Logbuch
KULTURKAMPF.
Der Deutsche Bundestag wird zwar von einer Weinkönigin geleitet, aber zeigt sich gastronomisch zugeknöpft. Ich berichte als rasender Reporter exklusiv aus der Reichshauptstadt.
Wer will, dass der Abgeordnete (MdB) sein Müsli hatte, bevor er im Reichstag zur Abstimmung schreitet, der ist Förderer der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG) und darf schon früh morgens dinieren in deren Lokalitäten, die, man ahnt es, just gegenüber dem Parlamentsgebäude liegen. Gelegentlich gelingt es Lobbyisten hier eine Veranstaltung reinzumieten, die der Weihe des Ortes wegen dann Parlamentarischer Abend heißt und den politischen Laien beeindrucken soll.
Der Aufwand für die Edelkantine ist erheblich, da der Sicherheitsstandard des Deutschen Bundestages angelegt wird. Ich war noch kürzlich hier zu einem Gartenfest der von mir geschätzten Seeheimer; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Neben den Salons und dem Restaurant gibt es im Keller auch eine Kneipe, in der sich der Volksdeputierte geschützt besaufen kann. Publikum wie Presse unerwünscht, weil privat, da für Parlamentarier.
Das ist nun gefährdet. Mit der neuen Fraktion am rechten Rand ziehen nicht nur peinliche Proleten aus der Provinz ins Hohe Haus, sondern auch die Horden ihrer braun gewirkten Mitarbeiter, raue Gesellen, die Schnaps saufen, Zoten reißen und völkisches Liedgut pflegen. Auch Journalisten in der Entourage. Heino sei gesungen worden, sagt mir eine Genossin; man könne sich da nicht mehr sehen lassen, klagt eine andere aus der FDP. Beide wollten nicht als „schöne Maid“ adressiert werden und hätten die Frage, ob sie denn heute für einen Deutschnationalen „Zeit hätten“ wohl auch eher verneint. Berlin reagiert bürgerlich verschnupft: Man legt bei der DPG gute 40 Aufnahmeanträge der AfD für die Parlamentarische Sause auf Eis. Brandmauer. Wählervotum storniert.
Ich kenne die Räumlichkeiten recht gut und wohl auch ihre Geschichte. Hier hat im Übergang von Weimarer Zeit zum Dritten Reich der Präsident des Reichstages (und Preußische Präses) Hermann Göring (NSDAP) gesessen. Es gab von seinem Büro in den gegenüberliegenden Reichstag einen unterirdischen Gang, der diskreten und schnellen Zugang erlaubte. Das will die AfD als Lokalität nicht verweigert wissen; zumal die Bude steuerlich subventioniert. Verstehe ich. Siehe Göring. So ein Zugang ist ungemein praktisch, wenn man den Reichstag mal wieder anstecken will.
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ORDER! ORDER!
Mit griechischen Freunden diskutiere ich im Mutterland der Demokratie über deren Grundsätze. Dabei ist jede Ansicht erlaubt, es herrscht bedingungslos Meinungsfreiheit, aber nicht jedes Verfahren geht durch. Mein Freund Leonidas, der die wilde Sitzung zu leiten versucht, brüllt, so es ihm zu bunt wird, ein entschiedenes ORDER in die Debatte. Der Mann hat eine englische Erziehung genossen; in Westminster macht man es so, wenn es um Belange der Geschäftsordnung geht. Wir kennen das aus Vereinsdebatten, wenn ein Kombattant zur Wortmeldung beide Arme hebt. Auf Griechisch heißt das ORDER ORDER, nicht lachen: TAXI! TAXI! Das gefällt mir.
In der deutschen Heimat Aufgeregtheit über Koalitionsfragen in Berlin und Magdeburg. Rührseligkeit bei den Sozialdemokraten darüber, dass der Boris aus Osnabrück die Nationalhymne unter‘m Brandenburger Tor singt. Pathos-Alarm. Lars wird als zu lau kritisiert. Man reibt sich die Augen. Ich rufe: Taxi! Taxi!
Was also ist der guten Ordnung nach über Parlamente und Regierungsbildungen zu sagen? Ich nenne die drei entscheidenden Konditionen. Wenn es sich um allgemeine und freie Wahlen gehandelt hat und wenn die Wahlbeteiligung erheblich war und wenn die so gewählten Deputierten nur ihrem Gewissen verantwortlich sind, dann muss im Parlament jeder mit jedem zumindest reden können. Ja, man muss auch mit Kommunisten reden. Ja, man muss auch mit Faschisten reden. So beide hier, weil demokratisch legitimiert. Ja, Mehrheiten sind eine Frage der Arithmetik. Und wer sie hat, der hat sie. Auszählen! So einfach ist das.
Das zum Grundsätzlichen. Jetzt zur Rede von dem US-Kubaner mit dem schlecht gefärbten Haupthaar hier an der Akropolis. Der amtierende amerikanische Außenminister will dabei mit viel Pathos den WESTEN begründen als eine Hegemonie der Neuen Rechten. Ach je, der reaktionäre Okzident als Konzept. Kampf dem Orient. Wie ist der denn drauf? Das glaubt vielleicht Joe Six-Pack aus Texas, aber hier in Athen, unter der Akropolis, da kann ich ob solch reaktionärer Schlichtheit nur TAXI TAXI rufen. Ein Uber missversteht das, hält und bringt mich zum Hotel, das GRAND BRETAGNE heißt. Recht so! Westminster.
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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.
Politik kommt von Polis, der Stadt, genauer, dem Stadtstaat. Das ist bei den Alten natürlich vor allem Athen. Vielleicht noch, als Kontrast, Sparta. Ich sitze zum Frühstück auf der Dachterrasse des Grand Bretagne am Syntagma-Platz und schaue auf die Akropolis, deren Tempel man passenderweise genau gegenüber gebaut hat. Frühe Städte entstehen auf der Grundlage einer günstigen Geographie. Was die Natur vorgerichtet, ist den Städtebauern ersparte Arbeit.
Auch bei Rom, der später vorbildlichen Polis, soll es sieben Hügel gegeben haben, die zur Besiedlung einluden. Hier war das Pendant die Hafenstadt in Nordafrika namens Carthago. Das Mittelmeer bot an den endlosen Küsten des Stiefels viele Landungsgelegenheiten für Schiffe, entsprechend besiedelt war es; auf der afrikanischen Seite waren die Dinge schroffer, nur Carthago bot hier natürlichen Schutz.
Von Venedig nicht zu sprechen, wo der Schutz der Lagune eine Weltmacht erblühen ließ. Überhaupt sind es Seefahrt und Schiffbau, die die historischen Metropolen schaffen. Also Logistik. Daran erblühte ehrlicher Handel und frecher Raub, oft beides in einem. Die Wikinger waren noch Vagabunden, die Hanse machte daraus einen bürgerlichen Beruf.
So bewerkstelligten der Wind und Geschick, was heute die Diesel leisten. Solches hörte ich gern von meinem Vers.
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MEMENTO MORI.
Gestern durfte ich mit der Blonden einen Wein verkosten, der ihr nun gar nicht schmeckte. Erster Hinweis: Die Blonde, englisch „the blond“, ist keine natürliche Person, sondern eine literarische Figur des großen A. A. GILL, eines verstorbenen Journalisten meiner Generation, den ich sehr schätze. Er ist der mit Abstand beste Restaurantkritiker, den ich je kennengelernt habe; von großem Biss („acerbic“) und für mich mit einer gewissen Tragik. Dazu mehr am Schluss. AA Gill nutzte die Blonde als rhetorische Figur, um über zwei Menus berichten zu können, seines und ihres; ging aber oft allein essen und meist nur zum Lunch (wenn er auch dabei das Dinner nahm).
Es gab gestern bei Carl&Sophie einen Rheingauriesling von Wegeler, der schon ein gutes Jahrzehnt in der Flasche war. Das können sie in Oestrich-Winkel. Ich fand ihn großartig und die Blonde sagt, er schmeckt nach Reifen. Wie kann ein Winzersekt nach Reifen schmecken? Nun gibt es beim Wein drei Säulenheilige, den Önologen, den Sommelier und den Connaisseur. Zunächst zum ersten, dem Winzer. Mein Rat, besuchen Sie ihn; sagen Sie ihm vorher, dass Sie sicher einen Kofferraum voll erstehen werden und dann lassen Sie ihn in seinem Keller reden. Fragen Sie ihm Löcher in den Bauch. Das wird ein Bildungserlebnis.
Mit dem Weinkellner im Resto reden wir gar nicht. Das ist immer ein eitler Fatzke, der dummschwätzt. Man nennt seine Geschmacksrichtung und das Preisniveau. Damit lässt man ihn machen. Nur der Connaisseur labert mit dem Dackel im Frack. Wir lauschen dagegen der Blonden und widersprechen nicht. Das befördert den weiteren Abend. Von mir aus eben Reifen.
Der Önologe erzählt vom Winzersterben, vielen Familienbetrieben geht es an den Kragen und der Winzer greift zum Strick. Er sagt: „Da müssen die Bäum dann starke Äst haben.“ Erinnert mich an AA Gill, der von seinem nahenden Tod wusste und das Wissen mit seinen Lesern geteilt hat. Bittere Stücke, die letzten. Man wusste, dass sie das sind, die letzten. Und so war es dann auch. Mit wem die Blonde jetzt wohl geht?