Logbuch
DOMESTIZIERT.
Herr Meyer geht mit dem Hund. Ich sehe ihn von meinem Lesesessel aus am späten Morgen und Nachmittag. Jeden Tag. Das Tempo scheint der Hund zu bestimmen; man würde eher von einem Spaziergang sprechen wollen, jedenfalls kein Marsch, den das seltsame Paar, da in schöner Regelmäßigkeit absolviert.
Man kennt solche Hundehalter wohl „Herrchen“, eine Verkleinerungsform von HERR, die als Diminitivum ihre Berechtigung hat. Denn der Mensch erscheint hier als Diener des Tieres. Herr Meyer liest die Hinterlassenschaften des Köters mit schwarzen Beutelchen auf. Wie das wohl aus der Perspektive des Tieres aussieht? Wenn man dann sieht, wie der Herr die Kotbeutel klammheimlich in die Mülltonnen seiner Nachbarn schmuggelt, dann ist jeder Respekt dahin.
Es geht eigentlich der Hund mit Herrn Meyer. Mir fällt in Berlin auf, dass viele Obdachlose, insbesondere die Junkies unter ihnen, Hunde haben. Gepflegte und gut genährte Tiere. Wahrscheinlich zum Schutz und wegen der Kälte in den Beziehungen der Suchtkranken untereinander. Das Leben dieser Tiere ist nicht langweilig, was sie zu guten Wachhunden macht. Das Schicksal ihrer Halter rührt mich natürlich; das Leben unter Brücken sollte nicht sein.
Aus der Perspektive dieser Hunde aber lebt ihr Halter so wie sie, also artgerecht. Welch eine bittere Ironie, artgerechte Haltung des Herrchens. Ich werde Herrn Meyer mal darauf ansprechen, wenn er mit dem Hund geht. Sprich, der mit ihm.
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DIE FARBE DER DEMOKRATIE.
Gegen braune Schreckgespenste, die an den Horizont gemalt werden, regt sich der Wunsch nach einer lebendigen Demokratie. Gut so. Das finde ich aber begrifflich schwierig. Denn das Gegenteil, eine tote, die hat ja einen Namen: Diktatur. Droht die? Ich sollte das als Politologe sagen können. Was meint der Fachmann?
Meine Erinnerungen an das Studium der Sozialwissenschaften an der Ruhr Universität Bochum in den 80er Jahren ist episodisch geprägt. Wie könnte es anders sein. Heute lese ich politische Einordnung meiner Dozenten nach und treffe auf Überraschungen. Was aus diesem oder jenem so geworden ist. Oder war ich damals zu naiv? Natürlich waren wir naiv.
Wir hatten im politischen Spektrum alles. Die Auswahl war wirklich groß. Einen angeblichen Faschisten aus Griechenland und einen Konservativen, der sich zum Theorielieferanten der Neuen Rechten entwickelt haben soll, aus dem Münsterland. Linke der alten Schule ungarischer Provenienz, Ostberliner DKPisten, MLer mit Mao-Liebe und Neulinke mit Schweizer Wurzeln. You name it.
Einer von denen sagte: „Man kann nicht mehr oder weniger DEMOKRATISCH sein; man ist es oder nicht.“ Der Mann hatte seinen HOBBES gelesen; dessen LEVIATHAN ist ein rigoroser Bursche. Das widerspricht natürlich den Sehnsüchten nach einer „bunten Demokratie“, wie sie sich in den Demonstrationen an vielen Orten formuliert. Das leitet über zu der Frage, ob man mehr oder weniger deutsch sein kann. Auch so ein Unsinn. Jeder deutsche Staatsbürger ist ohne jede Einschränkung ein DEUTSCHER. Oder eben eine DEUTSCHE. Und wir alle sind irgendwann Migranten; nur der Dorfdepp, der war schon immer hier.
Gerade als Migrant kann man noch eine zweite Staatsbürgerschaft haben; das ist biografisch plausibel und politisch klug. Bei einer dritten wird es wohl juristisch schwierig. Man sollte aber auch willentliche Wahlheimaten zulassen. Und man kann Europäer sein wollen, wenn man darunter jenes westliche Konzept versteht, das aus den französischen und englischen Demokratien seit der Aufklärung erwachsen ist. Man kann sich als westlicher Liberaler begreifen. Oder als Liberaler überhaupt.
Solche politischen Konstruktionen unterliegen dem Wandel. Beispiel Brexit: In Großbritannien denken die Engländer und Waliser seperationistisch, die Schotten und Nordiren europäisch. Warum, das weiß der Henker. Die deutsch-französische Freundschaft ist neueren Datums. Und in Polen sieht man, wie die Moderne (Rechtstaatlichkeit, Gewaltenteilung) verteidigt werden muss. Zu Ungarn sage ich nichts wg. peinlich.
Also: Die Demokratie hat keine Farbe, wenn sie eine ist. Die Farben achten sie, wenn sie demokratisch sind. So wird ein Schuh draus.
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TUE GUTES UND REDE DRÜBER.
Ich habe einen der Ur-Väter der PR in Deutschland noch als Kollegen erlebt. Georg Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim machte die Presse beim Stromverband und ich die PR. Er war wichtig und ich hatte das Budget; diese Mesalliance geht ja immer zu Gunsten der Knete aus. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Graf kam von Krupp und hatte sich aus deren US-Studien zu der Mode der industriellen Pressebureaus ein Schatzkästlein an PR-Sprüchen zusammenplagiiert. Daher sein Buchtitel über die Rede zu dem Guten, was man getan habe, um damit zu glänzen. Ich habe damals darauf repliziert und ein Büchlein veröffentlicht mit dem Jahrhunderttitel TUE NUR SO UND REDE DARÜBER. So ging die Kontroverse.
Mein satirischer Titel ist bis heute das Motto der Kommunikation auf LinkedIn: Eigenlob, selektives Eigenlob der vordergründigsten Art. Fachleute nennen diese Exzesse an Eitelkeit nach einem psychiatrischen Krankheitsbild des Narzissmus AUTOESTIMATION. Zwei ordnungspolitisch prekäre Unternehmen stechen nach meiner Wahrnehmung hier in besonderer Weise hervor. Ich kann sie aber beide nicht nennen, da ich mich bei beiden um ein Mandat beworben habe, aber nicht durchgekommen bin. Das sähe ja nun wirklich schräg aus, wenn ich als schlechter Verlierer daran beckmessern würde. Sollen sie also.
Zudem sind es dort zufällig weibliche CEOs und in die Gender-Falle will man ja auch nicht. Aber fachlich (!) wird man etwas sagen dürfen. Wenn vorsätzlich wirkliche Schwächen verborgen werden und vermeintliche Stärken ausgelobt, das ist es ja, was Graf Zedtwitz meinte, dann entsteht schon ein zartes Moment der Täuschung. Der Kommunikationsform WERBUNG ist das inhärent. Das ist daher nicht zu tadeln, aber als Kunde, sprich potentielles Opfer, werde ich es anmerken dürfen. Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.
Einen Luhmann-Schüler stört das fachlich nicht, im Gegenteil. Er weiß eh, dass PR eine sozial tolerierte Täuschung ist. Mit Graf Zedtwitz war ich mir da einig. Er hatte nur die Bitte, dass man es nicht auch noch ausspricht. Er hat mich mal in seiner Junggesellenbude in Offenbach einen vollen Herrenabend lang bekocht, acht Gänge seien es, war seine Rede. Es waren allenfalls fünf. Dies auch noch zu erwähnen, das hätte er für DEGOUTANT gehalten. Solche Wörter habe ich von ihm gelernt. Wer zu genau hinschaute, etwa mit dem kalten Blick der Wissenschaft, der war für ihn schlicht geschmacklos. KEIN COMMENT, waren seine Worte.
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KÖRPERSPRACHE.
In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.
Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.
Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.
Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.
Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.
Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“