Logbuch
HABERMAS IST LUHMANN FÜR DOOFE.
Wie begründet man als Wissenschaftlicher ein Fach, eine eigene Schule? Nun, indem man viel publiziert. Das scheint ja klar. Aber erklärt man sich dann in diesem Schrifttum? Nein, man vergeheimnist sich. Das Verfahren nenne ich „akademische Enigmatisierung“, kapiert?
Ein guter Anfang ist gelegt, wenn man sich auf entlegene Bezüge stützt. Der Soziologe Niklas Luhmann wählt dem entsprechend einen chilenischen Biologen und einen spinnerten Kybernetiker. Wem ist schon Humberto Maturana geläufig oder Heinz von Förster? Als nächstes zieht man aus den Exoten Heinz & Humberto eine abgedrehte Fragestellung in entlegener Terminologie. Bei Luhmann die Frage der „Allopoesis“. Soviel Griechisch muss sein. Ob ein System von seiner Umwelt lebt. Die Antwort ist NEIN.
An diesem Punkt sind zwei der Säuligenheiligen meines Fachs, wie sie selbst mir gegenüber bekundet haben, bereits ausgestiegen; aber da will ich keine Namen nennen. Ich wollte eigentlich erzählen, was mir kürzlich bei Saskia eingefallen ist, das ist meine Frisörin; nämlich wie Luhmann in der Vorlesung erzählte, er habe sich die Haare schneiden lassen. Zunächst aber zur „Allopoesis“.
Humberto, Heinzi und Niklas haben ein einfaches Grunderlebnis, sie staunen über das Wunder des Lebens. Sie empfinden Ehrfurcht davor, dass das Leben bestrebt ist, eben das zu bleiben, am Leben. Das ist der Unterschied eines Lebewesens zu einer Maschine, sagen wir einer Rolex. Der Grottenolm in der Höhle wie Bambi auf der Lichtung sorgen sich aus sich selbst um die Erhaltung ihres Lebens, Autopoesis genannt, während die Rolex, auch als Automat, der äußeren Bewegung bedarf, um überhaupt ticken zu können, Allopoesis genannt. Rolex gebiert keine Rolexe.
So kommt es dann in der Systemtheorie zu der Beschreibung autopoetischer Systeme, deren Inhalt KOMMUNIKATION ist, aber nicht Menschen oder Schwanzlurche oder Bambis. Die Gesellschaft besteht aus Kommunikation, sagt Luhmann, und nicht aus Menschen. Denn, wenn er sich die Haare schneiden ließe, würde doch dadurch nicht die Gesellschaft weniger. Er hatte einen kruden Homor, der Heilige der Zettelkästen.
Was er meinte: Gesellschaft ist ein System, also eine Struktur mit Funktionen, aber keine Menge mit Elementen. Wer das kapiert, gehört dazu; wem sich das verschließt, muss halt Habermas-Schüler bleiben, sprich Luhmann für Doofe.
Logbuch
WAS GESCHRIEBEN STEHT.
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt…“ Zum großen Stolz meiner Frau Mutter wusste ich als Knabe die WEIHNACHTSGESCHICHTE auswendig daher zu sagen. In kurzen Hosen stand ich vor dem geschmückten Baum und rezitierte die Luther-Übersetzung des Lukas-Evangeliums. „Woher hat der Junge das?“
Ich war seitens meiner Eltern keinem religiösen Eifer ausgesetzt. Die Mutter katholisch und der Vater Spross der „Versammlung“, nämlich ostpreußischer Protestanten, waren die beiden Heiratswilligen übereingekommen, sich kirchlich auf der Mitte zu treffen; man wurde evangelisch. Ich wurde daher wie von selbst Katechumene und Konfirmand in der Kirche Luthers. Erwartet wurde von mir zuhause im Religiösen eigentlich nichts, aber ich galt irgendwann als „bibelfest“.
Das meint jene Rechthaberei von Schriftgelehrten, die ihr Halbwissen mit allerlei Zitaten zu tarnen wissen. Sie sind streitsüchtig und heben immer an mit: „Es steht geschrieben…“ Der lapidare Spruch des Zitats wird geadelt, indem man mit dem Habitus des Pharisäers die Bibelstelle anzuführen weiß. Das ist schon übel, wenn es um das Neue Testament geht; aus den philologischen Urgründen des Alten Testaments tauchen ganz kryptische Dinge auf. Es herrscht der Geist der Unduldsamkeit und der strafbewehrte Wille zur Belehrung.
Diese Schlaumeierei der Idioten feiert bei den Evangelikalen in der USA Urstände. Bei deren Übungen zur Laienexegese muss der Nazarener an sich halten; da bin ich sicher. Das gleiche Halbwissen höre ich in der predigenden Anwendung des Koran. Patriarchalische Herrschaft. Wie die Juden es mit dem Talmud halten, weiß ich nicht, ich fürchte aber das gleiche Elend. Das ist ja das Übel mit all den Schriftgelehrten, dass sie nicht gelehrt sind.
Bei modernen Berufen leiden insbesondere die Juristen an dieser Manie der Zitation, am schlimmsten jene, die gar keine sind: Politiker mit dem Völkerrecht oder dem Grundgesetz unter dem Arm. Wer könnte Frau Roth oder Herrn Hofbauer von den Grünen mal erklären, dass das GG eine Verfassung ist, die die Rechte des Staates beschränkt, aber eben keine Maßregel für den sozialen Umgang? Anmerkung: Wenn jetzt jemand „Lüth-Urteil“ sagt, sofort erschießen.
Wo waren wir? Bei der peinlichen Buchstabentreue des Pharisäers, dem liberalen Geist der alten Schriften und dem verbindlichen Gebot der „sprezzatura“. Entspannt Euch. Der Herr, der Euch da heute geboren wird, war kein Rechthaber.
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DER TITAN UND DIE POMMES.
Zu berichten ist von einem Abend mit Daniel Barenboim und Martha Argerich in der Berliner Philharmonie; es gab Beethoven (grandios, ironisch und keck) und leider auch Brahms (über den Rheingau, wie immer ein Langweiler). Ein Erlebnis von großer Kraft.
Das Haus feiert das über achtzigjährige Paar; man kennt sich aus früher Jugend aus Kreisen jüdischer Migranten in Argentinien. Eine großartige Pianistin, die Argerich, wie die klavierspielenden Wunderkinder Barenboim und Beethoven. Lassen wir die notorischen Mäkeleien an Brahms mal beiseite: Das Konzert hatte eine hohe Würde in der zarten Zerbrechlichkeit, die das hohe Lebensalter bedingt. Die Philharmoniker zudem ausgezeichnet wie immer (eine sehr schöne Cellistin fällt mir als neu auf; hoch konzentriertes Spiel).
Barenboim ist eben auch politisch eine Ikone. Er steht für ein west-östliches Orchester, in dem israelische und palästinensische wie andere arabische Musiker zusammen spielen. Das ist der Sinn des Musizierens, man konzertiert. Barenboim war im Sinne der Aufklärung sehr oft sehr mutig, sprich politisch nicht korrekt. Der stehende Beifall wollte gestern Abend nicht enden. Ein Lebenswerk wurde geehrt.
Barenboim ist auch Berlin. Ich traf ihn kürzlich in Dahlem vor einem Take-Away-Imbiss und will meine Wertschätzung in einem kleinen Gespräch zum Ausdruck bringen, biete ihm also die Hand. Bevor ich anheben kann: Ein geneigtes Lächeln, er hebt die Plastiktüte mit dem Alupäckchen hoch. „Die Pommes werden kalt…“, sagt er, sich entschuldigend und geht weiter. Ich mag diese Bescheidenheit der wirklichen Genies.
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KÖRPERSPRACHE.
In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.
Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.
Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.
Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.
Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.
Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“