Logbuch
VON SOLDATENWESEN.
Zürich füllt sich mit Gästen und Kloten mit Privatfliegern aus aller Welt. Es rückt die Elite an, um DAVOS zu bevölkern. Und die Hofschranzen. Ich habe kein Zimmer mehr gekriegt und werde in einem AirBnB dreißig Kilometer weiter in den Bergen hausen; befürchte Schlimmes. Jetzt aber zunächst das WIDDER in Zürich, eines der schönsten kleinen Hotels, das ich kenne. In der Bar treffe ich den Russen.
Der Russe gibt sich alle Mühe mir zu erklären, dass er Lette ist, lettischer Staatsbürger. Das ist plötzlich wichtig. Ich kenne ihn noch aus einer Geschichte rund um das Bernsteinzimmer, in der seinerzeit der SPIEGEL-Chefredakteur unterwegs war. Er handelt heutzutage, sagt er, mit Autographen, sprich alten Handschriften. Alles authentisch, sagt er. Jetzt hat er was aus einem Geheimfach in Goethes Schreibtisch, den Rotarmisten 1945 haben mitgehen lassen. Beutekunst.
Eine Handschrift von Jakob Michael Reinhold Lenz aus dem 18. Jahrhundert, in Thüringen verfasst, als dieser vom Weimarer Hof verstoßen war, da er bei einem Hofball eine Dame von Stand zum Tanz gebeten hatte, was einem Bürgerlichen verwehrt war. Der Fürst war über diese „Eseley“ (Goethe) unterrichtet worden und verstieß den gelehrten Hungerleider. Das kannte ich zum Teil noch aus dem Studium. Klang nicht ganz falsch.
Jetzt aber zu DER WALDBRUDER, dem offerierten Manuskript. Darin soll, sagt der nette Lette, Goethes homoerotische Beziehung zu Lenz offenbart werden, vom Geliebten höchstselbst. Daran wäre einiges bemerkenswert. Goethe hatte zu der Zeit etwas mit der VOM STEIN; er wäre also bi unterwegs gewesen. Das würde mich auf den zweiten Blick nicht mal wundern. Allerdings wäre es mir recht, wenn hier nicht der kreuzbrave Schiller noch in Verdacht geriete, das Liebchen Goethens gewesen zu sein.
Der nette Lette legt nach. Er könne auch die Erstausgabe von Lenzens VON SOLDATENWESEN besorgen, mit dem er Herzog Carl August damals eine bedeutende Reform vorgeschlagen habe, nämlich die Einrichtung von kostenlosen Soldatenbordellen. Da reicht es mir. Ich lasse den netten Letten Lette sein und geh ins Bett. In Davos sollte man ausgeschlafen ankommen. Gratis ist da nämlich nix.
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TRAU SCHAU WEM.
Eine Meinungsumfrage zum beabsichtigten Wahlverhalten, die die BILD AM SONNTAG bei INSA in Auftrag gegeben hat, die sogenannte Sonntagsfrage, sieht die „SPARTACUS-Initiative Sarah Wage-es-Knecht“ einer unbelehrbaren Kommunistin aus der DDR, bei 14 Prozent, so groß und gut wie die SPD (14%) oder die Grünen; FDP (4%) draußen wie die Linkspartei. Ich glaube das nicht wirklich.
Eine Recherche der Faktenchecker COLLECTIV, eine grün-rote Truppe von brotlosen Gesinnungsjournalisten, die einst ein Verleger der WAZ sich herangezogen hat und die nun auf Staatsknete wie Spenden spekulieren, wollen eine WANNSEE-KONFERENZ in Potsdam ausgehoben haben, die rassistische Säuberungen beschlossen habe, gar eine Endlösung. Angehaiderte Ösis, die von Bio-Deutschen schwärmen. Ich glaube das nicht wirklich.
Ich fürchte vorsätzlich keine REVOLUTION von links und keinen REAKTIONÄREN Umsturz von rechts. Beides würde ich selbstverständlich entschieden nicht wollen; weder die DDR noch den NAZI-STAAT. Drohen die denn? Nun sagt man mir: „Wehret den Anfängen!“ Das ist was dran, aber riecht danach, dass man mich drängen will, die lendenlahme Mitte gegen die teuflischen Ränder zu stärken. Das wiederum ist jene Logik, die ich von Notstandsregimen kenne. Ich habe Verdacht auf Propaganda.
Man will mich mit der Furcht vor dem Teufel wieder auf die Kirchenbank zwingen. Das gefällt mir nicht. Ich werde die Mitte nicht deshalb stärken, weil sie mir Angst vor den Rändern macht. Ich werde wählen, aber nicht unter der Knute eines selbsternannten Notstandsregimes, das mit fadenscheinigen Inszenierungen über die eigene Impotenz hinwegtäuschen will.
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SCHUHE.
Mir fällt auf, dass die BBC stets von „clothing and footwear“ spricht, für den Engländer also Schuhe nicht zur Bekleidung gehören. Das muss historische Gründe haben. Schneider und Schuster waren wohl unterschiedliche Zünfte. Zu verstehen ist das eigentlich nicht. Nichts spiegelt mehr den Charakter als der Schuh.
Bei der Kleidung ist das ja akzeptiert, dass neben der instrumentellen Funktion, sprich zu wärmen und die Scham zu bedecken, die kommunikativen eine große Rolle spielt, vielleicht die größere. Wer sich kleidet, verkleidet sich: Man zeigt, als was man gelten will. Im kulturellen Sinne ist jede Kleidung ein individuelles Kostüm und Uniform des gewählten Lebensstils zugleich.
Der sorglose Umgang mit den Brocken ist eben auch eine Aussage. Zur Jogginghose ist alles gesagt. Anmerkungen hätte ich noch zum Deichmann-Treter und dem Rentnerbeige wie der praktischen Multifunktionsjacke. Wie zum sogenannten Getto-Aigner und Nutten-Versace. Allerdings ist die Geschmacklosigkeit nicht den unteren Schichten vorbehalten. Das obere Kleinbürgertum weist hier die eklatantesten Fehlgriffe auf. Ich sage nur: „Rooobert…“
Gut gekleidet ist unsere Bundesaußenministerin, die aus dem Völkerrecht kommt. Sie lässt von sich Fotos machen und verbreiten, die dem Stöckelschuh zu neuen Ehren verhelfen. Assoziativ mag der Stiletto genannte Hochabsatz im Milieu beliebt sein und dem Grünen eher die Plattfußsandale namens Birkenstock zuzuschreiben, jetzt aber verlässt sie einen Truppentransporter in einem sehr zivilen Halbschuh, der mir wirklich gefällt. Dass sie gar nicht mit dem militärischen Flieger angereist ist und die Regierungsmaschine im Hintergrund steht, das anzumerken, ließe auf ein Rummäkeln an feministischer Außenpolitik aufscheinen, was sich verbietet.
Der geschätzte Herr Bundespräsident ist zurückhaltender in Modefragen, da er keine Konfektion tragen kann. Ich würde aber anregen, dass er sich weiße Sneaker fertigen lässt; das gäbe seiner eher betulichen Amtsführung etwas Frisches. Ich kenne da in Berlin eine orthopädische Werkstatt, die so was könnte. Aber lassen wir die große Politik und wenden uns dem diskreten Charme der Bourgeoisie zu.
Was trägt eigentlich die hanseatische Erbin Christina Block, der Steak-Häuser und Hamburger Hotels zu eigen sind, an Schuhwerk? Ich meine, wenn Schuhe ein Spiegel des Charakters sind, dann ist das doch eine wirklich interessante Frage.
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MASCHINE & MENSCH.
Die Maschinen haben uns von der Schinderei befreit. Der Rikscha-Fahrer hat nun ein Moped, Tuktuk genannt. Im Großen war es die Dampfmaschine, die den Zug zog oder die Kohle wie das Wasser aus der Grube holte. Den Weg von meinem Landsitz ins Berliner Büro hätte ich früher laut Routenplaner in 7 Tagen und 8 Stunden erwandern können, mit Nachtruhen also in zwei Wochen; jetzt fährt mich der Selbstzünder in weniger als 6 Stunden. Es ist die gute alte Maschine, die uns allzu harte körperliche Arbeit erspart. Ich verehre sie, die Maschine.
Diese Revolution soll nun auch für die geistige Arbeit anstehen, höre ich. Wir werden uns über vieles nicht mehr den Kopf machen müssen, weil das die neue Maschine namens Künstliche Intelligenz für uns machen wird. Der Rikscha-Fahrer hatte noch einen Abakus, der Steiger schon einen Rechenschieber, ich als Schüler ein Gerät von Texas Instruments, mein Selbstzünder heutzutage ein Navi. Ich muss nicht mehr Kopfrechnen. Ich fürchte, ich könnte es auch gar nicht mehr; Mathe war nicht meine Stärke. Ich verehre sie deshalb, die Mathematiker.
Eher schon konnte ich Geographie. Jetzt zur Episode. Ich war mit einer Gruppe hochrangiger Rüstungsmanager auf Charles De Gaulle gelandet, um eine Messe außerhalb von Paris auf einem kleineren Flugplatz zu besuchen. Wir bestiegen einen Bus und der freundliche Kollege am Steuer stellte das Navi scharf. Ich schlief ein. Aufwachend sehe ich, dass die Sonne für unsere Fahrtrichtung falsch steht. Wo fährt der Kerl hin? Ich erwähne Le Bourget; er lächelt. Als die Fahrt dann vor einem Museum namens Bordelle endet, sind wir mitten in Montparnasse; der Fahrer hatte uns mit einer Touristengruppe verwechselt und das Navi entsprechend eingestellt. Zwölf Top-Manager nennen einen Algerier einen Deppen und sind es doch selbst. Ich gebe trotz des Desasters ein anständiges Trinkgeld. Mit Taxis raus nach Le Bourget…
Niemals wird ein Auto „autonom“ fahren, auch wenn das der Irre von Tesla behauptet; vielleicht wird es bald „automatisiert“ fahren. Schon jetzt hilft mir die Schüssel dank der Rundumkamera viel. Aber einen dämlichen Touri von einem blitzgescheiten Kernphysiker zu unterscheiden, dass ist dem Pied Noir überlassen, den zu tadeln ich keinen Grund habe. In China, höre ich, weiß der Bus selbst dank Gesichtserkennung, wo man hinfahren soll und wer mitdarf. Da ist der Rikscha-Fahrer inzwischen also übers Moped hinaus. Im Osten geht die Sonne auf.