Logbuch
LIEFERKETTE.
Englische Maßanzüge gelten als das edelste vom Edlen, aber man darf es ihnen nicht ansehen. Das kann heute, sagen meine chinesischen Kollegen, das Internet. Mit dem Hubschrauber von Singapur rüber nach Kowloon, Hongkong. Der beste Schneider der Welt, jedenfalls die besten Tuche. Und am Ende ist es ein Fahrrad. Ein Fahrradbote eilt mehrfach quer durch Hongkong, damit der digitale Traum wahr wird. Wie der Rikschafahrer vor hundert Jahren.
Die neue chinesische Oberklasse achtet auf den Luxus der Kolonialen, also der alten Herren längst vergangener Zeiten. Anzüge lässt man sich in einem Laden machen, der PETE‘S FASHION heißt. Eine Gasse in Kowloon, indische Herrschaften bitten in das klimatisierte Ladenlokal. Im Hinterzimmer ein britischer Club, eine Offiziersmesse. Hier regiert Pete. Gleich zwei seiner Schneider nehmen Maß. Die Festlandchinesen versuchen zu verbergen, dass sie beeindruckt sind.
Man kann in Mustermappen aktuelle und historische Tuche ansehen und befühlen. Manche Tuche ein halbes Jahrhundert alt. Churchill oder Oscar Wilde haben sie getragen. Fällt dann die Wahl, sucht das Internet nach jenem Fleck Hongkongs, wo es davon noch zwei, drei Meter gibt. Ein Click und man geht zu den Drinks. Eine knappe Stunde später ist der Stoff da, einen Tag später der Anzug fertig. Eine freundliche Chinesin bittet im Hotelzimmer zur Anprobe. Wie das alles sein kann? Ein Radfahrer und sein digitales Handy. Wir wissen nicht, wo der Stoff fünfzig Jahre lag und wo er in einer Nacht genäht wurde. Aber wir wissen, dank wessen Pete das alles kann. Dank des Rikschamanns.
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AUFARBEITUNG.
Ein Katalog für Gartenmöbel bietet einen Tisch an in „wiederaufbereitetem“ Teakholz. Das gilt als sowas wie eine Antiquität für Reihenhausbesitzer. Kleinbürger, also. Eine wiederaufbereitete Geschichte, das ist was die AfD vertritt. So eine Art Faschismus Light. Auch Kleinbürger. All das muss auf das sorgsamste von dem unterschieden werden, was man Vergangenheitsaufarbeitung nennt.
Ich lese in der New York Review, dass Aufarbeiten der Vergangenheit so viel bedeute wie „working off the past“. Ja, das könnte den REVISIONISTEN so passen, die Vergangenheit einfach weg arbeiten. Man kann Historie nicht stornieren wie einen Tisch im Restaurant. Die ganze „CANCEL CULTURE“ ist eine Idiotie. Vulgär dumm.
Dabei ist der Jargon doch zurecht genau. Wir haben in der Kernenergie immer gewusst, dass, wenn jemand von einer Wiederaufbereitungsanlage sprach, es sich um einen Öko handelt; die Dinger heißen nämlich Wiederaufarbeitungsanlage. So auch mit der Bewältigung der Vergangenheit. Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, wenn man darunter versteht, dass man sie durch irgendeinen selbstkritischen Diskurs in ihrer Virulenz erledigen kann.
Und löschen („cancel“) lässt sich hier schon gar nichts. Als könne man Zeit aufheben. Wir sind immer, wer wir geworden sind. Historische Schuld ist keine persönliche Schuld, klar. Aber sie ist Schuld. Und wenn darunter nur zu verstehen ist, das wir sie nicht leugnen sollten. Aber der Vorschlag, aus dem Dom zu Magdeburg die Säule des Balthasars zu entfernen, weil erkennbar ein Moor aus den Kreuzzügen ist, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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EMSCHERGENOSSENSCHAFT.
Wir von der Ruhr sind ein sentimentaler Klüngel. Die ganz Harten bilden, benannt nach einem Flüsschen zwischen Holzwickede und Dinslaken, die Emscher-Genossenschaft. Gedenken wir eines Genossen dieser Freimaurerei. Ein Ur-Grüner. Gedenken wir MICHAEL HOLZACH, der hier ertrank, als er seinen ins Wasser gefallenen Hund FELDMANN aus der Köttelbeke retten wollte.
Michael war mein Kommilitonen an der Ruhr-Uni in Bochum, Abteilung 8, Gebäude GC, die Sozialwissenschaftler. Hier lehrte damals der Edel-Linke Urs Jaeggi, der Alt-Marxist Leo Kofler, der Hegelianer Bernhard Wilms und der Faschist Ioannis Papalekas, ein Freund der Junta-Putschisten in Athen. Und Michael saß mit mir in der Cafeteria und sinnierte: „Wir sind, wen wir schützen.“ Kluger Kopf. Er wurde dann Journalist.
Später schrieb er für die ZEIT, als diese noch kein Propagandablatt von Schwarzgrün war. Ein Genie der Reportage. DEUTSCHLAND UMSONST: eine Wanderung von Norden nach Süden und zurück, ohne einen Pfennig. Es begleitete ihn FELDMANN, sein Hund. Alles ging gut, aber dann, die Dreharbeiten zum Reportagebuch sollten beginnen, rutscht der Hund in die Emscher, Michael springt in die Sürge, um ihn zu retten. Und ertrinkt. FELDMANN überlebt. „Wir sind, wen wir schützen.“ Was sage ich, die Emscher und ihre Genossen, ein sentimentaler Klüngel.
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DER KONGRESS TANZT.
Meist tanzt er gar nicht, der Kongress; er tagt nur. Ich erlebe gestern ein volles Haus und frage mich, was die Menschen zusammentreibt. Berlin ist, wie andere Hauptstädte auch, eine Metropole der Lobbyisten. Das sind Menschen, die ein Anliegen haben. Genauer gesagt sind es Menschen, die ein Anliegen davon überzeugt haben, dass es nützlich sein könnte, ihnen am Ort ein Büro mit Gehalt zu zahlen. Alle wichtig, obwohl meist nichtig. Nun aber zur Rollenverteilung im Berliner Zoo.
Da sind viele HAS-BEENs und einige WILL-BEs. Perfekt & Futur. Die ersteren waren mal was und die zweiten werden möglicherweise mal was sein. Die Ehrgeizigen buhlen um Aufmerksamkeit, weil sie als wichtig gelten möchten, obwohl sie es noch nicht sind. Die Abgelegten verschmerzen den Verlust von Amt und Würden nicht und wollen was gelten, weil sie mal was waren. Oft sind sie aus Türöffner unterwegs, eine furchtbare Niederung der Eigenverachtung.
Beide Geschlechter buhlen um jene, die gerade was sind, aber wegen der zermürbenden Mühen des Amtes keine Zeit haben, sich um jene zu kümmern, die sie gestürzt haben oder jene, die sie selbst stürzen werden. Das ist die Hefe. Der große Rest sind die A-DABEIs, ein Ausdruck bayrischer Lautung für den üblichen Beifang, auch dabei, eben.
Hofiert werden die Fotografen, die dem Rest der Menschheit vom Empfang berichten sollen. Man liest, dass der Vizekanzler hier gerade ein Budget von 600.000 € freigegeben hat; das rechtfertigt keinen Spott. Wer Gutes tut, will dabei auch gesehen werden. Ich habe als Steuerzahler ein Recht, die Show zu sehen, die man Gemeinwesen nennt. Wer nicht mehr gesehen wird, ist politisch tot. Damit sind wir bei den WALKING-DEAD, den Untoten des politischen Betriebs.
Hier spielt im Berlin unserer Tage die unrühmlichste Rolle Frau Merkel, die ihre unstillbare protestantische Eitelkeit als unwürdige Greisin vorführt. Sie soll ihre autobiografischen Rechthabereien gerade bei Victor Orban vorgestellt haben, höre ich. Zu solcher Altersprostitution sollte sich niemand verleiten lassen. Dann doch lieber HAD-BEEN, Plusquamperfekt: „war mal was gewesen“. Und für die WILL-BEs: „wird mal was gewesen sein“. Mehr ist nämlich nicht.