Logbuch

DAS ORAKEL DEBAKEL.

Die alten Griechen und Römer wussten sich in den Händen von Göttern aller Art und glaubten die Erfahrung gemacht zu haben, dass mit deren Stimmungslage nicht zu spaßen war. Die übernatürliche Welt war ihnen unheimlich, zumal nicht frei von Zorn und Rache; mit dem Schicksal aus göttlicher Gnade war es daher so eine Sache. Man wollte deshalb ahnen, was von dort drohe.

Nehmen wir das Orakel zu Delphi; hier erklärte eine Dame nach notorischem Drogenkonsum den Willen des Apoll, also höchsten Ratschluss. Das Luder war aber so high, dass sie in Rätseln sprach. Deren Entschlüsselung erwies sich als tückisch. So wurde Krösus offenbart, dass wenn er gegen die Perser zu Krieg zöge und den Grenzfluss überschritte, ein Weltreich untergehe. Das Debakel mit dem Orakel: Es war sein eigenes Reich, das an der Kriegslust verreckte. Das Orakel war wahr, wahrer als er geglaubt hatte. Apoll ist nämlich der Gott der Dichtkunst.

Die Römer hatten einen eigenen Berufsstand in dem, was man heute Politikberatung nennen würde. Diese Experten der Public Affairs hatten sich einen ganz besonderen Modus ausgedacht. Sie untersuchten die Eingeweide von Opfertieren und lasen als zu dem Zustand von Niere, Leber und Milz, ob es günstig sei, einen Krieg vom Zaune zu brechen oder lieber einen diplomatischen Weg zu suchen. Der Eingeweideschauer hieß HARUSPEX. Ein einträgliches Gewerbe, wie heutzutage der Betrieb einer Law Firm oder einer McBusiness-Bude. Die Ratschläge sind über all die Jahrhunderte dunkel geblieben, daran wird künftig auch KI nichts ändern.

Denn selbstverständlich ist das fauler Zauber, war es immer, Volksverarschung. Kann ich das beweisen? Kann ich. Ich finde bei Cicero folgendes Zitat: „Vetus autem illud Catonis admodum scitum est, qui mirari se aiebat, quod non rideret haruspex haruspicem cum vidisset.” Zu gut deutsch: „Berühmt ist Catos geistreiche Bemerkung, er wundere sich schon, dass ein Haruspex nicht lachen müsse, wenn er einem anderen Haruspex begegne.“ Schreibt schon Cicero.

Sage ich doch. Ein Gewerbe der vorsätzlichen Mehrdeutigkeit; die Kunst, Allerweltsweisheiten im Vagen zu wagen. Cato der Ältere hat den Zirkus der PR-Beratung schon immer durchschaut. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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CHAOS KOORDINATOR.

Was wird wohl auf dem Grab stehen? So sinniert man, wenn ein Politiker fällt. Die meisten wollen ja Wiedergänger sein und wählen den vermeintlichen Nachruf mit Bedacht. Also ist das Epitaph nicht unbedeutend. Was ist der letzte Satz des plötzlich nicht mehr Wichtigen?

Willi der Wähler weiß eigentlich nicht, wie die Macht im politischen Berlin sich organisiert; Wilma die Wählerin auch nicht. Es gibt die Fensterjobs, sagen wir mal, Bundeskanzler, Außenminister und Regierungssprecher. Von denen glaubt man zu wissen, was sie so machen. Und es gibt die wirklichen Zentren der Macht, in den die Strippen gezogen werden, an denen die Marionetten zappeln.

Ein offenes Geheimnis ist die Bedeutung des „Leiter BK“, da der Chef des Bundeskanzleramtes nicht nur den Regierungschef in aller Öffentlichkeit zu organisieren hat, sondern auch Koordinator der Geheimdienste ist. Vom Aufwand her ein Mörderjob. Weshalb ehemalige BK-Chefs sich alle mit Respekt begegnen. Da kenne ich keine Ausnahme. Wer das Amt hatte, verlässt es sehr müde und immer grauhaarig. Graue Eminenzen.

Nicht weniger wichtig sind die Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, zumal der Regierungsfraktionen. Wärter in einem Zoo. Zirkusdirektoren. Denn der Abgeordnete als solcher wird in diese Abstimmungsmaschine gespült, weil der Wähler es wollte oder die Parteilisten es so vorsahen, sprich aus purem Zufall und ist vor allem eins, ahnungslos. Als einzelnes Exemplar schon schwierig, ist er als Gruppe ein kollektiver Trottel. Statt den Direktiven der Regierung zu folgen, bläht er sich „wg. Gewissensfreiheit“ und anderer Vorurteile banalster Art. Die Fraktion ist immer ein Sauhaufen, der Vorsitzende ihr Löwenbändiger. Ein Chaoskoordinator. Der letzte der hier bei den Sozen halbwegs Respekt genoss, war der Genosse Wehner, der dazu alles notwendige im stalinschen Exil zu Moskau gelernt hatte. Bei den Christlichen Jens Spahn, der „pater familias“.

Von Bert Brecht gibt es ein kleines Gedicht, das ein anderer, von mir gleichwohl geschätzter, weil allseits gefürchteter Fraktionsvorsitzender nach seinem Ausscheiden zu rezitieren wusste. Sein Epitaph lautete:
„Den Tigern entrann ich.
Die Wanzen nährte ich.
Aufgefressen wurde ich
von den Mittelmäßigkeiten.“

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FAN VON FREUDE.

Der Bundeskanzler hat sich gegen die Stimmung im Lande gewandt und eine zunehmende Nörgelei beklagt. Das Fernsehen gebe den Übellaunigen zudem noch freigiebig Raum. Dabei sei doch so vieles einfach toll.

Sind wir ein Volk von Grantlern, um das bayerische Wort zu bemühen? Fehlt es den Germanen an gutgelaunter Frohnatur? Vermiesen wir dem siegreichen Sauerländer Merz den Ruhm durch Misanthropie?

Der Kanzler hadert mit dem dunklen Nationalcharakter. Das verstünde man noch, wenn nicht als philosophische Attitüde, so doch als menschliche Regung, wenn er selbst, der Beschwerdeführer, von Scherz, Satire und Ironie getrieben.

Dabei ist er fad. Er macht das ja nicht schlecht. Aber eben auch nicht frei von Vordergründigem. Kubicki kann komisch sein, Gisy und Giffey haben Humor, Merz ist glatt, einfach zu glatt. Wenn unsicher, wirkt er arrogant. Effizienz ist nicht Esprit.

Wenn spontan, patzt er. Jetzt will er auch noch geliebt werden. Das aber ist die vornehmste Aufgabe der hageren Richterin aus dem Sauerland, nicht die des Souveräns. Wenn Fan von Freude, geh im Karneval, aber werde nicht Kanzler. Hier heißt das auferlegte Motto: Dienend verzehre Dich.

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NEUES VON DER RESTERAMPE.

Wir hatten hier schon geklärt, dass wir, in der Tradition von AA Gill,  jede Restaurantbegleitung, auch die männliche, als Blonde führen. Das nur zur Diskretion.

Es bricht förmlich aus der gestrigen Blonden heraus: „Das macht sie doch extra, die Merkel, mit voller Absicht!“ Wir sitzen im Innenhof eines wunderbaren Italieners in der historischen Kochstraße, dem Zeitungsviertel der Weimarer Republik, heute nach Rudi Dutschke benannt und ehedem Sitz der taz. Der Taxifahrer nennt das Lokal „Saal von Tabatschi“ und dabei wollen wir es auch bewenden lassen. Merkel trifft sich hier mittags mit der SPD-Oma Esken; man scherzt klar vernehmbar über Jens Spahn.

Den gleichen Ärger hatten wir schon mit ihr in Charlottenburg im italienischen Lokal Zum kalten Tisch (Tavola Caldo). Auch hier ärgert sich die Blonde über die Fotografen vor der Tür. Ich kannte es bereits vom Einstein Stammhaus in der Kurfürstenstraße, wo sie, als es das noch gab, mit ihrer Büroleiterin im Garten speiste. Eigentlich auch Ort einer eher linksliberalen Klientel. Fehlt nur noch, dass die im Borchardt auftaucht. Mutti inszeniert sich als Flaneur in der Metropole. In Wirklichkeit sind es aber politische Statements.

Merkel zeigt mit dem Esken-Lunch, dass sie mit der SPD könnte; das ist eine Botschaft an Merz, der sich innenpolitisch gerade ein paar Häuserblocks weiter einen Wolf läuft. Vielleicht mag sich Herr Steinmeier (SPD) auch mal mit Herrn Wulff (CDU) zum Essen treffen? Ein Präsidenten-Lunch von zwei echten Hochkarätern. Zu besprechen gäbe es ja was. Die Schwarzen wie die Roten sind angesichts der Erfolge der AfD, jetzt stärkste Partei bei der Sonntagsfrage, nur noch eine RESTERAMPE der festgefahrenen Parteipolitik. Weiter so, im Klo; sagt der Taxifahrer.

Mutti stemmt sich gegen das Überschreiben ihrer Migrationspolitik durch die eigene Partei als Untergang der alten Republik. Sie verweigert die Einsicht, dass dieses Problem den Kommunen nur vor die Füße geworfen worden ist, während der Bund sich einen schlanken Fuß machte. Migration muss man gestalten wollen. Es bedarf nämlich der staatlichen Fürsorge und einer angemessenen Bewirtschaftung. Die Gießkanne Bürgergeld hilft nicht bei der Integration; sie bewässert nur Ghettobildung.

Es ist ja bekannt, dass ich gewohnheitsmäßig bei Schröders Italiener in der Mommsen esse; sollte sie da auch einen Tisch kriegen und ich einen Wein zu viel haben, werde ich mich rübersetzen und es ihr ins Gesicht sagen. „Das wirst Du nicht!“ Sagt die Blonde, die FDP gewählt hat, sich also mit dem Abverkauf auf der Resterampe auskennt. Westerwelle verkehrte hier einst auch, weil er im 2. Stock drüber wohnte. Vergangene Zeiten.