Logbuch
KERNENERGIE UND KÖFTE.
Gestern Einladung zum Abendessen bei grünem Lobbyisten, den ich lange kenne. Neue Adresse. Bei der Anfahrt mit dem Uber-Taxi bemerke ich, dass es nach Dahlem geht. War früher X-Hain. Hinter diesem Code, Berlinkenner staunen, verbirgt sich eine kleine Sensation.
Der Laden hat früher Kommunen in grüne Abenteuer gelockt. Die Energiewende scheint weltweit mittlerweile vor der Wand, sagt jedenfalls der Kubaner, der den US-Außenminister gibt, in München. Aber die Lobby von Gülle-Kraftwerken und Aggro-PV (Mais, Mist & Sonne) hat zwischenzeitlich richtig Kasse gemacht. Villa in Dahlem für kleines Geld geschnappt, sagt der ehemalige Kreuzberger. Ich höre bei Köfte und Erbsenbrei, dass Wind noch immer super laufe, aber auch Gas. Das freut meine Seele, der ich ja aus dem Karbonischen komme.
Wir sind beim Nachtisch und über Honiggebäck und Mokka fällt mir ein, dass ich hier schon mal war. Ich kenne diese Bude im piefigen Dahlem. Es muss eine Tagung der Kerntechnik gewesen sein, die sich damals Dahlem noch leisten konnte, als ich vortrug, dass die Kernenergie in Deutschland politisch eine Chance habe, wenn Rotgrün sie wolle. Ich wurde damals zwar nicht direkt ausgelacht, aber belächelt, was noch mehr schmerzte.
Jetzt redet man hier über Wasserstoff aus der Elektrolyse mittels Atomstrom. Ich staune. Spaßeshalber erzähle ich von der Hydrierung heimischer Steinkohle zu Öl und Gas, wie in Essen 1937 und 1980 geplant. Ich dachte, jetzt geht es zur Sache, aber ich blicke in interessierte Gesichter. Und der grüne Gastgeber erwähnt, Merz habe mit Macron darüber gesprochen, wie wir auch in den militärisch-industriellen Komplex kommen. Da könne man ja noch mal über den Ausstieg aus dem Ausstieg reden. Habe ich ja gesagt, mit den Grünen geht alles.
Kurzum, ich bin zu lange dabei; die Geschichte wiederholt sich. Jedenfalls hat der Abend bewirkt, dass ich jetzt Köfte in mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette aufnehme. Wir hatten ja bisher nur von Köttbullar, Hamburgern und Königsberger Klopsen gesprochen.
Logbuch
ZWECK EHE.
Wenn sich Adelshäuser zu politischen Bündnissen entschlossen, gab es, der Erblichkeit der Titel wegen, keine anderen Möglichkeiten als die der Verheiratung ihrer Infanten. Die Zweckehe war gang und gäbe; gleichwohl war Nachwuchs zu zeugen. Ab in die Kiste! Unfruchtbarkeit oder Impotenz kamen dieserhalben ungelegen. Man lese nach, welche Mühe damit Heinrich der Achte zu England hatte.
Der Adel tolerierte in seinen Kreisen deshalb wie selbstverständlich Mätressen und sonstige Beschäler, da Konvenienz und Zuneigung nichts miteinander zu tun hatten. So wie spontane Paarungsbereitschaft und ewige Liebe unterschiedlichen Welten entstammten. Liebschaften gab es zuhauf, manche länger als Ehebündnisse. Die Neigungsehe ist daher ihrem Wesen nach eine originär bürgerliche Einrichtung, deren faktische Bedeutung allgemein überschätzt wird. Die Ahnenforschung hat schon immer angenommen, dass die Angabe des Vaters in Urkunden nur eine postnatale Willensbekundung der Mutter ist („pater semper incertus“).
Lust und Laune endgültig versaut haben die christlichen Kirchen, die alles in einen Topf warfen, den Sex, die Fortpflanzung, die Caritas und das Ewige Leben; unter den Protestanten dann in der eintönigen Tristesse der Kleinfamilie. Ekelhaft. Inzwischen spricht die Scheidungsrate ein offenes Wort.
Ehen zerfallen, Elternschaft ist ewig. Festzustellen ist allerdings, dass insbesondere Zweckehen ewig halten. Ich schenke allen Wesen, die die Konvention, Gewohnheit oder Neigung auf immer aneinander kettet, heute ein Valentinsgedicht in wunderbarem Mittelhochdeutsch:
„Dû bist mîn, ih bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzellîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.“
Logbuch
DAS FIKTIONALE.
Was nicht faktisch ist, den Tatsachen entsprechend, das muss man fiktiv nennen, erdichtet also, bloße Spinnerei. Vielleicht sogar in böser Absicht und übler Art Gefälschtes, im Amerikanischen „fake“ genannt. Zwischen diesen beiden Inseln unseres Urteilsvermögens liegt aber der Ozean des Fiktionalen, ein Weltmeer des Erdichteten. Kleine Märchen und große Mythen. Da mischt sich das Faktische mit dem Fiktiven zum Fiktionalen. Wesen aller Religionen. Davon will ich berichten und Königsberger Klopsen.
Zunächst zu einem gerade wiederentdeckten Stück Trivialliteratur, einem 1965 in den USA erschienen üblen Roman über einen fiktiven US-Präsidenten, der sie nicht mehr alle hatte. Das Ding führt eine „Nacht in Camp David“ im Titel. Ich lese im Netz: „Der darin erfundene (!) Präsident Mark Hollenbach bestellt den jungen Senator Jim McVeagh nachts zu sich nach Camp David in Maryland. Er eröffnet ihm, dass er der nächste Vizepräsident sein soll, weil er dem amtierenden nicht mehr traue. Zwei Treffen in Maryland finden im Dunkeln statt, weil sich Hollenbach stets beobachtet fühlt. Er möchte, dass das FBI fortan jedes Telefongespräch überwacht und will, notfalls mit militärischer Gewalt, eine Union mit Kanada und den skandinavischen Staaten errichten. Die Bevölkerung Skandinaviens sei diszipliniert und charaktervoll, er selbst stammt von nach Deutschland ausgewanderten schwedischen Vorfahren ab und McVeaghs Gattin sei ja Schwedin. Auch mittels Wirtschaftsmacht und Zöllen will Hollenbach fortan Druck ausüben.“ Und so weiter. Und so fort.
Erste Frage: Kanada? Na gut, aber Schweden? Wie kommen die Wikinger zu diesem guten Image? Was formte diese blonden Piraten zu so edlen Menschen? Es könnte am Verzehr von „Köttbullar“ liegen. Wenn ich eines Tages mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette schreibe, wird sich ein ganzes Kapitel nur den schwedischen Hackfleischbällchen widmen. Und natürlich dem flachen Bratbruder der Frikadellen, dem sprichwörtlichen Hamburger, der mit einem Analogkäse-Überzug als „Cheeseburger“ zum Hauptgericht dessen gehört, den ein irischer Dichter (!) gerade im New York Book Report einen „orange overlord“ nennt. Das ist bestimmt Fiktion und eine, wie Kipling sagt, andere Geschichte.
Schweden als Leitkultur? Der blonde Hüne aus dem Skandinavischen ist zu seinen Zeiten überall im Transatlantischen rumgekommen, weil er küstennahe Piraterie betrieb. Also das, was die Hanse der Hamburger später kultivierte. Eine urbane Hochform dieser Zivilisation war weit im Osten das Preußische zu Königsberg. Die Stadt der größten Gelehrsamkeit mit dem epochalen Immanuel Kant. Schon zu seinen Zeiten eine blühende Enklave im Russischen, heute Kaliningrad. Meine Kulturgeschichte der Boulette wird den Königsberger Klops zum Edelsten erklären, was die gemeinsame europäische Geschichte hervorgebracht hat. Übrigens gehört an die Mehlschwitze mit Kapern immer auch eine Sardelle.
Heute mal nur kulinarische Notate, man kann nicht immer über Politik reden.
Logbuch
NEUES VON DER RESTERAMPE.
Wir hatten hier schon geklärt, dass wir, in der Tradition von AA Gill, jede Restaurantbegleitung, auch die männliche, als Blonde führen. Das nur zur Diskretion.
Es bricht förmlich aus der gestrigen Blonden heraus: „Das macht sie doch extra, die Merkel, mit voller Absicht!“ Wir sitzen im Innenhof eines wunderbaren Italieners in der historischen Kochstraße, dem Zeitungsviertel der Weimarer Republik, heute nach Rudi Dutschke benannt und ehedem Sitz der taz. Der Taxifahrer nennt das Lokal „Saal von Tabatschi“ und dabei wollen wir es auch bewenden lassen. Merkel trifft sich hier mittags mit der SPD-Oma Esken; man scherzt klar vernehmbar über Jens Spahn.
Den gleichen Ärger hatten wir schon mit ihr in Charlottenburg im italienischen Lokal Zum kalten Tisch (Tavola Caldo). Auch hier ärgert sich die Blonde über die Fotografen vor der Tür. Ich kannte es bereits vom Einstein Stammhaus in der Kurfürstenstraße, wo sie, als es das noch gab, mit ihrer Büroleiterin im Garten speiste. Eigentlich auch Ort einer eher linksliberalen Klientel. Fehlt nur noch, dass die im Borchardt auftaucht. Mutti inszeniert sich als Flaneur in der Metropole. In Wirklichkeit sind es aber politische Statements.
Merkel zeigt mit dem Esken-Lunch, dass sie mit der SPD könnte; das ist eine Botschaft an Merz, der sich innenpolitisch gerade ein paar Häuserblocks weiter einen Wolf läuft. Vielleicht mag sich Herr Steinmeier (SPD) auch mal mit Herrn Wulff (CDU) zum Essen treffen? Ein Präsidenten-Lunch von zwei echten Hochkarätern. Zu besprechen gäbe es ja was. Die Schwarzen wie die Roten sind angesichts der Erfolge der AfD, jetzt stärkste Partei bei der Sonntagsfrage, nur noch eine RESTERAMPE der festgefahrenen Parteipolitik. Weiter so, im Klo; sagt der Taxifahrer.
Mutti stemmt sich gegen das Überschreiben ihrer Migrationspolitik durch die eigene Partei als Untergang der alten Republik. Sie verweigert die Einsicht, dass dieses Problem den Kommunen nur vor die Füße geworfen worden ist, während der Bund sich einen schlanken Fuß machte. Migration muss man gestalten wollen. Es bedarf nämlich der staatlichen Fürsorge und einer angemessenen Bewirtschaftung. Die Gießkanne Bürgergeld hilft nicht bei der Integration; sie bewässert nur Ghettobildung.
Es ist ja bekannt, dass ich gewohnheitsmäßig bei Schröders Italiener in der Mommsen esse; sollte sie da auch einen Tisch kriegen und ich einen Wein zu viel haben, werde ich mich rübersetzen und es ihr ins Gesicht sagen. „Das wirst Du nicht!“ Sagt die Blonde, die FDP gewählt hat, sich also mit dem Abverkauf auf der Resterampe auskennt. Westerwelle verkehrte hier einst auch, weil er im 2. Stock drüber wohnte. Vergangene Zeiten.