garderobe in den Saal. Und winkt. Genau mit jenem Blick, den Freddie Frinton hat, wenn er mit seiner Mylady oben an der Treppe im Schlafzimmer verschwindet. Da war echt lustig. Ein schelmischer Alter Herr.
Gemischte Gefühle. Und der immer virtuos krakelige Ludwig van. Pauke! Ohne Pauke keinen Ludwig van. Er war bei der Siebten, sagte ein Zeitgenosse schon reif für das Irrenhaus. Und taub wie ein Stein.
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PRIVATES IN DER POLITIK.
Zwischen Amt und Person ist auf das sorgfältigste zu unterscheiden. Das war früher der Lehrsatz. Politiker sind keine Schlagersänger. Ist das vorbei? Willkommen in den Sozialen Medien.
Die Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht, SPD, veröffentlicht in den Sozialen Medien ein selbstangefertigtes Porträtfoto von sich und ihrem Sohn anlässlich von dessen Geburtstagsfeier. Oder das Selfie ist von ihm, dem 21jährigen Alexander. Wir finden es auf Instagram. Eine Protestwelle bricht los. Das Lokal wird angeblich erkannt.
Es soll sich ausweislich der Deckenlampen im Hintergrund um den China Club im Edelhotel Adlon handeln, der nur Mitglieder zulässt, denen 10.000€ Eintritt abgenommen werde. Ich kenn das Ding, weil öfter dorthin eingeladen; ich finde es eher banal. Aber gut. Die Ministerin wird der spätrömischen Dekadenz gescholten. Ich diskutiere den Fall an der Uni und will ihn als Tollpatschigkeit behandeln. Ein kluger Kommilitone widerspricht. Er glaubt, das Ministerium hätte den Eklat gewollt. Soviel Privates in Kriegszeiten?
Die Pressestelle der Ministerin streitet nämlich vor Gericht mit der Presse darum, ob die benennen müsse, wer kürzlich ein ähnliches Foto an Bord eines Bundeswehrhubschraubers von dem Ministersohn gemacht habe, als diese mit ihm nach Sylt geflogen sei, in den Urlaub. Heißt inzwischen HELI-GATE. Ein Fall der höheren Geschicklichkeit in der Spesengestaltung. Sylt ist jene Insel, die man als Domizil der Reichen und Schönen versteht. Da wo die Lindners dieser Welt heiraten. War ich auch schon, auch eher banal.
Was also, wenn die Alleinerziehende aus dem Bundeskabinett ihr Recht auf Privatleben behaupten will? Und dabei nicht das Frugale des Kanzlers wählt, sondern ein bisschen von jenem, dass die VIPs in der Yellow Press ausmacht? Ich sage voraus, dass die Pressemeute den jungen Mann ab jetzt jagen wird. Wie kann man das wollen?
Der Pressesprecher des Ministeriums ist ein ehemaliger TV-Journalist. Die können eh kein PR. Weil, wer gerne isst, deshalb noch nicht kochen kann. Erfahrungssatz.
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SCHWANZSCHATTEN.
Rückkehr aus der großen Stadt auf den Landsitz mit großartiger Entdeckung. Ein Eichhörnchen hat den großen Nadelbaum bezogen und tobt nun fröhlich durch den Garten. Eine Freude anzuschauen. Herzlich willkommen!
Eine ganze Reihe von Anmerkungen sind fällig. Eichhorn? Der Name des rotbraunen Gesellen kommt nicht von der Eiche, dem soliden Baum, sondern aus dem Althochdeutschen, wo das Rumgehüpfe von Ast zu Ast zum Charakteristikum gewählt wird. Der liebenswerte Kerl ernährt sich nicht von anderen Tieren, sondern den Früchten des Waldes, sprich Baumsamen. Gleichzeitig zum buschigen Schwanz, wozu wir später noch kommen, hat die Natur ihn mit einem schwachen Gedächtnis gesegnet. Ein stattlicher Teil der Nahrungsverstecke zum Überleben des Winters werden schlicht vergessen. So sprießt der Samen im Frühjahr und erhält die Vielfalt des Waldes. Ein genialer Gärtner wider Willen.
Was ihn neben dem putzigen Antlitz des netten Nagers auszeichnet ist sein prächtiger Schwanz. Dieser mag beim Flug navigieren helfen, ist aber vor allem eine Extremität des Prahlens; er beeindruckt so in der Brunft Weibchen. Die großzügige Behaarung beeindruckt aber nicht nur die brünstige Damenwelt, nein, die Größe erschreckt auch Feinde. Man soll sich besser nicht mit ihm anlegen. Ein veritabler Vegetarier stattlicher Manneskraft. Dank buschigem Schwanz. Solches hör ich gern von meinem Vers.
Im Nest wärmt das Buschige den dürren Kerl wie eine Decke. Den Vogel abgeschossen haben aber die Alten Griechen; sie belegten den agilen Kerl mit dem großen Schwanz mit dem Mythos, dass er die prächtige Extremität auch habe, um sich selbst Schatten zu spenden. Alta Schwede, im Schatten des eigenen Schwanzes wohl leben; das ist schon was.
Im übrigen ist das rote Eichhörnchen, das eurasische, eine schützenswerte Art, die vor der grauen bewahrt werden muss, die als Neozon eindringt. Passiert gerade in England. Wandert ein der Fremde und ersetzt irgendwann die Heimischen. Muss ich dem Thilo Sarrazin erzählen, wenn ich ihn in Berlin sehe; kann er ein weiteres Kapitel für sein Abschaffungsbuch draus machen. Was einen die Natur doch so alles lehrt.