Logbuch
MIT GEWÄHR.
Eine Soziologie der Industrie, das wäre mal ein interessantes Thema. Da ginge es um die Frage, wie so große Gebilde wie Industrieunternehmen funktionieren, zunächst mal unabhängig davon, was genau sie jetzt fertigen. Über Familienbetriebe in Handel und Handwerk weiß jedermann Bescheid, weil er über die Ladentheke schielen kann oder durch die Werkstatttür. Wie aber geht ein BASF oder eine AEG? Und wie gehen diese Monster mit tausenden von Beschäftigten in anderen Erdteilen? Sagen wir BYD.
Ich habe den ersten Teil meines Berufslebens in Industrien verbracht und weiß, wie das soziale Milieu in den Chefetagen hinter den Hallen so riecht. Übrigens für die politische Klasse ein eher seltenes Wissen, da sie sich im Dreierschritt rekrutiert von Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Im Ernst: Wenn es ein Innenleben von Kirchen, Internaten oder Kasernen gibt, so muss es auch eines bei jenen geben, die die Großindustrie lenken. Deren Soziologie würde man mal erforschen sollen. Als erstes zeige man mir das Casino, die Kantine der Leitenden. Der diskrete Charme der Bourgeoisie.
Zwei Beobachtungen. Zunächst eine generelle. Je mehr sich die Sozialstruktur des Unternehmens einer Zwiebel nähert, dünne Wurzeln, dünne Triebe, aber dicker Bauch, desto mehr ist der Laden dem Untergang geweiht. In der Mitte da sitzt die Lehmschicht. Sie isoliert die Führung vom Betrieb und den Betrieb von der Führung, frisst Gemeinkosten wie blöd und leistet nichts. Die Lehmschicht ist eine Lähmschicht. Deshalb auch vollkommen resistent gegen jedwede Rationalisierung.
Was hilft? Zweites Beispiel. TOYOTA verlängert die Garantie auf seine Automobile, diese an Verlässlichkeit nicht zu übertreffenden kreuzhässlichen Schüsseln auf 15 Jahre. Das sind drei Vorstandsverträge in Folge. Damit holt jeder Konstruktionsmangel seine Verursacher ein. Das ist klug. Wahrscheinlich wird für die Kunden dabei der Service Pflicht; aber das ist eh schlau, ordentlich zu warten. Übrigens ist jede Batterie, die heutzutage in diese rollenden Musikboxen der E-Mobilität eingebaut wird, nach 8 oder 10 Jahren fertig; kostet als Ersatzteil 30k oder mehr. Auf Gewährleistung? Das wird spannend; das wird sogar sehr spannend.
Was lernen wir? Der Mittelbau ist die Sau. Und Gewährleistung schlau.
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KINDESWOHL.
Es gibt gerade zwei Geschichten, die für mich noch nicht erzählt sind, weil ich in einen Abgrund menschlicher Verzweiflung schaue, vielleicht auch der Niedertracht; ich weiß es nicht und will den Stab nicht brechen. Gleichzeitig sehe ich die lüsterne Erwartung der notorischen Vorurteilsträger, aus dem Bösen in ihrer Version der Dinge ein vernichtendes Urteil über diese oder jene Welt sprechen zu können. Alle Seiten reden dabei vom Kindeswohl. Bei solchen Kindeswohltätern habe ich Zweifel. Auch, was Väter wie Mütter, beide, angeht.
Da ist der Fall der Hamburger Hotelerbin, die ihre Kinder vom Gatten aus Dänemark zurückentführen lässt und sich dabei eines Milieus der Schlapphüte bedient. Das Imperium der sehr deutschen Familie gründet auf Steakrestaurants und ich sehe den Einfluss von Katzowen auch in anderem. Bekannte PR-Kollegen mühen sich eigenem Bekunden nach darum, der furchtbaren Mutter die Rachegelüste aus dem versteinerten Antlitz zu retuschieren. Ich habe Zweifel.
Und jetzt der sechsfache Mord in Stade an Sozialpädagogen, die eine elterliche Sorgerechtssache zu entscheiden hatten. Es ging um einen Säugling, der Ärzten in Hannover als Notfall vorgestellt, diese ein typisches Schleudertrauma aus Fremdeinwirkung erkennen ließen und zur Anzeige bringen. Kindeswohl in ganz handgreiflichem Sinne. Der Vater wird zum mehrfachen Mörder. Damit verantwortlich für ein unermessliches Leid in vielen Familien.
Es geht nicht darum, dass sich der erste Fall um Menschen aus der hanseatischen Bourgeoisie geht und im zweiten um ein Milieu türkischer Zuwanderung, also diese oder jene soziale oder kulturelle oder religiöse Zuweisung. Es ginge mir, sollte ich diese Geschichten erzählen müssen, um Kindeswohl. Der Staat hat, auch wenn dies höchst schwierig ist, auf der Seite der Schutzbedürftigen zu stehen. Ob die mit dieser Aufgabe offensichtlich überforderten Angehörigen aus Altona stammen oder aus Anatolien, ist ehrlich gesagt eigentlich egal.
Ich verneige mich schon jetzt vor jenen, deren Beruf es ist, sich um das Wohl anderer Leute Kinder zu kümmern. Salut!
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HUNDSTAGE.
Gestern habe ich mich unfreiwillig vom touristischen Reiz des Jerichower Landes überzeugen können. Uwe Johnson kommt von hier. Die Autobahn nach Berlin wies eine Vollsperrung auf und das von der Firma HORCH zu verantwortende Elends-Navi schickte mich in eine Irrfahrt, die nach einer knappen Stunde wieder begann, wo sie geendet hatte. Mein Handy zur Hilfe nehmend, hatte ich zwar plötzlich CAR PLAY installiert, sollte aber immer noch zurück in die Vollsperrung, aus der ich kam. Mein herzlicher Gruß geht an die Kollegen in Neckarsulm. Blechbieger!
Der verlässlich rot-grüne DEUTSCHLANDFUNK überträgt derweil O-Töne des Parteivorsitzenden der Grünen, der beklagt, dass die Bundesregierung noch immer nicht das Recht aufgehoben habe, sich in seinen Keller eine Öl- oder Gasheizung einzubauen. Kaum ist es 40 Grad in Jerichow und die Öko-Diktatur lässt die liberale Maske fallen. Das ist er wieder der Zwang zur heilsbewehrten Wärmepumpe. Wie kühlt die eigentlich so bei 40 Grad in Jerichow ein Haus? Gar nicht. An der Tanke in der Stadt Brandenburg eine lange Schlange gestrandeter TESLA-Schlitten; ich vermute deren Navi ist besser, so dass sie genau wissen, wo sie sind und wo sie gerade nicht an die Ladesäule rankommen.
Jericho ist im jüdischen Teil der Bibel der Zugang zum Paradies und im christlichen der Ort einer interessanten Begegnung zwischen einem römischen Finanzbeamten und dem Nazarener. Jesus entdeckt ihn auf einem Baum als Gaffer und erkennt sofort die Gelegenheit für einen seiner PR-Stunts. Er bittet ihn runter, weil er bei ihm zuhause einkehren wolle. Die Steuereintreiber waren schon damals nicht beliebt und so staunte das Volk. Jesus aber verhandelte flux einen neuen Spitzensteuersatz und bekehrte den Beamten zum Christentum. Rupp zupp. So gewinnt man Jünger!
Wie fand ich aus Jerichow raus und zurück in die Metropole? Navi aus. Handy in die Hose. Karawaneninstinkt. Ich warte lauernd an der Ausfallstraße von Brandenburg an der Havel auf einen polnischen Tieflader mit im Blech leicht ramponierten Luxusschüsseln, er kommt schon bald und ich hänge mich dahinter. Ich wusste, dass der seinen Weg nach Frankfurt / Oder findet und dafür an Berlin vorbeischrappt. Und so war es. Serdecznie dziękuję, kolego! Danke Kumpel.
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DIE IDEN DES MERZ.
Politische Parteien haben Köpfe, die sie repräsentieren. Aber auch einen Bauch, in dem es schon mal grummelt. Was ist gefährlicher für ihren Erfolg, Kopfschmerzen oder Magendarm? Das Schicksal von Friedrich Merz wird diese Frage beantworten.
Konservative Kräfte in CDU und CSU fremdeln mit dem aalglatten Fritz, der sich in Debatten zum Hansel der AfD machen lässt und in ethischen Grundsätzen als schwankendes Rohr im Wind erscheint. Ich weiß nicht, was genau Merkels Abscheu vor dem Schlacks aus dem Sauerland begründete, aber ihre Abneigung wirkt im Bauch der Union nach.
Merzens Neigung zu großen außenpolitischen Gesten kann die Aversion der Piffer in der Provinz noch verstärken. Sein Vorgänger ist daran gescheitert, dass er sein eigenes Kabinett nicht in den Griff kriegte. Verstärkt wird die Wirkung dieser häuslichen Impotenz von politischen Fehlern großer Symbolkraft, etwa dem Verzicht auf die Einlösung von Wahlversprechen. Das Volk ist ein gutmütiger Trottel, ja, aber regelrecht verarschen lässt es sich nicht. Jedenfalls nicht alle Wähler. Oder einige immer.
Ganz anders die Stimmung in der SPD. Hier ist man mit dem unambitionierten Pummel aus der Heide hochzufrieden. Es hapert für‘s Wahlvolk bei dem Bräsigen noch an Bekanntheit, aber der Bauch der SPD grummelt nicht. Käme Lars Klüngelbiel als Person noch zu einer gewissen Bekanntheit, sind gut und gerne 15 oder 16 Prozent für die Sozis drin. Das ist ja dreimal soviel wie die FDP und rund halb soviel wie die AfD. Der Fraktionssaal des Otto Wels wird damit zwar nicht mehr voll, aber kein Grund, sich Sorgen zu machen.
Ich sage trotzdem nicht, dass die Iden des Merzes anstehen. Diese Bundesregierung wackelt nicht. Sie kriegt die vom Hegemon verordnete Aufrüstung ja sogar mit der Unterstützung der Sozialdemokraten aus dem Otto-Wels-Saal hin. Gekippt könnte sie werden, wenn die ehedem regierenden Grünen ihre Rolle als Opposition im Parlament ernstnähmen. Die grünen Köpfe aber haben sich verpisst, auf lukrative oder lustige Posten politischer Frühstücksdirektoren. Was da noch grün im Bundestag grummelt, ist deren Magendarm. Bunte Fähnchen in lauem Wind.
Während ich dies schreibe, geht zu meiner Rechten im sommerlichen Hamburg hinter dem neuen SPIEGEL-Gebäude die Sonne auf. Das alte Gebäude des Sturmgeschützes der Demokratie zu meiner Linken scheint jetzt eine Anwaltskanzlei zu beherbergen. Da saß mal eine Macht. Ich in der Mitte weiß, von der politischen Presse geht keine Gefahr mehr aus. Keine Iden des Merz. Das ist für meine Generation echt bitter.