Logbuch
OVERBECK.
Gegen eine Göttin hat der Spießer keine Chance. Jeanne d’Arc und Overbeck. Ich meine den Hilfskommissar aus dem Wilsberg, früher Tatort Münster. OVERBECK ohne Vornamen. E-Mail: „l.overbeck“, in tiefer Ironie. So ist der Deutsche. Kein 007, aber doch ein Mann, der etwas von sich hält. Wenn die Volksparteien recht haben, dann wird Overbeck Kanzler. Armin Overbeck oder Olaf Overbeck. Das halten sie, die Volksparteien, für eine Vision, die den Wähler begeistern wird.
Tja, der Overbeck. Im Englischen ist das der Typ BASIL FAWLTY, der Besitzer von FAWLTY TOWERS, dem Grundmodell des Patrons, eines Hausherren. Der Kleinbürger als solcher, ein Olaf, ein Armin. John Cleese hat klar gesagt: Eine Doku. Es sei das Gleneagles in Tankerton-on-Sea gewesen, das ihn auf die Idee gebracht hätte. Das Leben selbst schreibt die Komödie. Unsere Kanzlerkandidaten sind ihr eigenes Kabarett.
Ich hatte so einen Westentaschen-Napoleon wie Basil Fawlty mal in Penzance in einer Pension namens GAY VIEW. Er war Colonel der British Legion und zackig, wenn er den Gästen Spiegeleier offerierte. Das Ding lobte also im Eigennamen mit GAY VIEW den FRÖHLICHEN AUSBLICK; ich fragte ihn übermütig, ob es nicht auch der Ausblick auf die Bucht, sprich BAY VIEW getan hätte. Warum unbedingt das „gay“ da stehen müsste. Frostige Reaktion, sehr frostig. Sie können über sich selbst nicht lachen, die Overbecks. Sie grinsen; das ist nicht das gleiche.
Kleine Männer, kleine Menschen. Wie Alfred Tetzlaff. EKEL ALFRED hieß eine Erfolgsserie, die zur Hälfte von einem ARCHIE BUNKER aus den USA gekupfert und zur anderen nur Doku des ganz normalen Kleinbürgeralltags war. Und in diese Welt der langweiligen Männer tritt nun eine Alternative: „la déesse“, die Göttin, jung, weiblich, schön, von hoher Geburt und edler Gesinnung, eine Weise. Eine Jungfrau von Orléans. So würde ich das machen, wenn ich Baerbocks „Spin Doctor“ wäre.
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ZWISCHEN IDYLLE UND GÜLLE.
Ein guter Gärtner braucht ein mutiges Herz und eine scharfe Schere. Sonst kriegt man in die verdammte Natur keine Struktur. Sagen wir es offen: Ein Rasen ist keine Wiese. Ein Garten kein Acker. Gärtnerei ist die Fähigkeit, die Natur zur Architektur zu zwingen. So zeigt sie dann ihre wahre Schönheit. Erst dann.
Schwäbischer Witz: Der Herr Pfarrer lobt den schwitzenden Gärtner mit den Worten, das sei aber toll, was er und der Herrgott aus dem kleinen Gärtchen gemacht hätten. Antwortet der Schwabe: „Sie hätten sehen müssen, wie es aussah, als der Herrgott es noch alleine hatte!“
Es gibt drei Naturen, mindestens. Die Natur des Bauern, sprich Gülle. Die Natur der Philosophen, sprich Idylle. Und die Natur des Gärtners. Aus Wildwuchs formt er Kunst. Manchmal auch Kitsch; das muss man leider einräumen. Gärten des Grauens, es gibt sie. Wir reden eigentlich von Landschaftsgärten. Scharfe Schere und ab und zu die Kettensäge.
Und was die Ökos unter Natur verstehen, das hat mit Garten so viel zu tun wie Kunsthonig mit Kunst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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LIEFERKETTE.
Englische Maßanzüge gelten als das edelste vom Edlen, aber man darf es ihnen nicht ansehen. Das kann heute, sagen meine chinesischen Kollegen, das Internet. Mit dem Hubschrauber von Singapur rüber nach Kowloon, Hongkong. Der beste Schneider der Welt, jedenfalls die besten Tuche. Und am Ende ist es ein Fahrrad. Ein Fahrradbote eilt mehrfach quer durch Hongkong, damit der digitale Traum wahr wird. Wie der Rikschafahrer vor hundert Jahren.
Die neue chinesische Oberklasse achtet auf den Luxus der Kolonialen, also der alten Herren längst vergangener Zeiten. Anzüge lässt man sich in einem Laden machen, der PETE‘S FASHION heißt. Eine Gasse in Kowloon, indische Herrschaften bitten in das klimatisierte Ladenlokal. Im Hinterzimmer ein britischer Club, eine Offiziersmesse. Hier regiert Pete. Gleich zwei seiner Schneider nehmen Maß. Die Festlandchinesen versuchen zu verbergen, dass sie beeindruckt sind.
Man kann in Mustermappen aktuelle und historische Tuche ansehen und befühlen. Manche Tuche ein halbes Jahrhundert alt. Churchill oder Oscar Wilde haben sie getragen. Fällt dann die Wahl, sucht das Internet nach jenem Fleck Hongkongs, wo es davon noch zwei, drei Meter gibt. Ein Click und man geht zu den Drinks. Eine knappe Stunde später ist der Stoff da, einen Tag später der Anzug fertig. Eine freundliche Chinesin bittet im Hotelzimmer zur Anprobe. Wie das alles sein kann? Ein Radfahrer und sein digitales Handy. Wir wissen nicht, wo der Stoff fünfzig Jahre lag und wo er in einer Nacht genäht wurde. Aber wir wissen, dank wessen Pete das alles kann. Dank des Rikschamanns.
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CHICKEN.
Hatten Sie als junger Mensch den Berufswunsch „im Fernsehen zu kommen“? Etwa als Moderatorin? Während ich mich durch das reichhaltige TV-Angebot unserer Tage „säppe“, fällt mir auf, dass bei der Auswahl der Moderatoren Gesichtspunkte der Diversität berücksichtigt werden; insbesondere die BBC ist bemüht, alle Milieus des Landes repräsentativ abzubilden. Das ist ja ein ganz sympathischer Gedanke, über den man nicht reaktionär richten muss.
Aber haben Sie mal die Augen geschlossen und nur auf die Stimmen geachtet? Sie wissen doch aus der Werbung, was man den Lidl-Ton („Lidl lohnt sich!“) nennt. Ich höre das sofort, weil zu den Zwangsveranstaltungen meines Studiums an der Ruhr Universität Bochum das Seminar von Dozentin Dopheide gehörte. Den Schein für „Atem-, Stimm- und Lautbildung“ bekam man nur, wenn man zum Schluss ein Gedicht eindrucksvoll zu rezitieren wusste. Ich höre mich noch, wie ich mich mit Schillers Glocke vor einem ganzen Hörsaal blamiere.
Heutzutage findet diese Ausbildung für Moderatoren auf einem Hühnerhof statt. Das erste Übel liegt darin, dass alle Moderatorinnen eine ganze Oktave zu hoch sprechen. Lidl lohnt sich. Das zweite darin, dass sie alle schnattern, respektive gackern. Wie beim Federvieh geht es: „Pooh, Poohpo, Popopoh…“ So lautet die Anmoderation; dann geht es weiter mit: „Tah, Tatah, Tattatah.“ All, überall dieses Wiesenhof-Konzert. Wozu hat der Herrgott die sonoren und gutturalen Töne geschaffen, wenn nur noch hysterische Mezzo-Soprane im Kastratenton gackern?
Man möchte als Fuchs in den Hühnerstall. Es gibt nur noch eine Ausnahme; das ist die wohlgestaltete Frau Susanne Daubner vom NDR; ich erwäge ernsthaft, sie zur Bundespräsidentin vorzuschlagen.