Logbuch

INVASIVE NEOPHYTEN.

Sie kommen von weit her und haben hier nix zu suchen. Breiten sich aber dramatisch aus. Sie heißen Kirschlorbeer, Goldregen oder Bärenklau.

Man kann es an ungenutzten Ecken des Stadtbildes wuchern sehen, das neue Pflanzenzeugs. Ich kann mir all die Namen nicht merken. Aber es sind keine heimischen Pflanzen, daher das „neo“ bei den Neophyten. Und sie sind verbreitungswillig, deshalb „invasiv“. Zum Beispiel das „drüsige Springkraut“; im Ernst?

Das ist unhistorisch, viele Urväter sind um die ganze Welt gesegelt, um neue Pflanzen nach Europa zu holen. Man lasse sich das im Botanischen Garten erklären. Sie tauchen aber nicht nur wild auf, sondern machen vor Gartenzäunen nicht halt. Obwohl dort die gleichnamigen Zwerge wachen. Sie verdrängen, höre ich sagen, heimische Arten. Das geht zu weit.

Mich erstaunt schon der Vernichtungswillen, mit dem auf dem Land Steinflächen, vor allem Bürgersteige, von Bewuchs befreit werden. Scharfe Scharber kommen zum Einsatz, sogar regelrechte Flammenwerfer. Glyphosat ist plötzlich ein Segen. Man tauscht sich stolz über illegale Quellen für illegale Chemokeulen aus. Damit kein Grashalm überlebe.

Unübersehbar, dass man reaktionär über Gartenbau reden kann. Oder, dass der Gartenbau, wenn blindlings auf das Gesellschaftliche übertragen, zu Reaktionärem führt. To say the least. Was ja schon mit der Kategorie „Unkraut“ begann. Oder der Wandlung der Wiese in Rasen. Und jetzt die Besatzung durch den Großen Bärenklau. Lehrstücke des Sozialdarwinismus.

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BACKSTAGE.

Hinter der Bühne, da passieren die wichtigen Dinge. Im Scheinwerferlicht benehmen sich danach alle gut. Gepöbelt wird in der Garderobe. Alter Talkshow-Trick von mir.

Einen wirklichen Gegner in der Talkshow-Arena muss man beleidigen, bevor die Kameras angehen. Am besten in der „Maske“, wenn die Gäste in Schminkstühlen nebeneinandersitzen und abgepudert werden, damit sie im Studio nicht glänzen wie die Ostereier. Hier ein gezielter Schlag unter die Gürtellinie und dann im Studio den Gentleman geben. Der Beleidigte findet aus dem Beleidigen nicht mehr raus und macht eine schlechte Figur.

So auch Bundeskanzler Schröder in der legendären „Elefantenrunde“ am 18. September 2005, als er die knappe Wahlsiegerin Angela Merkel anranzte. Man schob das auf den Rotwein, dem er schon zugesprochen hatte. Das war aber anders. Der kluge Journalist Peter Zudeick offenbart das in seinem neuen Buch („Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“ im Westend-Verlag). Der ZDF-Moderator Nikolaus Bender hatte in der Garderobe Merkel devot als „Bundeskanzlerin“ begrüßt (was sie noch nicht war) und den amtierenden Kanzler ironisch mit „Guten Abend, Herr Schröder!“ Davon hat sich Gerd nicht mehr erholt. Inzwischen eine Kultsendung.

Mein nettestes Erlebnis in der Kategorie hatte ich bei Anne Will mit einem Vorsitzenden des BeamtenBundes (wo auch die Lokführer-Separatisten hausen), der neben mir gepudert wurde. Er war in einem englischen Sportwagen der Oberklasse angereist, der vermeintliche Tröster von Witwen und Waisen; am Vorabend hatte ich ihn in einem Luxusrestaurant mit Gattin gesehen, wo er den ganz großen Max gab. Ich fragte also laut in der „Maske“, wem denn auf dem Parkplatz vor dem Studio die „Zuhälterkarre“ gehöre. Davon hat er sich nicht mehr erholt.

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DIE KLEINE FRAU.

Immer wieder wird geklagt, dass die große Geschichte hinter dem Rücken einfacher Menschen ablaufe. Tragischer sind aber die umgekehrten Fälle. Lese eine Biographie über ETHEL ROSENBERG, ein tragisches Leben in der mörderischen Logik des Kalten Krieges. Scapegoat nennt sich im Englischen der Sündenbock. Hier eine Böckin. Zunächst zum Hintergrund. Japan kämpft an der Seite von Deutschland einen Weltkrieg. In Pearl Harbour wird die amerikanische Flotte von japanischen Fliegern zerbombt.

Diesen Weltkrieg haben die Amerikaner dann spätestens durch den Einsatz einer Plutoniumbombe auf das japanische Nagasaki beendet, eine, wie man heute sagt, disruptive Technik. Das sogenannte Manhattan-Projekt unter Präsident Truman leitete Leslie Groves, von dem eine Rede vor New Yorker Publikum zitiert wird, in der er den zeitgenössischen Sowjets vorwarf, nicht mal einen Jeep bauen zu können.

Das sollte sich als arroganter Übermut erweisen, spätestens als die Russen 1949 im heutigen Kasachstan einen Atombombentest durchführten, der so viel Plutonium in die Atmosphäre brachte wie ‚Fat Man‘ auf Nagasaki. Das konnte nur auf Verrat beruhen; man glaubte, dass Spione die Baupläne verraten hatten. Da fiel dann der Name KLAUS FUCHS, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Und JULIUS ROSENBERG kam in den Fokus, der Ehemann von ETHEL ROSENBERG.

Über deren Prozess, der im März 1951 vor einer Grand Jury begann, erfährt man eigenartiges. Weil sie größer war als ihr Mann, und durchgängig vor Gericht ein Pokerface zeigte, machte man sie zur Drahtzieherin einer russisch geführten, kommunistischen Spionage-Organisation; die Todesstrafe war ihr gewiss. Eine Hexe, halt. Der Gerichtsreporter schrieb, sie habe eben nicht ihre „extremly intelligent eyes“ verbergen können. Eine einfache Frau, Migrantin aus Galizien, arme Leute im jüdischen Viertel der Lower East Side, deren Mann allenfalls ein Schrauber, aber kein Physiker war, beide mit politischen Sympathien für das Land Lenins. Sie wurden exekutiert wegen Verschwörung zum Zwecke der Spionage. Ach. So bricht sich Weltgeschichte in das Leben kleiner Leute, selten ein Glück.

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ZUNGENBRECHER.

Ein Wettbewerber lässt sich zu einer persönlichen Beleidigung hinreißen und man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Ein Erschrecken blitzt auf. Da scheint jemand getroffen. Warum wird er erkennbar unsportlich, um es mal so zu formulieren. Gelegenheit über Glossen nachzudenken.

Was wir hier machen, heißt im einschlägigen Boulevardblatt „Post von Wagner“ oder in der Tageszeitung „Streiflicht“. Glossen sind geschriebenes politisches Kabarett. Und stehen wie dieses in keinem guten Ruf. Meinen Kollegen Franz Josef Wagner, der sich täglich meldete, haben seine Freunde mit dem Titel „Gossen-Goethe“ belegt; man traf in den letzten Jahren je nach Tageszeit in der Charlottenburger Gastronomie. Er hatte, wenn gelöster Stimmung, seine vierzig Zeilen schon abgesetzt. Da kürzlich verstorben, also zu loben, sage ich: Und er konnte schreiben!

Beim „Streiflicht“ der Süddeutschen habe ich mir immer eingebildet, den (stets ungenannten) Autoren zu erkennen, jedenfalls wenn es Kurt Kister war. Denn der kann schreiben. Was ja nicht jedem Heino oder Heiko gegeben ist. Die 72 Zeilen „Streiflicht“ auf der Eins in der SZ haben schon oft meine Morgenstimmung gerettet. Glossen sind mit leichter Feder und erheblichem Gewicht zu schreiben. Wehe, wenn eins von beidem fehlt. Bei Journalisten verzeihlich, bei PR-Leuten („Contentprovider“) üblich, aber für wirkliche Autoren vernichtend, wenn frei von literarischer Ambition. Schriftsetzer.

Wenn die Glosse gutes politisches Kabarett, dann hat sie Un-Themen. Als Satire ist ihr zwar alles erlaubt, aber sie tritt nicht nach unten. Sie wird nicht persönlich. Ihrem Sportsgeist entspricht es, dass sie es mit den Mächtigen aufnimmt, als gäbe es kein Morgen, aber eben nur so, dass das Rigorose an ihr das Liberale in ihr ist. Das versteht nicht jeder Heino oder Heiko. Der Meinungskolumnist ist ein politischer Kopf, aber kein Hetzer; eher schon ein weltläufiger Gentleman.

Glosse kommt der Wortherkunft nach ja von Zunge. Deshalb der unerlässliche Hinweis auf Kulinarisches. Im San Giorgio in Charlottenburg gibt es neue Vorspeisen. Hauchdünn geschnittene Kalbsleber mit Speck und Birne in Salbeibutter gebraten; großartig. Oder Spinat mit Spiegelei und Trüffel. Dazu ein stabiler Sizilianer von Planeta. Mein ebenfalls verstorbenes Vorbild A A Gill hätte darüber dreihundert Zeilen gemacht; Minimum. Solches hörte ich gern von meinem Vers.