Logbuch

STAATSVERSAGEN.

Ich war in einer halben Stunde bestens bedient. Leider zu einem etwas blöden Anlass. Mein Führerschein macht vier Wochen Urlaub bei der Bußgeldstelle der Kreisverwaltung Montabaur. Ich durfte ihn da abgeben. Höflich, nett, effizient. Hätte in Berlin mindestens sechs Stunden gedauert. Auf den Bürgerämtern Berlins liegen, Stand heute, 250.000 Anträge unbearbeitet, sagt die Presse am Ort. Das sind so „unwichtige“ Dinge wie Pässe oder Geburtsurkunden.

Mir erläutert ein Insider der Berliner Bürokratie, warum die Qualifikation der Beamten sehr überschaubar sei. Jeder halbwegs qualifizierte wechsele zu den Bundesbehörden am Ort, wo besser gezahlt werde. Was auf Landesebene zurückbleibe, müsse es, weil es an Qualifikation mangelt. Das ist ein böser Vorwurf und ich bitte alle zu Unrecht getadelten um Nachsicht.

Aber immer diese Possen: Eine Berliner Bürgerin braucht für drei Fotokopien eine Beglaubigung. Sie zieht sich eine Nummer und wartet anderthalb Stunden. Dann endlich an der Reihe, wird sie von der Senatsbediensteten rüde ermahnt, so gehe das nicht. Sie könne eine (1) Beglaubigung haben. Für die anderen beiden Beglaubigungen müsse sie sich gefälligst jeweils eine neue, eigene Nummer ziehen, um erneut zu warten. Ob das heute noch bis Feierabend klappt …

Der Ruf der Berliner Behörden ist so schlecht, dass man skeptisch wird, ob das überhaupt stimmen kann. Jedes Mal, wenn es mir anders ergeht, bedanke ich mich überschwänglich. Noch Freitag bei den Parkhostessen bei der Anwohnerkontrolle, ansichtig des niedersächsischen Kennzeichens. Die Gesichter echt verdutzt. Die glaubten, sie sind einem Irren begegnet. Sie haben unter sich achselzuckend dann „Westdeutscher“ gesagt. Das ist das gleiche.

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DIENEN WOLLEN.

Der erfolgreichste Unternehmer der Welt, den die Presse als „talentierten Mr. Amazon“ führt, begann als kleiner Versandhandel für Bücher. Jeff Bezos oder so heißt der unglaublich reiche Glatzkopf, der nun in Pension geht. Mit 200 Milliarden Dollar Vermögen. Er hinterlässt ein Imperium, das RETAIL (Einzelhandel) neu definiert hat und ganze Innenstädte verödet. Ein GAME CHANGER. Wie konnte er es schaffen? Gründungsidee? Einen „Mail Order“-Buchhändler gab es schließlich schon früher; ich erinnere da so was in München. Ging aber wohl pleite. Nun, Amazon hatte als Motto SERVICE. Der Kunde sollte unbedingt (!) zufrieden sein. Eine Floskel?

Als ich gestern bei ARAL für 100€ getankt hatte, sollte ich im Bistro des CONVENIENCE-Stores für einen Becher zu einer miterworbenen Picolo-Flasche Sekt 15 Cent zahlen; es handelte sich um einen Pappbecher vom Kaffeeausschank. Bei Kaffee (4,80€ der Becher) gratis, bei Kühlware 15 Cent on top. Sekt aus Pappe schmeckt ekelhaft, aber die Blonde hatte Durst. Kein Pfand, Einwegkaufpreis des Trinkgefässes. Plastik ist ohnehin verboten. Glas haben sie nicht. Ist eh, sagt die pissige Dame, to-go, meint: Take-away. Nein, Payback habe ich nicht. Nein, ADAC bin ich nicht. Nein, Gutschrift auf künftiges Tanken will ich nicht. Ja, ich weiß, dass ich nicht im Bistro aus der Flasche trinken soll. Die Maske der Dame hängt an ihrem Handgelenk. Sie ist angenervt, pissig. Ich gehe, als Trottel ausgewiesen, murrend.

ARAL war mal meine Marke. Ich war markentreu. Ich habe schließlich da mal als Pressechef gearbeitet, als sie noch nicht zu BP gehörten. Wenn ich könnte, würde ich künftig bei Amazon tanken. Keine Pointe.

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ZWISCHEN BAUM UND BORKE.

Das war peinlich. Ich saß in einem Schloss zum Dinner mit den Präsidenten eines BENTLEY CLUBs, sauteure Oldtimer, vornehme Herrschaften. Am Tisch mein damaliger Boss, der sich für anglophil hielt. Zur Konversation genötigt, beginne ich: „The Guardian had this story on…“ Der Bentley Boy (historisch korrekte Anrede solcher Gentlemen) neben mir unterbricht und fragt mich mit steifer Oberlippe, ob ich etwa den MANCHESTER GUARDIAN meine. Voll blamiert, ein despektierliches Blatt zitiert. Abstriche in der Haltungsnote…

Der GUARDIAN ist zweihundert Jahre alt; seit 1959 verzichtet er auf die Nennung des Geburtsortes, an dem eine neue Mittelklasse von Textilunternehmern aufbegehrte. Damals war liberal etwas anderes als heute, aber eben nie „Tory“, wie es dann heißen sollte. Das Blatt ist klar links der Mitte und brüstet sich mit INVESTIGATIVEM JOURNALISMUS. Eine Festung dessen, was sich bei uns der HALTUNG verpflichtet weiß. Ja, in der Redaktion eine selbsternannte Elite mit moralisch formuliertem Bekehrungswillen. Und Verdiensten.

Vor die Frage nach der angemessenen MEINUNG haben die Götter nämlich die Frage danach gestellt, was überhaupt passiert ist. Bevor es um die WAHRHEIT geht, muss es um die WIRKLICHKEIT gehen. Das ist der Kern der Aufklärung, dass es immer mehrere Meinungen zu verschiedenen Wahrheiten geben kann, aber eigentlich nur eine Wirklichkeit. Aber auf „Twitter“ kann man das nicht diskutieren; dort tobt der rigorose Meinungsmob. „Was war wirklich?“ Meine Generation hat das schon während des Vietnamkrieges der Franzosen und der Amerikaner gelernt; der Irakkrieg der Amerikaner und Engländer ist ein aktuelleres Exempel. Propaganda täuscht über die Wirklichkeit, lange bevor es um Wahrheiten oder gar Meinungen geht.

Der GUARDIAN hat in seiner Blattgeschichte sehr oft für helle Wut und für bittere Enttäuschung gesorgt. Die Rechte war sauer und die Linke traurig. Zwischen Baum und Borke, aber auf der Suche nach dem, was wirklich passiert ist. Ich finde, da gehört Journalismus hin. 

PS: Ich lese den GUARDIAN, auch hinter der Bezahlschranke (was das Blatt galanter macht als deutsche Verleger).

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ZOFF IN HÖHEREN KREISEN.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch für die Magister, wenn sie Doktor werden wollen. Der Wissenschaft selbst ist Wettbewerb nicht fremd, die Universitäten sind zudem kleinbürgerliche Neidkulturen. Wie immer, wenn man ein Übel verkleiden will, erfindet man dafür ein schöneres Wort. Der Betreuer einer Doktorarbeit heißt deshalb Doktorvater.

Ich hatte einen Vater in der Frage; und fühle mich bis heute in seiner Schuld. Mein Gruß geht nach Bochum. Es gibt aber auch Rabenväter, die sich nicht kümmern und die feudale Abhängigkeit ihrer Studenten für ein Erbrecht halten. Der Pflicht zur Brutpflege entspricht ohnehin eher die Rolle der Mutter. Da hatten wir bei uns auch schon, lobenswerte Doktormütter. Alles in allem aber ein schwieriges Milieu von Neidern: Kollegialität auf den Lippen, Niedertracht im Herzen.

Ich selbst habe aus meinen Lehrjahren noch eine offene Rechnung bei einem Mitkämpfer (das heißt Kommilitone ja), der mir damals einen entlegenen englischsprachigen Aufsatz wegschnappte, indem er ihn hinter meinem Rücken kurzerhand selbst übersetzte und publizierte. Kein Verbrechen, aber eben auch nicht fair. Ich war sauer, vor allem über mich, der ich zu leutselig und zu langsam war. Vergossene Milch.

Kaum sind fünfzig Jahre um und ich sehe Gelegenheit zur Rache. Man muss nur lange genug an der Biegung des Flusses sitzen, bis die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen. Die Ratte wird, lese ich, bei einer Literaturpreisverleihung die Festrede halten sollen. Ich sitze, was er nicht ahnen kann, in der ersten Reihe, weil ich den Preisträger kenne, ein Kumpel. Ich war der Entdecker des Dichters. Aus der Laudatio mache ein Debakel, nein, ein Lustspiel, eine Farce! Man war ja lang genug Teil der studentischen Protestszene, um zu wissen, wie das geht. Man komme mir nicht mit Altersweisheit; ich will Rache.

Ich werde mich aufführen, als hätte ich weder Vater noch Mutter. Ich meine, akademisch. Bei längerem Nachdenken fallen mir andere Literaturpreise mit skandalierten Laudationes ein. Vielleicht doch kein so ganz revolutionäres Format. Ich entscheide mich für eine andere Variante. Ich werde so tun, als kenne ich ihn gar nicht. Begrüßung: „Und Sie sind Herr ???“ Das trifft die Ratte mehr als ein Tadel. So mache ich das. Namen und Termin in den Drukos.