Logbuch

ENTENWEIN.

Als man kleine Kinder noch veralberte, weil man sie nicht so richtig ernstnahm, hieß das Wasser im Restaurant „Entenwein“ und wurde den Infanten mit großer Geste und schwacher Ironie angeboten, während die Eltern sich einen Schwips antranken. An den albernen Entenwein denke ich gestern, während der Ärger über eine falsche Restaurantwahl in mir aufsteigt. Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: Der Laden ist fürderhin gestrichen. Ausgelistet, so nennt sich das in der Autoindustrie.

Zum sauteuren Italiener, bei dem am Tisch schon mal ein „Entrecotto aus Piemont“ als „Italienerfleisch“ angepriesen wird oder ein „Tommahawk füre zwei Person“, dort findet sich neuerdings eine jüngere Klientel, die zum Essen Aperol Spritz nimmt und von sich gegenseitig Handyfotos fertigt. Wohlgemerkt, wir sind nicht in der Metropole, sondern der hessischen Provinz. Goethe hat hier seinen Werther spielen lassen. Petra Reski warnt vor diesen Provinzläden; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die jungen Männer sind von Hunden begleitet, wozu ich am Schluss noch komme, was aber als solches schon nicht geht. Köter gehören nicht in die Küche; schon gar nicht ins Restaurant. Was mir an den aufgedrehten Damen des Nachbartisches auffällt, ist der Abusus von Botox; man hat durchgängig aufgespritzte Lippen. Von den Trägerinnen der geschwollenen labialen Weichteile wahrscheinlich nicht gewollt, gibt der Eingriff dem Schmollmund etwas von der Ente, die in meinem Badezimmer wohnt. Rubber Ducky.

Die Blonde belehrt mich, das hieße auch „duck face“ und sei das Nonplusultra des Kussmundes. Danach komme nur noch die Fischspalte, sprich der lautlos geöffnete Mund. Aquarium als gestischer Code. Ich hatte es im femininen türkischen Milieu Berlins schon bemerkt, jetzt also auch im Hessischen. Ich halte die Verunstaltung des Ponem für „tribalism“, will mich hier aber nicht über afrikanische Tellerlippen auslassen. Physiognomien sind ein delikates Ding. In diese Kultur der willkürlichen Verhübschung des Antlitzes gehören dann ja auch noch Metallwaren aller Art, Tätowierungen und neuerdings Korrekturen des Chirurgen bis hin zu Schmucknarben. Mensuren für Mädchen.

Die allzu modisch gemachten Hühner gackern, ihre Begleithähne stolzieren. Wir fremdeln in diesem Milieu. Die Blonde sagt: „Hier kannst Du auch nicht mehr hingehen!“ Da kotzt der Köter des Luden unter den Tisch und schlabbert daran mit der Zunge, so dass ich konsterniert hinschaue. Es muss sich wohl um eine sauteure Kampfhundrasse handeln. Der Schwanz ist düpiert und die Maske (so heißt beim Züchter die Fresse vom Bello) eigenartig verzerrt. Sagt die Blonde: „Die waren mit dem Hund beim gleichen Schönheits-Chirurgen.“ Der Italiener in Wetzlar ist gestrichen. Wir suchen neuen Ausschank von Entenwein.

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IM MEMORIAM HABERMASII.

Es ist voll auf dem Friedhof des Feuilletons anlässlich dieser Beerdigung. Ich ersuche einige Herrschaften doch bitte etwas vom Grab zurückzutreten. Man schwätzt von einem verstorbenen Philosophen, den man verehre. Dass ungelesene Suhrkampbände die heimischen Ikea-Regale zieren, macht Euch, die Zeitgeisttrottel aller eingebildeten Akademien, noch nicht zu Schülern des Meisters, auch wenn Ihr die Pose der Jüngern einnehmt. Ich verlange größeren Respekt vor Habermasius.

Habermas war Soziologe. Vor allem das lobe ich. Er hat das Fach vertreten, dem ich mich verpflichtet fühle. Dabei gehörte ich innerhalb des Fachs nicht mal zu seinen Schülern, ihm gebührte aber der akademische Respekt der Luhmann-Schüler, der Anhänger eines anderen Soziologen. Sein Oeuvre umfasst knapp fünfzig Titel, von denen ich nur die Hälfte studiert habe, aber solide seine Diss und seine Habil. Immer hat mich das Geschwätz darüber an den Flachhochschulen der Republik geschmerzt.

Habermas war der letzte Erbe der Frankfurter Schule. Er hat als zweite Generation ein wesentliches Kapitel der Wissenschaftsgeschichte erfüllt und geschlossen. Nach seinem Verstummen ist die Kritische Theorie (nicht irgendeine irgendwie kritische Theorie, sondern das Vorhaben von Adorno & Horkheimer) als Projekt erloschen. Er gehört in den Kanon nach Kant, Hegel und Marx. Es gibt keine kommunikative Kompetenz ohne zumindest propädeutische Lektüre dessen.

Habermas war ein öffentlicher Intellektueller. Ein Mann, der immer und überall sein Wort machte. Er hat sie nicht nur gesucht und bedient, die Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit, er hat sie als Raum der Demokratie begründet. Das Deliberative, die Kultur der Verhandlung, war ihm Ethos. Weil er wusste, dass die Kategorie des Individuums und die Fähigkeit zum Konsens, diese beiden, Frieden stiften.

Habermas war ein Titan, inflationär nachgeäfft von einem Geschlecht erfinderischer Zwerge, das meinen Beruf, die Public Relations, bevölkert. Den Profis dieser Profession ist klar, dass sie Parias der Publizistik sind; nie würden sie als Soziologen und Intellektuelle den berufsständischen Unsinn vertreten, jenes Schindluder, dass die Höheren Berufsschulen der PR für das Fach halten. PR ist kein Organ der Wahrheitspflege.

Das meint deliberative Demokratie, mit der Kraft des Arguments und der Bereitschaft zum Kompromiss einen liberalen Frieden schaffen. Daran hat er, schon mit 24 ein Held, fast ein Jahrhundert gewirkt. Möge ihm die Erde nun nicht zu schwer werden.

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WES GEISTES KIND.

„Der Geist steht links!“ Das war ein heftig umstrittener Glaubenssatz meiner Jugend. Und damit waren Strömungen links von der SPD gemeint, jedenfalls links von Helmut Schmidt (Bergedorf). Ich selbst lauschte als Pennäler Rudi Dutschke und studierte Herbert Markuse. Lire le capital. Mit der Zeit wurde man allerdings klüger.

Der Zeitgeist wurde dann im Laufe der Jahre vor allem eines: grüner. Heute hat das Grüne im Kleinbürgertum die Selbstverständlichkeit eines „common sense“. Gerade erzählt mir ein Herausgeber der konservativen FAZ, dass seine Wirtschaftsredaktion von grüner Mentalität geflutet sei; für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gilt das allemal.  Der gesunde Menschenverstand ist „woke“; dazu ist viel diverser Unsinn aus der nordamerikanischen Linken salonfähig geworden. Im „juste milieu“ herrscht ruckzuck Gutmenschenterror.

In Abwandlung eines Zitats von Mao Tse Tung hat die Außerparlamentarische Opposition meiner Studentenjahre, ich nenne Jürgen Trittin, einen „langen Marsch“ durch die Institutionen begonnen, der zu Erbhöfen geführt hat, die heute von einer grünen Nachfolgegeneration besetzt wird. Die Revolution frisst ihre Kinder nicht, sondern verbeamtet sie. In der Binnenkultur dieser Eliten konserviert sich eine Hegemonie des Grünen, auch wenn die Wahlen ärschlings gehen. Man wähnt sich als qualitative Elite.

Gestern fahre ich in der Provinz durch‘s Nachbardorf und sehe dort ein Plakat der AfD mit der Parole „GEZ abschaffen!“ Da ist er, der Gegenton, die Revolte von Rechts gegen die „Systemmedien“, im Internetjargon „legacy media“ genannt. Hier herrscht eine krude Mischung aus deutschnationaler und libertärer Mentalität, die die „wokeness“ der grünen Kleinbürgerlichkeit zum Kotzen findet. Dieser unpassende Ton gehört zur Politik des Pöbelns von Rechts. Das rechtsradikale Milieu ist in Deutschland noch nicht zur Kultur stabilisiert, aber schwimmt auf einer Welle von Zustimmung. Im Osten Deutschlands schon hegemonial. Der reaktionäre Zeitgeist hat zudem einflussreiche Freunde in den USA und Osteuropa. Europa ist in Gefahr.

Wo steht der Geist meiner Präferenz? Die Gretchenfrage. Erstens lasse ich mich nicht kaufen. Ich bin selbstverständlich vorsätzlicher Wechselwähler; auch meine eigene Partei ist vor meiner Kritik nicht sicher. Zweitens will ich, egal wo und egal wie, eine westliche Kultur der aufgeklärten Liberalität. Nähme ich eine zweite Staatsbürgerschaft, wählte ich zusätzlich die Italiens. Es grüßt geistig aus Rom Cato der Ältere.

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WO DER SAUMAGEN HERKOMMT.

Dass Berlin eine dem Wasser abgerungene Stadt wie Venedig sei, ist eine unhaltbare Übertreibung. Hier haust der Proll! Zumal die großartige Lagunenstadt längst zum touristischen Theme Park verkommen ist. Petra Reski passt auf sie noch auf, aber stimmt mir in der Trauer um den Niedergang von Harrys Bar zu. Nun, ich hause in Berlin auf der Insel Moabit, einst Industriemoloch von Borsig, und darf den Spreebogen genießen.

Die Spree band das preußische Kaff im Brandenburgischen Sand ans tschechische Hinterland und brachte Kohle, Viehfutter wie Milch („Bimmel-Bolle“). Nun entdecke ich gestern, dass das Ufer im Spreebogen fast durchgängig befestigt ist und somit zu erwandern. Freizeitidylle. Berlintypisch mit einem Hauch von Slum, aber Bote einer neuen Zeit. Man wird einsehen müssen, dass Gentrifizierung eine kulturelle Leistung ist (und die Romantik der ewigen Ghettoisierung ein Zynismus linksradikaler Spinner). Niemand kann die Slumbehausungen der DDR noch wollen. Nicht mal die Berliner Linke.

Züge einer Gartenstadt entstehen im immer attraktiveren Berlin; ja, die Preise der Immobilien spiegeln das. Erst weiterer Zubau wird daran etwas ändern. Zur Zeit zahlt der Student für eine Bude, so er sie kaufen kann, eine Viertel Mille. Also Daddy. Die soziale Frage ist also nicht zu leugnen. Und ich sehe auf meinem Spaziergang, dass die Stahldeckel der Kanalisation punktverschweißt sind. Es gibt eine Sicherheitsfrage. Die Eingänge der Souterrain-Wohnungen haben massive Stahlarmierungen. Es gibt in Berlin eben auch Anarchismus und verzweifelte Gestalten osteuropäischer Alks; der U-Bahnhof ist für Frauen auch tagsüber nicht nutzbar; man darf damit rechnen, ohne Anlass bespuckt zu werden. Die Politik wie die Bahn ignorieren das.

Mein Ausflug in meinem Kiez führte mich in ein modernes Hotel einer vornehmen Porzellanmanufaktur in der Englischen Straße, das als vietnamesisch betrieben wird. Auch das Frühstück. Sie hatten (Abendkarte ab 15.00 Uhr) zu rohem Fisch einen Sauvignon Blanc aus Deidesheim. Das ist in der Pfalz, wo Kohl Saumagen verzehrte. Vielleicht ist die Assimilation der kulinarischen Kulturen eine maßgebliche Metapher für die Zukunft der Metropole.