Logbuch
RESPEKT.
Die Politikerin Bärbel Bas aus Walsum hat ihre hohen Ämter in Partei und Regierung niedergelegt und wird nur noch einfaches Mitglied des Bundestags bleiben. Die SPD hat für das Sozialministerium sofort einen Nachfolger benannt, der das Amt mit Erfolg wird ausüben können. Der Lange kann das. Ich vertraue ihm.
Frau Bas hat private Gründe genannt, die jeden Respekt verdienen. Sie trauert um eine Tochter. Näheres geht niemanden etwas an. Leider hat sie dabei nicht der Versuchung widerstanden, einem Nachtreten in Richtung politischer Mitbewerber nachzugeben. Das war wirklich nicht klug.
Ich werde die Frage, ob sie den Anforderungen ihrer Ämter gewachsen war, nicht nachgehen, obwohl sie selbst unfreiwillig dazu durch diese fatal gemischte Einlassung eingeladen hat. Mir geht es um die Begründung dieser Nachsicht.
Erstens Ritterlichkeit. Es gibt einen Standard männlichen Verhaltens Frauen gegenüber. Zweitens Sportlichkeit. Es gibt einen Standard des Verhaltens Verlierern gegenüber. Drittens Fairplay, auch im stets kontroversen politischen Wettbewerb. Ich füge viertens Caritas hinzu; das ist im Lutherdeutsch Nächstenliebe, die keine Häme kennt, wenn sie auf Schwäche trifft. Das reicht ja wohl.
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KLARE KANTE.
Die Hauptstadt sucht nach einer Regierung; ein Wahlergebnis ist zu berücksichtigen. Man sondiert im Geheimen. Es verlautet, die Dinge seien schwierig. Finde ich nicht.
Ich möchte keine Faschisten an der Macht sehen, die die Verteufelung von Fremden in dem Konzept einer Volksgemeinschaft pflegen und Abstammung über Aufklärung stellen. Damit ist die AfD, egal, was sie sagt, raus.
Ich möchte keine Kommunisten an der Macht sehen, die Privatvermögen enteignen wollen, um die Wirtschaft wieder als Volkseigenen Betrieb führen zu können und den Staat über das Individuum stellen. Damit ist die Links-Partei, egal, was sie sagt, raus.
Ich möchte nicht in Berlin mit Befürwortern des islamischen Staatsterrors und Antisemiten Gettos bilden, die die Scharia einführen. Oder über Staatsbürgerschaft als biologisches Privileg reden und meinem Nachbarn mit Vertreibung drohen. Oder Europa zugunsten russischen Vasallentums verlassen wollen. Von den Freunden des organisierten Verbrechens nicht zu reden. Das alles möchte ich nicht, egal, was die so in den Senkel Gestellten jetzt sagen, um doch noch an die Futtertröge zu kommen.
Damit müssen die verbliebenen Parteien der bürgerlichen Mitte sich halt zusammenraufen, auch wenn einander verleidet. Schwarz rot grün. Zweckdienliche Lippenbekenntnisse faschistischer oder kommunistischer Lautung helfen ersatzweise nicht. Wenn es damit nicht reicht, Neuwahlen. So einfach ist das, wenn man Prinzipien hat.
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INTERNATIONALER FRÜHSCHOPPEN.
Heilige Orte der Bonner Republik. Wir sprachen über das italienische Restaurant Da Bruno. Dann muss noch erwähnt sein der Deutsche Presseclub im Regierungsviertel mit dem legendären Bartender Karl Rosenzweig, von jedermann „Karlchen“ genannt, auf dessen Diskretion angeblich Verlass war. Ich werde hier nichts Gegenteiliges behaupten, schon gar nicht etwas Ehrenrühriges. Will aber doch nicht verheimlichen, einen SPIEGEL-Reporter gekannt zu haben, der stante pede Satz wie Suppe stehen ließ, wenn ihm ein Anruf übermittelte, dass hier gerade eine sehr interessante Konstellation besoffen und redselig sei.
Stammgast bei Karlchen war Werner Höfer, der Ur-Vater des WDR und, solange ich auf der Welt, sonntags zu Mittag Gastgeber des „Internationalen Frühschoppens“, zu dem er mit eiserner Disziplin jeden Sonntag zu Wein und Tabak lud, um den Germanen an den Geräten eine kosmopolitische Runde der Auslandspresse zu bieten. Höfer residierte, wie gesagt, zum Feierabend oft bei Karlchen, wenn er nicht auf Sylt weilte, von wo der Barchef übrigens ursprünglich stammte. Der blasierte Höfer war ein Symbol für die neue Weltoffenheit der westgebundenen Republik, der Umerziehung mittels BBC, sprich öffentlich-rechtlichem Rundfunk, und der Nachkriegsverlogenheit der Deutschen. In seinen eigenen Worten sei er als NSDAP-Mitglied zwar kein Widerstandskämpfer gewesen, aber auch kein Schreibtischtäter. Das war gelogen; ich traf ihn in Bonn, als er darüber schon in Schande gekommen und in Ungnade war; ein gebrochener Mann. Wo ich ihn traf? Im Presseclub.
Dabei fällt mir ein, dass ein Berufskollege, mit dem ich mich wegen geschäftlicher Dinge zerstritten habe, über den Presseclub in der Brüningstraße zu erzählen wusste, den ich allerdings lange nicht gesehen habe; seine Mutter wirkte dort wohl als Gesellschaftsdame. Sven wusste jedenfalls viel Anekdotisches. Jetzt fällt die Bank, für die er auch mal sprach, in die Hände der Italiener. Italiener lässt man in die Küche oder die Kasematten, aber nicht an die Kanone oder die Kasse. Wünscht man, Kosmopolitik hin oder her, niemanden; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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PRO DOMO.
Der spätere Bundespräsident und frühere Ministerpräsident in NRW, den seine Freunde „Bruder Johannes“ nannten, galt als versöhnender Charakter. Ich habe seine evangelische Art gemocht. Er hatte ein gewisses christliches Charisma, das vielen seiner Nachfolger an der Spitze der SPD abging; zuletzt dem seelenlosen Scholzomaten. Der zur Zeit agierende Ober-Sozi frisst sich das Gemütvolle gerade an. Das könnte noch was werden. Jedenfalls galt für Johannes Rau das Motto „versöhnen statt spalten“. Eigentlich sollte das das Erbe Willy Brandts sein. Manieren der Mitte.
Heutzutage ist zweifelhaft, ob die unterschiedlichen Parteien noch koalitionsfähig sind. Die Lindnersche Gehässigkeit, der Habecksche Hass und der Kölner Kommunismus aus der Ampel-Zeit wirken nach. Das hängt damit zusammen, dass ein Politiker immer mit zwei Zungen spricht. Er will dem Wähler insgesamt als diplomatischer Souverän erscheinen und seinen eigenen Leuten als scharfer Hund. In Bayern nennt man das Bierzelt-Rhetorik. Keine Manieren als Mythos.
So kommt es, dass die Sozialministerin Bärbel Bäs aus Walsum trotz unzureichender Englischkenntnisse ein Kanzlerwort „bullshit“ nennt. Mit Kuhfladen bezeichnet der Amerikaner wirklichen Unsinn. Die Frau Ministerin wollte eigentlich sagen, dass ihre Basis anderer Auffassung als der CDU-Kanzler ist. Warum wird man so ausfallend? Wegen der Biersäufer in Walsum; das ist ein Vorort von Bottrop, wo man Bottropsky für sacht.
Johannes Rau machte das so: Bevor er an’s Rednerpult trat, wies er an, dass die obligatorische Wasserflasche links zu stehen hatte. Er ging dann in die Bütt und rügte als allererstes die Position des Getränks. „Weil die Flaschen immer rechts stehen!“ Brüllendes Gelächter im Saal. Ich habe die Nummer x-mal gesehen; sie hat immer geklappt.
Was die Freundschaft der liberal gesinnten Demokraten unterläuft, ist ihre gemeinsame Furcht vor den blau-lackierten Faschisten. Und damit haben die, die ganz rechts stehen, schon eine erste Runde gewonnen. Man lässt sich seine Manieren nicht vom politischen Pöbel nehmen.